Nachrichten & Themen
Mediathek & TV
Audio & Radio
MDR KULTUR im RadioMDR KULTUR im FernsehenÜber unsKontaktSuche
Volkspark Halle, Aufnahme von 2012 Bildrechte: Thomas Ziegler / Stadt Halle (Saale)

Zum 1. Mai: Tag der Arbeit

Neue Perspektiven für den Volkspark Halle

von Stefan Nölke, MDR KULTUR

In Halle engagieren sich seit Jahren Bürgerinnen und Bürger für den Erhalt des Volksparks. In dem 1907 eingeweihten Kulturhaus der Arbeiterschaft spiegelt sich die wechselvolle Stadtgeschichte wie in wenig anderen halleschen Gebäuden. Seit der Wende stand der prächtige Bau weitgehend leer. Doch nun gibt es ein Konzept und – was noch wichtiger ist – Geld für die Sanierung.

Wenn nicht gerade Corona wäre, dann könnte man sich im Volkspark Bilder der Kunststudenten von der Burg anschauen, sich in den Biergarten setzen, reden und feiern. "Im Moment ist der Volkspark ein Veranstaltungshaus, wo man sich einmieten kann für eigentlich alles Mögliche", sagt Ingrid Häußler. Halles frühere Oberbürgermeisterin ist heute Vorsitzendes des Volkspark-Vereins.

Tatsächlich ist das einst prächtige Gebäude samt dem Biergarten ziemlich heruntergekommen. Man kann regelrecht zusehen, wie sich der gräulich-weiße Putz an der einst stolzen Fassade Stück für Stück verselbständigt. Nun aber will der Verein von Halles sozialdemokratischer Ex-Oberbürgermeisterin Großes stemmen und der Idee des Volkshauses neues Leben einhauchen. Zur Zukunft des Volkspark engagierten die Bürgerinnen und Bürger einen ersten Workshop. Einen ganzen Nachmittag wurde darüber diskutiert, was in der Stadt benötigt wird und wofür der Volkspark stehen kann. Dabei liegt die Zukunft des Hauses – so das Fazit – mehr oder weniger in seiner Vergangenheit.

Ihr Browser unterstützt kein HTML5 Audio.

FeatureVolkshäuser - Früher Stolz der Arbeiterschaft heute Immobilie?

Gegen die kulturelle Dominanz des Bürgertums

Blick auf den den Volkspark Halle Bildrechte: MDR/Thekla Harre

Der im Juli 1907 eingeweihte Volkspark in Halle gehörte bis in die frühen 30er-Jahre zu den größten und prominentesten Volks- und Gewerkschaftshäusern in Deutschland. Dass die hallesche Arbeiterschaft, die den Bau aus eigenen Mitteln finanziert hatte, dafür ausgerechnet das Gelände des alten Bierlokals "Tinzers Garten" erwarb, war eine politisch symbolträchtige Geste: Es liegt auf dem höchsten Punkt des Stadtteils Giebichenstein, noch über dem pompösen Stadtschloss des Bankiers Heinrich Franz Lehmann, zu Zeiten Kaiser Wilhelms II. Halles reichster Bürger.  

Plakat zur Erföffnung des Volksparks Halle am 13. Juli 1907 Bildrechte: Volkspark Halle e.V.

Erbaut wurde der Volkspark von den renommierten Architekten-Brüdern Albert und Ernst Giese – als moderner Jugendstilbau mit einem großen Saal für 3.000 Gäste und viel Freifläche vor dem Haus. Dutzende Vereine waren in den 20er-Jahren im Volkspark Halle aktiv, erzählt Christine Fuhrmann, Architektin und Vorstandsmitglied im Volkspark Halle e. V.

Es gab eine Theatergruppe, es gab Chöre. Es gab auch verschiedene Malzirkel. Also wirklich ein unheimliches Vereins- und ein kulturelles Leben, was man selber, weniger aus dem bürgerlichen Kreis, sonder hier aus diesem Arbeiterkreis geschaffen hat.

Christine Fuhrmann, Architektin und Vorstandsmitglied im Volkspark Halle e. V.

