Lesezeit | 19.09. – 04.10.2022 Torsten Schulz: Öl und Bienen

Torsten Schulz ist vielen durch sein erfolgreiches Buch "Boxhagener Platz" bekannt, das auch verfilmt wurde. Sein neuer, herrlich skurriler Roman erzählt von der Suche nach Erdöl im Havelland, drei biertrinkenden Freunden und ihrer Liebe zur Rockmusik. Deren friedliche subversive Idylle wird von Bienen- und Frauenschwärmen empfindlich gestört. Schauspieler Peter Kurth, bekannt u.a. aus "Polizeiruf 110", hat das Buch für MDR KULTUR eingelesen.

Torsten Schulz
Der Schriftsteller und Drehbauchautor Torsten Schulz Bildrechte: dpa

Torsten Schulz' Roman "Öl und Bienen" führt ins fiktive Dorf Beutenberge. Errichtet wurde die Siedlung in den 1920er-Jahren, nachdem ein gewisser Adalbert Wutzner in der havelländischen Heide Erdöl fand. Etwa hundert Jahre später erzählt Edwin Kronokiewitschky, selbst ernannter Heimatchronist, bei Bier und Wurzelpeter in einer Kneipe am Rande von Nauen Wutzners unglaubliche Geschichte.

Zitat aus "Öl und Bienen" "Er pilgerte von Nauen nach Linumhorst und Kremmen, durchs havelländische Luch bis zum Westhavelland, über Felder, durch Wälder … grub und roch an der Erde, in die Erde hinein. Zwei Meter tiefe Löcher hob er aus, stampfte und hüpfte stundenlang in den Gruben, um durch die Vibration, die das Hüpfen auslöste, eine Gegenvibration des Öls zu erzeugen, die er sofort in den Füßen spüren würde."

Adalbert Wutzner wurde als Held gefeiert und bekam vom Staat eine Villa geschenkt. Doch wenige Wochen nach Beginn der Förderarbeiten war das schwarze Gold wieder verschwunden. Wutzner wurde wegen Hochstapelei verurteilt und starb im Gefängnis. Jahre später packte seinen Sohn Egon ebenfalls der Erdölwahn, er suchte bis zur Erschöpfung, aber ohne Erfolg. Kurz bevor er im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront starb, zeugte er auf Heimaturlaub in Beutenberge mit Lucinde Ihm einen Sohn.

Torsten Schulz: Öl und Bienen 28 min
Bildrechte: Klett-Cotta-Verlag
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Torsten Schulz: Öl und Bienen 25 min
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Säufer-Idyll und Rockmusik

Auch Lothar Ihm, genannt der Ihmsche, liegt das Aufspüren von Erdöl in den Genen, doch der letzte Nachfahre der Wutzner-Dynastie will mit dem Erbe seiner Vorväter nichts zu tun haben. In den 70er-Jahren glaubt in Beutenberge niemand mehr an den Siegeszug des schwarzen Golds. Stattdessen hängt der Ihmsche mit seinen trinkfreudigen Kumpels Edwin alias "Blutblase" und Heiner Schmidke, genannt "Krücke", im Haus seiner Mutter ab. Die drei Freunde, die sich seit der Schulzeit kennen, haben einiges gemein: Sie sind ohne Väter aufgewachsen, keiner hat eine Frau oder Freundin, und sie lieben Rockmusik. "Krücke", der ein Holzbein hat und als Invalidenrentner in den Westen darf, versorgt sie mit eingeschmuggelten Rockplatten – von Uriah Heep, Deep Purple, Black Sabbath oder Led Zeppelin. Das Abspielen der heißbegehrten Scheiben folgt einem eingespielten Ritual: Erst Wurzelpeter, ein Bier zum Nachspülen, dann die Musik als "spiritueller Höhepunkt".

