Porträt Ich komme und gehe wieder. Das wundersame Leben des Joachim Ringelnatz

Kennen Sie den Sachsen Hans Georg Bötticher? Kaum. Denn der am 7. August 1883 geborene Wurzener erlangte seine Berühmtheit unter dem Namen Joachim Ringelnatz.
Wasser und Fernweh spielen schon frühzeitig eine zentrale Rolle im Leben des Schriftstellers und Kabarettisten. Gegen die Warnungen seiner Eltern zieht es ihn "auf hohe See". Seine erste große Reise unternimmt er auf der altersschwachen Bark "Elli", und schon nach wenigen Tagen ist er von jeglicher Seefahrerromantik geheilt. Er wird von den Matrosen wegen seiner seemännischen Unkenntnis und seines sächsischen Dialektes verspottet.

Joachim Ringelnatz mit Skulptur (ca. 1925)
Joachim Ringelnatz mit Skulptur (ca. 1925) Bildrechte: IMAGO / Eventpress

Sein sehnlichster Wunsch, als Seemann ferne Länder zu bereisen, erfüllt sich für Hans Bötticher nicht. Seine Augen taugen nicht für den Dienst auf See. Zeitlebens wird er sich aber als Seemann fühlen und seine "Kuttel Daddeldu-Verse" werden bis heute gern zitiert. Immer noch als Hans Böttiger setzt der Seefahrer seine Karriere an Land fort. Er wird Buchhalter in einem Münchner Reisebüro, schreibt Nonsens-Verse und gerät beim Kneipenbummel in die Schwabinger Künstlerkneipe "Simplicissimus". Mehrmals am Abend steht dort eine kleine Bühne im Mittelpunkt. Dann trägt ein junger Wilder namens Erich Mühsam Revoluzzer-Gedichte vor oder Frank Wedekind singt seine Balladen. Auch der Neuling aus Sachsen bekommt seinen Versuch und erntet für sein "Simplicissimus-Lied" Applaus, das mit der Zeile beginnt: "Mitternacht ist's. Längst im Bette liegt der Spießer steif und tot."

Bohemien-Leben und die Ringelnatz'sche Tarnkappe

Er wird von der Wirtin zum Hausdichter ernannt, steht nun Abend für Abend auf der Bühne, bekommt seinen Wein und sein Essen gratis. Das Leben als Bohemien hätte ewig so weitergehen können, doch dann beginnt der erste Weltkrieg. Auch hier denkt er zuerst an Kriegsromantik und möchte an die Front nach Flandern. Er landet auf einen Minen-Such-Boot im Baltikum, überlebt und kehrt nach Kriegsende nach München zurück.

Alles ist anders. Freunde sind gefallen. Und überall spürt man die Ratlosigkeit, erlebt Bedrohung und Not. Er schreibt: "Ich mußte weinen. Weil niemand zu mir gesagt hatte: 'Willkommen nach dem Kriege in der Heimat'." Doch es gibt eine junge Frau in Ostpreußen, die sich um seine Nähe müht. Die Verbindung mit der fünfzehn Jahre jüngeren Lona Pieper, die er Muschelkalk nennt, erweist sich als Glücksfall. Sie ist seine alles richtende Sekretärin und die erste Leserin: Vor allem aber ist sie für ihn der sichere Hafen, in den der reisende Artist immer wieder zurückkehren und in dem er zur Ruhe kommen kann. In dieser Zeit erfolgt auch die Metamorphose des Hans Böttiger zu Joachim Ringelnatz, ein Name, der ihm gefiel, weil er ihn benutzen konnte wie eine Tarnkappe.

