Lesezeit | 09.05.2022 – 19.05.2022 Serhij Zhadan: Internat

Der Roman "Internat" begleitet den Lehrer Pascha drei Tage lang durch seine Heimatstadt im Donbass, in der Krieg herrscht. Er will seinen 13-jährigen Neffen aus dem Internat holen. Es wird ein Gang durch die Hölle. Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan schreibt von den Zuständen, die in der Ostukraine seit 2014 andauern. Er wirft Fragen auf: Wie verändern sich die Menschen im Krieg? Kann man in einem Krieg überhaupt neutral bleiben? Und: Kann man in einem Krieg sogar zu sich selbst finden? 2018 erhielten die Übersetzer des Romans "Internat", Sabine Stöhr und Juri Durkot, den Preis der Leipziger Buchmesse. MDR KULTUR hat den Roman als Lesung produziert. Es liest Constanze Becker.

Serhij Zhadan
Serhij Zhadan zählt zu den bekanntesten Schriftstellern der Ukraine. Bildrechte: IMAGO / gezett

Drei Tage dauert die Handlung des Romans "Internat". Der Lehrer Pascha lebt nach der Trennung von seiner Freundin wieder im Haus seines Vaters, in einer Bergarbeitersiedlung im Donbass. Er ist etwas träge, kurzsichtig und spricht nicht sehr viel. Auch Paschas Schwester lebt nach ihrer Scheidung dort, doch sie ist nicht anwesend. Ihren 13-jährigen Sohn hat sie in einem Internat am anderen Ende der Stadt geparkt. Als Separatisten die Stadt übernehmen, spitzt sich die Lage weiter zu. Jemand muss den Jungen nach Hause holen. Pascha macht sich auf den Weg.

Serhij Zhadan: Internat 28 min
Bildrechte: Suhrkamp
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Serhij Zhadan: Internat 27 min
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Serhij Zhadan: Internat 26 min
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Serhij Zhadan: Internat 25 min
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Serhij Zhadan: Internat 27 min
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Eine Sprache für den Krieg finden

Im Ort ist das zivile Leben zusammengebrochen. Viele Häuser sind zerbombt, ständig gibt es Straßenkontrollen, Maschinengewehre rattern, Minen explodieren, paramilitärische Trupps tauchen in den Trümmern auf. Die einst vertraute Umgebung ist nun fremd und zerstört, die Menschen in Lebensgefahr. Der Weg zum Internat wird ein Gang durch die Hölle. Es ist Januar, kalt und grau, ständig liegt Nebel über dem Geschehen. Zhadan findet eine sinnliche Sprache für die Beschreibung der teilweise unwirklichen Szenerien:

Zitat aus "Internat": "Der Regen hat aufgehört, der Nebel hat sich ins Tal gesenkt, wie übergekochte Milch. Pascha schaut auf die Stadt und sieht sie gar nicht. Sieht nur eine schwarze Grube, über der große schwarze Rauchschwaden wehen wie Drachen mit langen Schwänzen. Als würden Seelen aus der Stadt herausgepumpt. Und als klammerten sich diese Seelen, schwarz und bitter, an den Bäumen fest, krallten sich mit ihren Wurzeln in die Keller.Weit entfernt, auf der anderen Seite der Stadt, lodert etwas, breitet sich über den Horizont aus wie feurige Lava, die aus der Erde fließt. In der Stadt selbst sind Maschinengewehrsalven zu hören, aber nur noch vereinzelt, das war’s wohl für heute, Bettgehzeit. Wenn man eines hat."

Auf seiner Odyssee wird Pascha viele Menschen treffen. Er wird es schaffen, seinen Neffen in (vorläufige) Sicherheit zu bringen, und er wird zu einer Haltung finden. Am Ende gibt es in dieser ganzen Katastrophe sogar einen Hoffnungsschimmer.

Der Schriftsteller Serhij Zhadan

Serhij Zhadan wurde 1974 im Industriegebiet Luhansk in der Ostukraine geboren. Er studierte Germanistik und Ukrainistik und promovierte über den ukrainischen Futurismus. Heute zählt er zu den bekanntesten Schriftstellern seines Landes.

Die politischen Entwicklungen und Umbrüche in der Ukraine, die Folgen der Majdanproteste 2014 und der Krieg im Land spiegeln sich auch in Zhadans literarischem Kosmos wieder. Der 2010 veröffentlichte Roman "Die Erfindung des Jazz im Donbass" wurde von der BBC zum Buch des Jahrzehnts gekürt. Außerdem veröffentlichte Zhadan zahlreiche Lyrikbände und organisiert in Charkiw, wo er lebt, Literatur- und Musik-Festivals. Dabei tritt er auch mit seiner eigenen Band Sobaky w Kosmossi (deutsch: Hunde im Kosmos) auf.

Die Popmusik spielt auch in seinem ersten, 2007 auf Deutsch erschienenen Roman "Depeche Mode", eine große Rolle. 'Das Buch erzählt vom Leben dreier junger Männer in der postsozialistischen Ukraine in der Umbruchszeit der frühen 1990er-Jahre. Mit den Songs der britischen Elektropop-Band Depeche Mode flüchten sie aus dem Alltag. Die Hörbuchfassung von "Depeche Mode" wurde von Harry Rowohlt eingelesen.

Zhadans jüngster Roman "Internat” erzählt vom Krieg in der Ostukraine. Übersetzt wurde das Buch von Juri Durkot und Sabine Stöhr, sie wurden dafür mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2018 ausgezeichnet. Die Originalausgabe erschien 2017 in Kiew.

Die Sprecherin Constanze Becker

Constanze Becker
Die Schauspielerin Constanze Becker liest "Internat" von Serhij Zhadan. Bildrechte: dpa

Constanze Becker wuchs in Lübeck auf. Als Kind besuchte sie mit ihrer Mutter oft das Thalia-Teater in Hamburg: Die Inszenierung "Black Rider" von Robert Wilson sah sie mindestens 40 Mal. Becker studierte an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Sie war eine von den Schauspielerinnen, die der Filmregisseur Andres Veiel in seinem Film "Die Spielwütigen" 2003 dokumentierte. Nach dem Studium spielte Becker in Schauspiel Leipzig, am Düsseldorfer Schauspielhaus und am Deutschen Theater Berlin. Sie wurde mit verschiedenen Inszenierungen zu Theatertreffen eingeladen. Die Inszenierung "Die Ratten" in der Regie von Michael Thalheimer wurde 2008 mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet, "Onkel Wanja" kürte Theater heute als "Inszenierung des Jahres". Für ihre Rolle der Frau John in "Die Ratten" war Constanze Becker für den Faust-Theaterpreis nominiert. 2012 erhielt sie den Gertrud-Eysoldt-Ring für die Rolle der "Medea" in Michael Thalheimers Inszenierung. Seit der Spielzeit 2017/2018 ist sie Teil des Berliner Ensembles.

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR-Lesezeit
09.05.2022 – 19.05.2022 | 09:05 Uhr
Serhij Zhadan: Internat
Es liest Constanze Becker | Regie: Steffen Moratz | MDR 2022
Die Lesung steht hier für ein Jahr zum Download bereit.

Mehr zur Lage in der Ukraine

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Mai 2022 | 09:05 Uhr

Serhij Zhadan: Internat
Bildrechte: Suhrkamp

Buchtipp Serhij Zhadan: Internat

Serhij Zhadan: Internat

Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr
300 Seiten
Suhrkamp Verlag 2018
ISBN: 978-3518428054
Fester Einband: 22 Euro
Broschur: 12 Euro

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