Feature-Reihe | 26.06. – 24.07.2021 Der Dichter und seine Landschaft

Mit fünf Hörfunk-Features widmet sich MDR KULTUR im Juni und Juli Schriftstellern und den Orten, die sie und ihr Schaffen geprägt haben. Im Südharz, in Thüringen und Schlesien, in Dänemark und Mexiko folgen wir den Spuren von Einar Schleef, Tania Blixen, Johann Wolfgang Goethe, Arno Schmidt und Anna Seghers.

Marktplatz Sangerhausen
Einar Schleef (1944-2001) ist in Sangerhausen geboren und aufgewachsen. In seinen Werken hat er sich vielfach mit seinem Kindheitsort auseinandergesetzt. Bildrechte: MDR/Mandy Schalast-Peitz

Es ist immer wieder eine Landschaft, die uns prägt, die uns durchs Leben begleitet, die uns ausmacht und aus der wir im Verlauf unserer Zeit herauswachsen oder eben auch nicht. Es ist oft eine stille Landschaft, in die wir hineingeboren worden sind und die dann für Jahre in uns wurzelt.

Zusammen mit Schriftstellern unternehmen wir an fünf aufeinanderfolgenden Sonnabenden Ausflüge in deren Seelenlandschaft, Ausflüge in deren Vergangenheit, in deren innere Welt, die sie schreiben ließ, mit der sie sich Jahrzehnte auseinandersetzten, auseinandersetzen mussten.

Fünf Schriftsteller und ihre Landschaften

Geburtshaus von Einar Schleef in Sangerhausen
Einar Schleefs Geburtshaus in Sangerhausen Bildrechte: Einar-Schleef-Arbeitskreis Sangerhausen e.V.

Wir beginnen unsere Sommerserie in Sangerhausen – dem Geburtsort von Einar Schleef. 1990 kehrte der Theatermann in die Kleinstadt zurück. Für ihn war es eine Heimkehr in die Erinnerung an seine Familie, 14 Jahre nach seiner Republikflucht.

Aus Sachsen-Anhalt begeben wir uns nach Frankfurt am Main. Dort bestaunte der junge Goethe den Garten seines Großpapas und er bangte mit ihm um die Kirschernte nach dem letzten Maifrost. Als Junge träumte er einst davon, "Meister eines Gartens zu werden". Im Experiment ließ Goethe Bohnen keimen und begab sich während seiner Italienreise auf die Suche nach der "Urpflanze".

Als im Sommer 1931 eine schmale, ausgezehrte Frau mit elegantem Hut in Marseille an Land geht, liegen hinter ihr 17 Jahre Afrika und große Niederlagen. Karen Blixen ist auf dem Weg nach Dänemark, in ihrem Gepäck Geschichten, die sie in Windeseile aufschreibt und die sie zu einer der meistgelesenen Schriftstellerinnen machen werden. In Deutschland wird sie als Tania Blixen bekannt.

Arno Schmidts Hamburger Kindheit ist von Kriegsjahren und ärmlichen Verhältnissen geprägt. 1928, Schmidt ist 14, zieht seine Familie nach Lauban/Schlesien – es beginnt eine Zeit in einer fremden Landschaft, von der er später herrlich grimmig in einer ganzen Reihe von Texten erzählt. Ihm und seinen Erinnerungen widmet sich das Feature von Matthias Kußmann.

"Ein Fluß spielt in fast allen meinen Geschichten und Romanen eine große Rolle", so Anna Seghers über sich selbst und sie beschreibt wie Grubetzsch mit seinem Floß auf dem düsteren und glitzernden Wasser in die Ungewissheit entschwindet, in ihrem Roman "Das wirkliche Blau" den mexikanischen Gebirgsbach oder in "Ausflug der toten Mädchen" den Rhein. Die Erinnerungen dieser einzigartigen großen Schriftstellerin und ihre Landschaften bilden den Abschluss unserer Sommerserie.

Heimkehr – Einar Schleef in Sangerhausen

Einar Schleef, Theaterregisseur,  Schriftsteller
Einar Schleef (1944-2001) Bildrechte: imago/DRAMA-Berlin.de

Ausgangspunkt des Features ist die Rückkehr Einar Schleefs in seinen Geburtsort Sangerhausen am Rande des Harzes. Die Sendung verfolgt Schleef auf seinen Rundgängen durch die Heimatstadt bei seiner Heimkehr 1990, nach dem Fall der Mauer, 14 Jahre nach seiner Republikflucht und bei seinem Besuch 1993 nach dem Tod der Mutter, mit Erinnerungen an die Familie, den Vater, die Mutter, die Großeltern. Nach seiner Republikflucht hat der Theatermann sich im Exil im Westen eine Existenz als Schriftsteller erarbeitet, wobei im Mittelpunkt seiner Texte die Erinnerung an seine Herkunft steht, die ihn zwingt, das Vergangene zu vergegenwärtigen. Nach dem Prinzip der Collage werden Passagen aus Live-Mitschnitten auf Schleefs Rundgängen durch Sangerhausen montiert mit Auszügen aus seinen Texten und Tagebüchern.