Erfolg im "Schall und Rauch" und Freundschaft mit Asta Nielsen

Er ist jetzt ein gefragter Künstler und viel unterwegs. Durch seine Auftritte im Berliner "Schall und Rauch" öffnen sich ihm viele Türen. Bruno Frank, Claire Waldorff, Kurt Tucholsky sitzen in seinen Vorstellungen. Einmal bringt Paul Wegener die Stummfilmschönheit Asta Nielsen mit. Es ist der Beginn einer lebenslangen Freundschaft. Asta Nielsen lädt Ringelnatz in ihr Haus auf Hiddensee ein. Das runde Haus, genannt Carousel, gehört noch heute zu den Sehenswürdigkeiten von Hiddensee.

Ringelnatz war klein und unwahrscheinlich mager. Auf den ersten Blick schien sein Gesicht von einer mächtigen Don-Quichote-Nase beherrscht zu sein, sah man aber näher hin, wich alles in seinem großen Antlitz, ja beinahe seine ganze Gestalt, hinter einem Paar großer, dunkelblauer Augen zurück, die so schön waren, wie ich es kaum jemals erlebt habe.

Asta Nielsen über Joachim Ringelnatz

Die unbeschwerten Wochen auf Hiddensee sind wie ein Durchatmen für Ringelnatz. Zu Beginn des Jahres 1930 zieht er mit Muschelkalk nach Berlin. Im November gastiert er wieder in München, ohne es zu ahnen, zum letzten Mal. Künftige Auftritte werden untersagt. Im Februar 1933 holt man ihn in Dresden von der Bühne. Ein Gastspiel in Hamburg findet laut polizeilicher Anordnung nicht mehr statt.

Das Geburtshaus von Joachim Ringelnatz in Wurzen
Das Geburtshaus von Joachim Ringelnatz in Wurzen Bildrechte: IMAGO / imagebroker/Nitzschke

Ringelnatz' Kunst von den Nazis verboten

Dass Einmischen in die Politik ist nicht Ringelnatz' Sache. Ein unpolitischer Dichter, der die Zeichen der Zeit ignoriert, ist er aber nicht. Und was uns auf den ersten Blick komisch anmutet und amüsiert, macht uns beim zweiten Hinsehen und Lesen betroffen und schweigsam. So schreibt er in einem Gedicht:

Wir haben keinen günstigen Wind // Indem wir die Richtung verlieren // Wissen wir doch, wo wir sind // Aber wir frieren.

Joachim Ringelnatz

Im Februar 1934 steht Joachim Ringelnatz noch einmal auf der Kabarettbühne. Allerdings fern von Deutschland, in der Schweiz. Nach der Rückkehr erkrankt er schwer an Tuberkulose. Am Morgen des 17. November 1934 stirbt er in seiner Wohnung am Berliner Sachsenplatz. Die Beisetzung erfolgt auf dem Waldfriedhof an der Heerstraße. Nur neun Personen geben ihm das Geleit, darunter Asta Nielsen und Jürgen Eggebrecht. Am Grab spricht Paul Wegener die Zeilen aus einem Gedicht des Toten an die junge Witwe: "Wenn ich tot bin, darfst du gar nicht trauern. // Meine Liebe wird mich überdauern Und in fremden Kleidern dir begegnen // Und dich segnen."

Ich komme und gehe wieder,
Ich, der Matrose Ringelnatz.
Die Wellen des Meeres auf und nieder
Tragen mich und meine Lieder
Von Hafenplatz zu Hafenplatz.
Ihr kennt meine lange Nase,
Mein vom Sturm zerknittertes Gesicht,
Daß ich so gerne spaße,
Versteht ihr das?
Oder nicht?

Gedicht von Joachim Ringelnatz

Angaben zur Sendung

MDR KULTUR - Feature
Ich komme und gehe wieder
Das wundersame Leben des Joachim Ringelnatz
Von Wolfgang Knape

Produktion: MDR 2002
Sendung: 26.02.2022 | 09:05 Uhr

Die Sendung steht hier nach der Ausstrahlung für sieben Tage zum Hören bereit.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Februar 2022 | 09:05 Uhr

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