1913 stehen im Volkspark nur 26 politische Versammlungen auf dem Programm. Dafür aber 173 Feste und Vergnügungen. Hinzu kommen die Treffen der Theatertruppe, von Malzirkel und Gesangsvereinen, der drei halleschen Arbeiter-Radfahrvereine, von Artisten und Turnern, die alle im Volkspark zuhause sind. Das Sinfonieorchester Halle musiziert regelmäßig mit den Arbeiterchören bei den Volksparkkonzerten. Zu hören sind Mendelssohn-Lieder ebenso wie Schubert, Grieg, Rachmaninow oder Hans Eisler.

Volkspark Halle, Großer Saal, historische Aufnahme Bildrechte: Volkspark Halle e.V.

Idee des Volkshauses soll wiederbelebt werden

Volkshaus Leipzig am 1. Mai Bildrechte: DGB Region Leipzig-Nordsachsen

In Erinnerung an die alten belebten Zeiten soll der Volkspark in Halle wiederbelebt werden. Welch gewagtes Unterfangen das ist, zeigt ein Blick auf andere mitteldeutsche Volkshäuser: Leipzig ist zum Bürohaus geworden, Chemnitz eine Ruine. Magdeburg wurde zum Hotel umgebaut, in Jena entsteht gerade ein Tagungszentrum. Von ihren einstigen Bildungstempeln haben sich Gewerkschaften und Sozialdemokraten in den vergangenen Jahrzehnten sukzessive verabschiedet: Finanziell zu teuer und inhaltlich aus der Mode gekommen.

100 Jahre Geschichte und zwanzig Jahre Fast-Leerstand haben am Volkspark unübersehbare Spuren hinterlassen. Nach der Wende gab es eine Reihe von Versuchen das Gebäude mit Leben zu füllen. Ausstellungen, Versammlungen oder Konzertveranstaltungen sorgten dafür, dass das Gebäude nicht in Vergessenheit geriet. Derweil bröckelte an allen Ecken und Enden der Putz. Seit 2010 übernahm der Volkspark-Verein das Gebäude und begann den einstigen Prachtbau der Arbeiterschaft in mühsamer Kleinarbeit vor dem weiteren Verfall zu retten. Ohne Geld ein mühsames Unterfangen. Endlich aber, Ende letzten Jahres, beschloss der Bund, 3,5 Millionen Euro für die Sanierung zu geben. Die sollen jetzt den großen Schub bringen: baulich und inhaltlich.

Und wir hoffen, dass der Volkspark in Zukunft ein Diskussionsort sein kann für die vielen Themen unserer heutigen Zeit. Für die Frage, wie geht es mit der Umwelt weiter? Wie wollen wir als Gesellschaft weiterleben.

Ingrid Häußler, Vorsitzende des Volkspark Halle e. V.

Eingang zum halleschen Volkspark Bildrechte: MDR/Thekla Harre

Ingrid Häußler zählt darauf, den Volkspark wieder als kulturellen Treffpunkt und Lernort für die Demokratie zu reaktivieren. Für die Hallenser Enthusiasten ist die 150 Jahre alte Idee des Volkshauses nicht tot. Denn eine Gesellschaft – so das Credo – braucht auch im 21. Jahrhundert Orte zum Lernen, Diskutieren und Feiern.

