Lesezeit | 24.01. - 04.02.2022 Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

Nach ihrer von Publikum und Kritik gefeierten, autofiktionalen April-Trilogie legte Angelika Klüssendorf letztes Jahr einen neuen Roman vor. In "Vierunddreißigster September" erzählt sie hintersinnig und mit skurrilem Humor von den Bewohnern eines kleinen ostdeutschen Dorfes – den Lebenden und den Toten. Auf MDR KULTUR senden wir das Buch in einer leicht gekürzten Lesefassung mit Corinna Harfouch und Walter Kreye.

Angelika Klüssendorf
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Ein tristes Dorf in der ostdeutschen Provinz ist Schauplatz von Angelika Klüssendorfs Roman "Vierunddreißigster September". Ländliche Idylle kommt hier nicht auf. Gleich zu Beginn wird bei Walter, einem griesgrämigen alten Mann, ein inoperabler Hirntumor diagnostiziert. Die Krankheit führt zu einem überraschenden Wesenswandel. Statt kalt und jähzornig ist er plötzlich sanft und zugewandt. Seine Frau Hilde ist darüber nach vierzig bitteren Ehejahren ziemlich verwirrt.

Am liebsten hätte sie gegen seine Freundlichkeit angebrüllt. Hatte er denn alles vergessen? Wo war sein trockener, staubiger Kern, wo seine Bösartigkeit geblieben?

Angelika Klüssendorf Vierunddreißigster September

Ein Toter wird zum Chronisten

In der Silvesternacht erschlägt Hilde ihren Mann mit der Axt. Danach geht sie auf eine Feier bei ihrer Nachbarin, einer Schriftstellerin, und verschwindet spurlos. Warum hat sie ihn umgebracht? Aus Hass oder aus Barmherzigkeit? Das möchte der tote Walter auch gern wissen. Der taucht überraschend als Erzähler wieder auf und berichtet von seiner eigenen Beerdigung.

Die Erde fällt dumpf auf den Sargdeckel. Ich verabschiede mich von meinen sterblichen Überresten. Die anderen Toten schauen gelangweilt - welch billiges Spektakel, verraten ihre Mienen.

Angelika Klüssendorf Vierunddreißigster September

Der tote Walter versucht, herauszufinden, was passiert ist. Von den anderen Verstorbenen zum Chronisten ernannt, soll er über die Geschehnisse im Dorf berichten. Er beobachtet die Bewohner, lernt ihre Sehnsüchte und Geheimnisse kennen.

Eine skurrile Dorfgemeinschaft

Klüssendorf entwirft ein ganzes ein Panoptikum absonderlicher Figuren: Da ist Wolfgang, der frustrierte Biobauer und heimliche Dorfpolizist, die dicke Hubert, die sich an guten Tagen wie ein Nilpferd fühlt, und ihr Sohn, der einbeinige Hans. Da ist der arbeitsloser Säufer Heinrich und Röschen, eine alte Frau, die alleine im Wald lebt. Es gibt Männer mit Namen wie Bipolarchen, Eisenalex oder Herr Geist.

Und auch die Toten gehören zu dieser skurrilen Dorfgemeinschaft: Hildes Mutter Gerda Engel, Röschens Sohn Norbert, der als 15-Jähriger im Zweiten Weltkrieg desertierte und erschossen wurde. Und der schöne Karl, der seiner Witwe, der Wirtin Blanka, auf ewig eifersüchtig hinterherschleicht.

Klüssendorfs Roman besticht durch ihre präzise, nüchterne, poetische Sprache und ihren abgründigen Humor. Geschickt wechselt die Autorin zwischen Walters Erzählstimme und den Porträts der Dorfbewohner. So entsteht die Innenansicht eines Dorfes der Nachwendezeit, in der die Geschichte des 20. Jahrhundert ihre Spuren hinterlassen hat.

Die Schriftstellerin Angelika Klüssendorf

Angelika Klüssendorf, geboren 1958 in Ahrensburg (Schleswig-Holstein), lebte seit 1961 in Leipzig; dort machte sie eine Ausbildung zur Zootechnikerin. Sie war Mitbegründerin der Literaturzeitschrift "Anschlag". 1985 übersiedelte sie mit ihrer Tochter nach West-Berlin. Seit 2011 lebte sie in einem kleinen Dorf in Brandenburg, heute wohnt sie in Mecklenburg.

Schon mit ihrer ersten Erzählung "Sehnsüchte"(1990) erregte Klüssendorf die Aufmerksamkeit der Kritiker. 2001 erschien ihr erster Roman "Alle leben so". Sie veröffentlichte außerdem die Erzählbände "Aus allen Himmeln" (2004) und "Amateure" (2009). Ihre Romane "April" und "Jahre später", die beide für den Deutschen Buchpreis nominiert waren, wurden von MDR KULTUR als Lesungen mit Maria Simon und Petra Hartung produziert. Angelika Klüssendorf wurde 2019 mit dem Marie Luise Kaschnitz-Preis ausgezeichnet.

