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KulturgeschichteDie Theatermacher: 40 Jahre Kulturinsel Halle

Es ist eine Insel, eine Kultur-Insel im Herzen der Stadt Halle. Das neue theater feiert den 40. Jahrestag seines Bestehens. Aber es scheint, als wäre es schon immer da gewesen. MDR KULTUR erinnert an die Entstehung dieser außergewöhnlichen Spielstätte und blickt zurück auf vier Jahrzehnte Theatergeschichte.

Alles beginnt mit einem Kinosaal, der in einen Theatersaal umgewandelt wird. Die Jahre darauf bohrt sich das bauende Schauspielensemble durch die Wände zu den Nebengebäuden und erobert ein ganzes Quartier. Wer in Halle engagiert wird, ist nicht nur Schauspieler, sondern gleichzeitig auch Bauarbeiter.

Unter "Aufbäumen aller Kräfte" wie es der damalige Intendant Peter Sodann beschreibt. Bewarb sich ein Schauspieler, dann ging es beim Einstellungsgespräch nicht ausschließlich um die künstlerischen Fähigkeiten, sondern der Intendant fragte ganz direkt: "Kannst du mauern?"

Wenn man eben auch mit seinen Händen etwas fertigen will und Kopf und Hände und Herz zusammengehen, dann klappt das schon. Manchmal auch mit der Schauspielerei.

Peter Sodann, langjähriger Intendant des neuen theaters

40 Jahre Kulturinsel Halle - ein Rückblick in Bildern

Für ihr Feature "Die Theatermacher" hat Autorin Anne Osterloh den Begründer der Kulturinsel in Halle und langjährigen Intendanten des neuen theaters Peter Sodann in seiner Bibliothek in Staucha besucht. Bildrechte: Anne Osterloh
Die Entstehung der Kulturinsel begann mit dem Umbau des "Kinos der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft" in einen Theatersaal. 1981 wurde hier das neue theater halle eröffnet. Bildrechte: Bühnen Halle
Bei den Bauarbeiten packte das gesamte Ensemble mit an. Im Bild: Roland Hemmo, Michael Rümmler, Peter Sodann, Reinhard Straube, Wolfgang Winkler und Ralf-Friedrich Voß bei einem der ersten Arbeitseinsätze im nt Bildrechte: Bühnen Halle
Bühneneingang und Rampe um 1980 Bildrechte: Bühnen Halle
1982 wurde der Saal des neuen theaters zum variabel bespielbaren Raumtheater umgebaut - mit Beleuchtungstürmen, Balkonumgang und transportablen Zuschauertraversen. Bildrechte: Bühnen Halle
Immer neue Spielstätten kamen hinzu. 1987 wurde der Innhof zum Hoftheater umgebaut. Bildrechte: Bühnen Halle
Das Hoftheater des nt ist heute eine der beliebtesten Spielstätten in Halle. Seit 2006 findet hier regelmäßig der Cultoursommer statt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK
Es wurde aber nicht nur gebaut, nebenbei entstanden auch wunderbare Inszenierungen. Im Bild: Szene aus "Guten Morgen, Du Schöne" von Maxie Wander, um 1992 Bildrechte: Bühnen Halle
Schauspieler Thomas Bading in der Rolle des Hamlet im gleichamigen Stück von William Shakespeare, um 1992 Bildrechte: Bühnen Halle
Bei den Aufführungen von Friedrich Dürrenmatts "Romulus der Große" sorgten die Hühner immer wieder für Heiterkeit. Bildrechte: Peter Kersten
Bühnenbild zu "Leb und vergiss nicht" von Valentin Rasputin aus dem Jahr 1983. Bildrechte: Bühnen Halle
Matthias Brenner ist seit 2010 Intendant auf der Kulturinsel in Halle. Bildrechte: dpa
Neben dem neuen theater beherbergt die Kulturinsel auch das Puppentheater, das Café nt und Strieses Biertunnel. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Ein unkonventionelles Theater

Alle packen mit an, ob Verwaltung, Technikabteilung oder Intendant. Dazwischen wird für die neuen Inszenierungen geprobt. Es ist wie so oft beim Hausbau ein "Nie-fertig-Werden". Und auch die Proben sind ungewöhnlich. Schauspieler Frieder Venus erinnert sich:

Sodann will seine Vision vom Theater durchsetzen. Und wenn er aus den Worten Vorgänge und Kämpfe macht, wird das Theater zur Gladiatorenarena oder zum Traumort, toll. Sodann will ein Ensemble, einen Menschenhaufen, der total hinter ihm steht. Er verachtet Schauspieler, die nur tolle Rollen spielen wollen. Er experimentiert mit uns.

