Lesezeit | 15. – 22.06.2022 Halldór Laxness: Das gute Fräulein und das herrschaftliche Haus

Halldór Laxness (1902–1998) gilt als erster isländischer Schriftsteller von Weltrang. Sein reiches Œuvre wurde in viele Sprachen übersetzt. Zu seinen bekannten Werken gehören die Romane "Salka Valka", "Sein eigener Herr" und "Die Islandglocke". 1955 erhielt Laxness den Nobelpreis für Literatur. In der Lesezeit auf MDR KULTUR liest Ingeborg Kallweit die frühe Erzählung "Das gute Fräulein und das herrschaftliche Haus".

Halldor Laxness
Halldor Laxness (1902–1998) Bildrechte: dpa

Halldór Laxness, 1902 in Reykjavík geboren, schrieb schon als Gymnasiast seinen ersten Roman. Sein umfangreiches Werk umfasst außerdem Erzählungen, Gedichte, Essays, Bühnenstücke sowie journalistische Arbeiten. Sein literarisches Schaffen ist tief in der reichen isländischen Sagenliteratur verwurzelt ist, weist aber auch Einflüsse der europäischen Moderne auf. Zudem findet Laxness' persönliche Wandlung Niederschlag in seinem Werk.

Als junger Mann konvertierte er zum Katholizismus, von einem Aufenthalt in den USA kehrte er 1929 als Sozialist nach Island zurück. In den folgenden Jahren schrieb Laxness eine Reihe sozialkritischer Romane. In dieser Zeit enstand auch die Geschichte "Das gute Fräulein und das herrschaftliche Haus" (1933). Sie gilt als frühes Meisterwerk unter den Erzählungen des Schriftstellers.

Das gute Fräulein und das herrschaftliche Haus

Die Erzählung spielt im bürgerlich-dörflichen Milieu Islands. In den besseren Kreisen gehört es zum guten Ton, die Töchter vor der Ehe nach Dänemark zu schicken. Rannveig, die jüngere Tochter des Probstes, ist bereits 30 Jahre, aber immer noch unverheiratet, als sie nach Kopenhagen reisen soll. Es fällt ihr nicht leicht, ihre Heimat zu verlassen. Sie fühlt sich den Bewohnern des Dorfes sehr verbunden und ist allseits beliebt.

Thuridur, Rannveigs ältere Schwester, hat den zweijährigen Aufenthalt bei der Familie Christensen, bei der auch Rannveig wohnen soll, bereits erfolgreich absolviert und bald nach ihrer Rückkehr einen wohlhabenden Ehemann gefunden. Mit ihm und ihren vier Kindern lebt sie nun im größten Haus des Ortes, das von allen das "herrschaftliche Haus" genannt wird.

Bereits nach wenigen Monaten kehrt Rannveig schwanger aus Dänemark zurück. Thuridur erzählt im Dorf, ihre Schwester sei mit einem Dänischen Gelehrten verlobt, der nach Beendigung seiner Doktorarbeit nach Island kommen würde. Die Familie beginnt mit aufwendigen Hochzeitsvorbereitungen, doch Rannveig scheint sich gar nicht zu freuen.

Zitat aus "Das gute Fräulein und das herrschaftliche Haus" "Die einfachen Frauen kamen aus den Türen ihrer Hütten und betrachteten voll Bewunderung die Prozession und sagten: 'Jetzt wollen sie ihr das Zimmer ihres Verlobten zeigen.' Andere sagten: 'Ach das liebe Mädchen, ist es nicht seltsam, wie gebückt sie geht, obwohl das große Glück auf sie wartet?' 'Ja', antworteten wieder andere, 'und sie lächelt keinem mehr zu. Es ist, als ob das Leben in ihren Augen erstarrt sei."

Als das Schiff im Frühjahr aus Kopenhagen eintrifft, bringt es nicht den Verlobten, sondern die Nachricht, dass er unerwartet verstorben sei. Nach der Geburt ihres Sohnes blüht Rannveig wieder auf. Sie geht mit dem Kind durchs Dorf und zeigt es den alten Häuslerfrauen, doch ihr Glück ist nur von kurzer Dauer.

Im Namen der Wohlanständigkeit wird Rannveig von ihrer Familie bevormundet und betrogen. Insbesondere Thuridur setzte alles daran, die Fehltritte der Schwester zu verbergen und die Gescheiterte auszugrenzen. Unaufgeregt, beobachtend und mit feiner Ironie beschreibt Halldór Laxness die isländische Dorfgemeinschaft, entlarvt die Scheinmoral der besseren Kreise und zeigt, wie Stolz und falsche Ehrvorstellungen zu Entfremdung und Ausgrenzung führen können.

Der Autor Halldór Laxness

Halldor Laxness
Halldor Laxness Bildrechte: imago/ZUMA/Keystone

Halldór Kiljan Laxness wurde als Halldór Guðjónsson im April 1902 in Reykjavík geboren. Seine wohlhabende Familie garantierte ihm eine umfassende Bildung, sowie viele Reisen durch die Welt. Seinen Romanen sind seine Erlebnisse und Erfahrungen seiner zahlreichen Reisen anzumerken. 1955 wurde Laxness mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet und gilt als erster Autor aus Island, der weltbekannt wurde. Laxness erhielt 1953 den Weltfriedenspreis und verschiedene Ehrendoktorwürden. Er starb am 8. Februar 1998 in Reykjalundur bei Mosfellsbær.

Die Sprecherin Ingeborg Kallweit

Ingeborg Kallweit, geboren 1938 in Magdeburg, absolvierte ihr Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, wo sie auch ihr erstes Engagement hatte. Es folgten Auftritte an zahlreichen deutschen Bühnen.

Seit den 1970er Jahren war sie auch als Sprecherin für Hörfunk, Fernsehen und Hörbuchproduktionen tätig. So hat sie u.a. bei den bekannten Hörspielserien "Fünf Freunde", "Die drei ???" und "Ein Fall für TKKG". Im ARD Radio-Tatort von Radio Bremen spricht sie die Rolle der Gerichtsmedizinerin Dr. Elisabeth Michel. Ingeborg Kallweit lebt in Hamburg.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
Das gute Fräulein und das herrschaftliche Haus (6 Folgen)             
Von Halldor Laxness

Übersetzung: Hubert Seelow
Es liest: Ingeborg Kallweit
Produktion: NDR 2007 

Sendung: 15. – 22.06.2022 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 15. – 22.06.2022 | 19:05-19:35 Uhr

Alle Folgen dieser Lesezeit stehen hier 60 Tage zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Juni 2022 | 09:05 Uhr

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