Im Wandel der Zeit - Volkshäuser in Halle, Leipzig und Jena

Wie in vielen deutschen Städten entstand auch in Halle (Saale) Anfang des 20. Jahrhunderts ein Volkshaus der Arbeiterschaft. Das traditionsreiche Gebäude, auf einer Porphyrkuppe in Giebichenstein gelegen, prägt noch heute das Stadtbild. Bildrechte: Volkspark Halle e.V.
Von 1906 bis 1907 wurde das Hauptgebäude im historisierenden Jugendstil nach Plänen der renommierten halleschen Architekten Albert und Ernst Heinrich Giese errichtet. Am 13. Juli 1907 wurde der Volkspark feierlich eröffnet. Bildrechte: Volkspark Halle e.V.
Die Kolonnaden, der Musikpavillon und die Turnhalle - hier eine Aufnahem von 1920 - wurden 1913 errichtet. Im Volkspark waren viele Vereine aktiv, es gab eine Theatertruppe, Mal- und Lesezirkel, Arbeiterchöre und mehreren Turnvereine. Bildrechte: Volkspark Halle e.V.
Der Volkspark war ein großes Unternehmen mit zeitweise bis zu 50 Mitarbeitern. Restaurant, Biergarten und Tanzveranstaltungen waren wichtige Einnahmequellen, um das Haus zu finanzieren. Bildrechte: Volkspark Halle e.V.
Im Oktober 1920 fand im Volkspark Halle der entscheidende Parteitag der USPD statt, der zur Spaltung der Partei führte. Bildrechte: Volkspark Halle e.V.
Blick auf die Bühne im Großen Saal nach den Vorfällen vom 13. März 1925. Bei einer Wahlveranstaltung von Ernst Thälmann kam es zur Eskalation mit der Polizei, zehn Arbeiter starben, darunter der Bürstenbinder Fritz Weineck. Bildrechte: Volkspark Halle e.V.
Der Verein Volkspark e. V. wurde 2004 mit dem Ziel gegründet, das wertvolle Ensemble zu erhalten. Ende 2020 hat der Bund Mittel in Höhe von 3,5 Millionen Euro für die Sanierung des Volksparks freigegeben. Bildrechte: Thomas Ziegler / Stadt Halle (Saale)
Das Volkshaus in Leipzig wurde 1905/1906 nach Plänen des Leipziger Architekten Oscar Schade errichtet. Der beeindruckende vierstöckige Bau diente als Sitz der Gewerkschaften und Veranstaltungsort. Während des Kapp-Putsches 1920 wurde das Haus durch Brandstiftung zerstört. Für die Finanzierung des Wiederaufbaus wurden "Volkshaus-Gutscheine" im Wert von 50 Pfennig verkauft. Bildrechte: IMAGO / Arkivi
Am 9. März 1933 stürmte und besetzte die SA das Leipziger Volkshaus. Akten und Schriftstücke wurden aus den Fenstern in den Volkshaushof geworfen. Bildrechte: Repro KWI e.V. Volkshaus-Geschichtsboden
Wenige Wochen vor Ende des Zweiten Weltkrieges wurde das Gebäude bei Luftangriffen schwer zerstört und nach 1945 nur in vereinfachter Form wieder aufgebaut, ohne den markanten Turm und ohne den großen Festaal im Volkshausgarten. Bildrechte: Repro KWI e.V. Volkshaus-Geschichtsboden
Nach der Wende erwarb der DGB das Gebäude von der Treuhand und verkaufte es 2006 an einen internationalen Hedgefond. 2009 konnte es von der Gewerkschaft zurückerworben werden. Bildrechte: DGB Region Leipzig-Nordsachsen
Die Errichtung des Volkshauses Jena wurde vom Physiker und Sozialreformer Ernst Abbe (1840-1905) initiiert, finanziert wurde es aus Mitteln der Carl Zeiss-Stiftung. Das am 1. November 1903 eröffnete Volkshaus ist eines der ältesten in Deutschland. Bildrechte: Stadtmuseum Jena
Mitte der 90er-Jahre übernahm die Stadt Jena die Trägerschaft des Volkshauses. Die Räumlichkeiten wurden durch die Ernst-Abbe-Bücherei und die Jenaer Philharmonie genutzt. Bildrechte: IMAGO / mm images/Kajo
Im Oktober 2019 begann dann der Umbau zum modernen Kultur- und Kongresszentrum, das im Sommer 2022 eröffnet werden soll. Bildrechte: JenaKultur, Bereich Tourismus/Convention, Karoline Krampitz
Der Große Saal des Volkshauses Jena wurde bereits 2019 fertiggestellt. Er dient unter anderem als Spielstätte für das Orchester der Jenaer Philharmonie. Bildrechte: JenaKultur, Karoline Krampitz

Angaben zum Feature

MDR KULTUR Feature
Volkshäuser - Früher Stolz der Arbeiterschaft, heute Immobilie?
Eine Recherche von Hartmut Schade
Regie: Stefan Nölke
Produktion: MDR 2021 - Ursendung

MDR KULTUR | Feature
28.04.2021 |22:00 Uhr

Dieses Thema im Programm:MDR KULTUR - Das Radio | Volkshäuser - Früher Stolz der Arbeiterschaft, heute Immobilie? | 28. April 2021 | 22:00 Uhr