Die Sprecherin Corinna Harfouch

Corinna Harfouch, Schauspielerin
Corinna Harfouch Bildrechte: imago/Future Image

Corinna Harfouch, geboren am 16. Oktober 1954 in Suhl/Thüringen, studierte von 1978 bis 1981 an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Heiner Müller holte sie als Nachwuchstalent an die Berliner Volksbühne. Ihre erste Hauptrolle übernahm sie 1988 im DEFA-Film "Die Schauspielerin".

An ihre Theater-, Kino- und Fernseherfolge in der DDR konnte Corinna Harfouch auch nach der Wende anknüpfen. An der Volksbühne machte sie Furore in Frank Castdorfs Inszenierung von Zuckmeyers "Des Teufels General". Für ihre Darstellung des Generals Harras wurde sie mit dem Gudrun Eysold-Ring ausgezeichnet und von der Zeitschrift "Theater heute" zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Im Fernsehen brilliert sie u. a. in Hark Bohms hochgelobtem Spielfilm "Vera Brühne" (2001). Sie hatte Auftritte in Kinofilmen wie "Der Untergang" (2004), "Elementarteilchen" und "Das Parfüm" (beide 2006). 2019 war sie als Hauptdarstellerin im preisgekrönten Filmdrama "Lara" und in der Netflix-Serie "Zeit der Geheimnisse" zu sehen.

Bei MDR KULTUR stand Corinna Harfouch 1996 im Radiostück "Medea" nach Christa Wolf vor dem Mikrofon. Sie hat in den Hörspielen "Mit der Brechstange ins Paradies" (1998) und "Das Büro am Ende des Brückenbogens" (2003) von Wolfgang Krause Zwieback, in Yasmina Rezas "Der Gott des Gemetzels" (2008) und "Gespräch mit meiner Mutter" von André Herzberg mitgewirkt.

Der Sprecher Walter Kreye

Walter Kreye (Zanardy) bei Aufnahmen zum Hörspiel "Die Affäre Winckelmann" von Rolf Schneider im Hörspielstudio des MDR, 2009
Walter Kreye Bildrechte: MDR/Axel Berger

Walter Kreye, geboren am 18. Juli 1942 in Oldenburg, absolvierte sein Studium an der Schauspielschule in Bochum. Es folgten Engagements am Hamburger Schauspielhaus und am "Thalia Theater". Weitere Stationen waren das Staatstheater Stuttgart, das Staatstheater Hannover sowie die Schaubühne Berlin.

Neben der Theaterarbeit hat Kreye in zahlreichen Film- und TV-Produktionen mitgewirkt, unter anderem als Hauptkommissar Erwin Peters in der Serie "Auf eigene Gefahr", in Krimiserien wie "Ein Fall für Zwei", "Der Fahnder" und "Tatort". Von 2008-2012 übernahm er die Hauptrolle im Krimiklassiker "Der Alte". Er hatte Auftritte in Kinofilmen wie "Solo für Klarinette" (1998) und "Kundschafter des Friedens" (2017) und spielte in der mit dem Grimme-Preis ausgezeichneten Serie "Dark".

Als Hörbuchsprecher hat Walter Kreye Bestsellerautoren wie Pascal Mercier, Håkan Nesser oder John le Carré seine Stimme geliehen und sämtliche Maigret-Romane von Georges Simenon eingelesen. Bei MDR KULTUR stand er für Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" (2005) und Rolf Schneiders Hörspiel "Die Affäre Winckelmann" (2009) vor dem Mikrofon.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September (10 Folgen)
Leicht gekürzte Lesefassung

Sprecher: Corinna Harfouch und Walter Kreye
Produktion: HörbuchHamburg 2021

Sendung: 24.01. - 04.02.2022 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 24.01. - 04.02.2022 | 19:05-19:35 Uhr

Alle Folgen dieser Lesezeit stehen hier 7 Tage zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. Januar 2022 | 09:05 Uhr

Angelika Klüssendorf: "Vierunddreißigster September"
Bildrechte: Hörbuch Hamburg

Hörbuchtipp Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

Ungekürzte Lesung mit Corinna Harfouch und Walter Kreye
Audio CD, Laufzeit: 304 Minuten
OSTERWOLDaudio 2021
ISBN: 978-3869525211

Angelika Klüssendorf: "Vierunddreißigster September"
Bildrechte: Piper Verlag

Buchtipp Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

Angelika Klüssendorf: Vierunddreißigster September

Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
Piper 2021
ISBN: 978-3492059909
22,00 Euro

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