Gerhard Ahrens war bis 1985 Kurator für moderne Kunst in Hannover, danach arbeitete er unterem anderem als künstlerischer Leiter am Schauspiel Frankfurt und der Berliner Schaubühne. Er verfasste zahlreiche Übersetzungen, Rundfunksendungen und Theaterpublikationen.

... im kleinsten Moos wie in der größten Palme – Der Gartenfreund und Pflanzenforscher Johann Wolfgang Goethe

Johann Wolfgang von Goethe
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) Bildrechte: Klassik Stiftung Weimar

Als Knabe bestaunte Goethe den Garten seines Großpapas und bangte um die Ernte eines im Spiele gepflanzten "Kirschbäumgens", die von "Mayfrost, den Vögeln, Meelthau oder einem genäschigen Nachbarn" bedroht war. Als junger Mann träumte er davon, "Meister eines Gartens zu werden", machte Keimungsexperimente mit Bohnen und begab sich während seiner Italienreise auch auf die Suche nach der "Urpflanze". Seine botanischen Kenntnisse kamen später den Gärten in Weimar und Jena zugute. Dort wachsen neben Malven und Lilien, auch Kohlrüben, Spargel, Stangenbohnen und Artischocken. Das gärtnerische Wirken und sein naturwissenschaftliches Forschen befruchteten Goethes literarisches Werk auf universelle Weise. Wie es sein Gedicht über den geliebten "Ginkgo biloba" belegt. Die vielen von Goethe angelegten, von ihm beeinflussten Gärten hinterm Haus am Frauenplan in Weimar, an seinem Gartenhaus an der Ilm, auf Schloss Kochberg oder den Dornburger Schlössern laden zu allen Jahreszeiten ein, seinem umfassenden Verstehen von Natur mit allen Sinnen nahe zu kommen.

Der Leipziger Autor Konrad Lindner ist auf Wissenschaftsgeschichte spezialisiert. Bei MDR FIGARO entstanden von ihm Dokumentationen über Carl Friedrich von Weizsäcker und Werner Heisenberg.

Jenseits von Afrika – Die dänischen Jahre der Schriftstellerin Tania Blixen

Die dänische Schriftstellerin  Karen Blixen
Die dänische Schriftstellerin Karen Blixen (1885-1962) Bildrechte: dpa

Am 19. August 1931 verlässt eine schmale, ausgezehrte Frau mit elegantem Hut die "S.S. Mantola", um in Marseille an Land zu gehen. Es ist die 46-jährige Karen/Tania Blixen, die nach siebzehn Jahren als Kaffee-Farmerin in Afrika nun wieder europäischen Boden betritt, um endgültig nach Dänemark zurückzukehren.

Hinter ihr liegen Jahre des Verlustes und der Niederlagen: Mit zehn Jahren musste sie den Selbstmord des Vaters miterleben, ihre Ehe mit dem schwedischen Adligen Bror Finecke-Blixen ist nach wenigen Jahren gescheitert, sie hat ihre geliebte Kaffeefarm, ihren Lebenstraum, durch Fehlspekulation und Missernten verloren und ist nicht zuletzt stark geschwächt durch die Folgen einer nicht ausgeheilten Syphiliserkrankung.

Geblieben ist ihr einzig die Fähigkeit, "Geschichten zu erzählen". Und in den folgenden Jahren wird sie ihre ganze Kraft darauf verwenden, diese zu Papier zu bringen: Innerhalb weniger Jahre erscheinen mehrere Bände mit Erzählungen von ihr, die sie bald in Amerika und Europa zu einer der meistgelesenen Schriftstellerinnen machen werden.

Sabine Ranzinger, 1958 in Stuttgart geboren, studierte in München Neuere Deutsche Literatur, Theaterwissenschaften und Italienische Philologie. Danach arbeitete sie als Lektorin, Übersetzerin und redaktionelle Mitarbeiterin für mehrere Berliner Verlage. Als Autorin und Regisseurin hat sie seit Mitte der achtziger Jahre für verschiedene ADR Anstalten zahlreiche Features produziert.

Auf dem Weg zum Schriftsteller: Arno Schmidts schlesische Jahre

Das Archivbild aus dem Jahr 1964 zeigt den als Sonderling bezeichneten Schriftsteller Arno Schmidt
Arno Schmidt (1914-1979) Bildrechte: dpa

Arno Schmidts Hamburger Kindheit in ärmlichen Verhältnissen ist von den Kriegsjahren geprägt. 1928, Schmidt ist 14, zieht seine Familie nach Lauban/Schlesien – es beginnt eine Zeit in einer fremden Landschaft, von der er später herrlich grimmig in einer ganzen Reihe von Texten erzählt.