Zitat aus "Öl und Bienen" "Mit den Worten 'Und nun, liebe Freunde, senke ich die Nadel auf die Musik herab' senkte er die Nadel genau in die Rille, wo mit feierlichem Knistern 'Stairway to Heaven' begann. Die drei hörten andächtig zu, bis nach exakt vier Minuten und achtzehn Sekunden John Bonham mit dem Schlagzeug einsetzte und dem Song so viel Drive gab, dass man einfach aufstehen musste. Und als nach sechs Minuten und fünfundvierzig Sekunden der Gesang von Robert Plant, das Finale einleitend, stakkatoartig wurde, begann jeder der drei, seine rituellen Tanzbewegungen zu vollführen."

Lange bleibt die Idylle der lethargischen Säufergemeinschaft ungestört. Im Sommer 1979 entdeckt Lothar Ihm ein Loch in der Hauswand. Bienen haben sich im Mauerwerk eingenistet und dringen ins Haus ein. Beim Versuch, sie auszuräuchern, fackelt der Ihmsche das halbe Dach ab. Als dann noch die taffe Motorradbraut Agnes in Beutenberge auftaucht, gefolgt von einem Schwarm heiratswilliger Frauen, ist es mit der Ruhe endgültig vorbei.

Der Schriftsteller Torsten Schulz

Torsten Schulz, 1959 in Berlin geboren, ist Autor von Prosa und Spielfilmen, Regisseur von Dokumentarfilmen und Professor für Dramaturgie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Nach seinem Studium der Film- und Fernsehwissenschaft an der HFF Babelsberg war Schulz zunächst Dramaturgie-Assistent, dann Dramaturg der DEFA-Spielfilmstudios.

1990 gründete der die Wochenzeitung "Der Anzeiger" und war Redakteur der Wochenzeitung der DDR-Bürgerbewegung "Die Andere" (1990-92). Ab 1992 war er freischaffend tätig, ab 2002 als Professor für Dramaturgie und Leiter des Studiengangs Drehbuch/Dramaturgie an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf. Sein Roman "Boxhagener Platz" (2004) war auch als Hörspiel und Spielfilm sehr erfolgreich.

Der Schauspieler Peter Kurth

Der Schauspieler Peter Kurth, 2022
Der Schauspieler Peter Kurth, 2022 Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Peter Kurth, geboren 1957, wuchs in Goldberg bei Güstrow auf. Nach der Schauspielschule in Rostock führten ihn erste Engagements nach Magdeburg und Stendal, danach spielte er von 1988 bis 1997 am Theater Karl-Marx-Stadt/Chemnitz und anschließend bis 2000 am Schauspielhaus Leipzig. Von 2000 bis 2006 gehörte Peter Kurth zum Ensemble des Thalia Theaters Hamburg und wechselte zur Spielzeit 2006/2007 an das Maxim-Gorki-Theater Berlin. 2013 kam Kurth zum Schauspiel Stuttgart.

Neben seiner Arbeit am Theater spielt Peter Kurth regelmäßig in Film- und Fernsehproduktionen, so etwa in den Kinofilmen "Good Bye, Lenin!" (2003), "Hallesche Kometen" (2006), "Ein Freund von mir" (2006) oder "Die Kleinen und die Bösen" (2015). Von 2011 bis 2015 war er im Frankfurter Tatort-Team Steier und Mey als Kommissar Erik Seidel zu sehen. Für seine Titelrolle im Spielfilm "Herbert" (2015) als ehemaliger Boxer, der an ALS erkrankt, wurde er bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises 2016 als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. In der Serie "Babylon Berlin" spielte er den Oberkommissar Bruno Wolter. Seit 2021 ist Peter Kurth an der Seite von Peter Schneider im Hallenser Ermittlerteam Koitzsch und Lehmann der Reihe "Polizeiruf 110" zu sehen.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
Öl und Bienen (12 Folgen)
Von Torsten Schulz

Es liest: Peter Kurth
Regie: Steffen Moratz
Produktion: MDR 2022

Sendung: 19.09. – 04.10.2022 | 09:05-09:35 Uhr
Wiederholung: 19.09. – 04.10.2022 | 19:05-19:35 Uhr

Alle Folgen dieser Lesezeit stehen hier bis 01.09.2023 zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. September 2022 | 09:05 Uhr

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