Frieder Venus, 1981-1988 Schauspieler am neuen theater

Heiner Müllers "Der Auftrag" am nt, 1985 Bildrechte: Bühnen Halle

Katrin Saß in "Der Auftrag" - mit einem dunklen Mantel. Die Raumbühne mit Empore von Hamlet. Bernada Albas Haus, inszeniert von Regisseur Frank Castorf. Die Frauen von "Guten Morgen, du Schöne", ein Stück das viele Theater spielen. Aber in Halle sind es statt der in anderen Theatern ausgewählten drei Schicksale, sechs Lebensläufe, denn das Stück spiegelt die Realität der Frauen, der Familien im Land wieder. Mütter, die arbeiteten. Frauen, die sich nach Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung sehnten.

Das Theater ist ein Ort, in dem Kunst auf Wirklichkeit trifft und umgekehrt. Das Theatergebäude erscheint dabei als Symbol, immer kommt eine neue Spielstätte dazu, immer gibt es eine neue Tür. Ende der 1980er-Jahre kommt das Hoftheater dazu. Der Andrang ist enorm. Eine Theaterbesucherin berichtet: "Der Innenhof platzte aus allen Nähten, da ging Sodann auf die Bühne und meinte trocken: 'Also Volkstheater verlangt, dass man es hautnah und im dichtesten Gedränge erlebt, also bitte aufeinander zurücken.'"

Peter Sodann, langjähriger Intendant und Begründer der Kulturinsel in Halle Bildrechte: imago/Felix Abraham

Provokationsraum und Begegnungsort

Theater ist auch ein politischer Ort. Die geschliffenen Sätze von Volker Braun in "Der große Frieden" -  eine Botschaft. Dann herrscht atemlose Stille im Publikum. Die Zuschauer haben die Fähigkeit, jede noch so kleine Geste zu deuten. Doch nach dem Mauerfall ist der Feind weg. Viele Stücke sind nicht mehr gefragt. Das Publikum ist abgelenkt und beschäftigt sich mit anderen Dingen. Das Theater in Halle muss sich neu erfinden. Seit 2010 ist Matthias Brenner Indentant auf der "Kultur-Insel".

Diese Inselidee Halle, die ja wirklich von Anfang an eine Idee war, hat das Zeug zum Alleinstellungsmerkmal. Das muss man neidlos anerkennen. Absolut grandios!

Michael Laages, Theaterkritiker und Autor

Der Feature-Autorin Anne Osterloh

Bildrechte: Anne Osterloh

Anne Osterloh, 1965 in Halle/Saale geboren, studierte an der renommierten Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Engagements führten sie unter anderem ans Staatstheater Nürnberg, ans Schauspiel Leipzig, ans neue theater halle, ans Theater Vorpommern und an die Sophiensäle Berlin. Von 2006-2016 war sie Ensemblemitglied am Theaterhaus Stuttgart.

Seit 2005 ist Anne Osterloh auch als Theaterregisseurin und seit 2011 als Dokumentarfilmerin tätig. 2017 hatte ihr Dokumentarfilm "Umzug in drei Akten – Eine Baustellen-Oper" beim rbb Premiere. Es folgte 2019 der Dokumentarfilm "Bitte nach Mitte" über die Schauspielschule "Ernst Busch". Anne Osterloh ist Dozentin im Fach Schauspiel an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" Berlin.

Angaben zur Sendungen

MDR KULTUR - Feature
Die Theatermacher - 40 Jahre Kulturinsel Halle
Von Anne Osterloh

Regie: Anne Osterloh
Redaktion: Kathrin Aehnlich
Produktion: MDR 2021 - Ursendung

MDR KULTUR | Feature
13.10.2021 | 22:00 Uhr

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Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | Feature: Die Theater-Macher - 40 Jahre Kulturinsel Halle | 13. Oktober 2021 | 22:00 Uhr