Schmidt besucht die Oberrealschule in Görlitz, wo sich der Außenseiter intensiv mit Literatur, Geschichte und Mathematik beschäftigt – dort findet er Themen und Stoffe, die später sein ganzes literarisches Werk bestimmen; in Görlitz entstehen auch die ersten eigenen Gedichte. Nach dem Abitur 1933 absolviert er eine kaufmännische Lehre und arbeitet als Buchhalter in den Greiff-Werken; 1937 heiratet er Alice Murawski, die im gleichen Werk arbeitet. Sie leben zunächst in Lauban, dann in Greiffenberg – es sind "dunkle Jahre", wie er einmal notiert. Zu dieser Zeit schreibt Schmidt erste Erzählungen, die posthum in seinen "Juvenilia" erscheinen – anfangs noch romantisch geprägte Texte, bei deren Lektüre man nachverfolgen kann, wie ein später großer Autor immer mehr seinen eigenen Ton findet.

1940 muss Schmidt zum Militär, er kommt zuerst nach Hirschberg und dann nach Hagenau, wo er seine berühmten "Dichtergespräche im Elysium" als Weihnachtsgeschenk für seine Frau verfasst. 1942, nach einem weiteren halben Jahr in Lauban, enden seine schlesischen Jahre – er wird nach Norwegen abkommandiert.

Matthias Kußmann, geboren 1966, ist Literarturwissenschaftler, Autor, Herausgeber und Übersetzer. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Literatur des 20. Jahrhunderts und die Gegenwartsliteratur. Er verfasst Kritiken und Hörfunk-Features unter anderem für SWR, BR, MDR und Deutschlandfunk.

Landschaften der Anna Seghers

Die Schriftstellerin Anna Seghers an ihrem 80. Geburtstag am 19.11.1980 in Berlin.
Anna Seghers (1900-1983) Bildrechte: dpa

"Ein Fluß spielt in fast allen meinen Geschichten und Romanen eine große Rolle", sagt Anna Seghers selbst. Tatsächlich, sei es das düstere und glitzernde Wasser auf dem Grubetzsch mit seinem Floß in die Ungewissheit entschwindet, der mexikanische Gebirgsbach in "Das wirkliche Blau" oder der Rhein in dem "Ausflug der toten Mädchen". Landschaften haben ihr Leben geprägt. Wir sehen sie in einem rheinischen Kaffeehausgarten sitzen und auf die Wippschaukel blicken, auf der ihre beiden besten Freundinnen sitzen oder später in Paris an einem Bistrotisch, ihre Gedanken in Schulhefte schreiben.

Die Flucht aus Deutschland hat sie über Marseille, wer erinnert sich nicht an die bildhafte Beschreibung des Hafens, nach Mexiko geführt. Auch hier findet die Landschaft Einzug in ihr Werk, die Pfefferbäume, die eher zu brennen als zu blühen scheinen. Die Sendung aus dem Jahr 1986 ist ein Dokument, das uns die Verquickung von Landschaft, Werk und unverwechselbarer Stimme der Seghers eindrücklich nahebringt.

Helmut Baldauf war Journalist und Literaturredakteur beim Rundfunk der DDR. Jahrelang arbeitet er eng mit Johannes Bobrowski zusammen und gab 2011 die Chronik "Lebensbilder – Johannes Bobrowski" mit unveröffentlichten Texten, Briefen und Bildern des Dichters heraus.

Angaben zu den Sendungen

MDR KULTUR - Feature | 26.06. – 24.07.2021
Sommer-Serie: Der Dichter und seine Landschaft

26.06.2021 | 09:05 Uhr
Heimkehr - Einar Schleef in Sangerhausen
Von Gerhard Ahrens | MDR 2013
Die Sendung steht hier nach der Ausstrahlung ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

03.07.2021 | 09:05
... im kleinsten Moos wie in der größten Palme - Der Gartenfreund und Pflanzenforscher Johann Wolfgang Goethe
Von Konrad Lindner | MDR 2013
Die Sendung steht hier nach der Ausstrahlung ein Jahr lang zum Hören und Herunterladen bereit.

10.07.2021 | 09:05
Jenseits von Afrika - Die dänischen Jahre der Schriftstellerin Tania Blixen
Von Sabine Ranzinger | MDR 2002
Die Sendung steht hier nach der Ausstrahlung 30 Tage zum Hören bereit.

17.07.2021 | 09:05
Auf dem Weg zum Schriftsteller - Arno Schmidts schlesische Jahre
Von Matthias Kußmann | MDR 2004
Die Sendung steht hier nach der Ausstrahlung 30 Tage zum Hören bereit.

24.07.2021 | 09:05
Landschaften der Anna Seghers
Von Helmut Baldauf | Rundfunk der DDR 1979
Die Sendung steht hier nach der Ausstrahlung 30 Tage zum Hören bereit.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Feature: Heimkehr - Einar Schleef in Sangerhausen | 26. Juni 2021 | 09:00 Uhr

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