Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung bei der Kulturarena Jena
Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung bei der Kulturarena Jena Bildrechte: imago/VIADATA

Neues Album "Albanien" – Rainald Grebe wird auf neuem Album sehr persönlich

"Albanien" heißt das neue Album von Rainald Grebe und der Kapelle der Versöhnung. Das mittlerweile siebente Bandalbum bietet schräge Gesellschaftsbeobachtung von hart bis zart im typischen Grebe-Duktus zwischen Melancholie und Wahnsinn. Dieser Albanien-Trip ist durchaus kein Wohlfühlurlaub, sagt unsere Kritikerin.

von Ilka Hein, MDR KULTUR

Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung bei der Kulturarena Jena
Rainald Grebe & Die Kapelle der Versöhnung bei der Kulturarena Jena Bildrechte: imago/VIADATA

Ich lebe mein Leben wie im Film. Die Kamera schwenkt auf mich, ich bin im Bild. Gang ein bisschen schluffig, Augen so grau-blau, die reiß ich immer weit auf, wenn ich in die Kamera schau.

Rainald Grebe auf dem Album "Albanien"

Die Selbstbeschreibung haut hin. So saß Rainald Grebe schon am Klavier, als ich ihn das erste mal live erlebt habe. Das war 2005, damals gewann er gerade den Nachwuchswettbewerb der Leipziger Lachmesse und ich war sofort unsterblich verliebt in die absolute Unvorhersehbarkeit dessen, was er als nächstes singen würde. Die Begegnung mit dem mittlerweile siebenten Bandalbum dagegen war keine Liebe auf den ersten Blick: Laut, rau, kantig und nicht unbedingt intim, so führt sich "Albanien" ein – und schon diesen Titel kann man wohl als Metapher für eine zunehmende Entfremdung ausmachen.

Wenn man sich wie die Schildkröte auf dem Rücken fühlt

Ich kenn mich nicht mehr aus, es ist so wenig klar, was ich sicher weiß, wird immer weniger. Alle sprechen Englisch, überall H&M, überall nur Flughafenmenschen. Aber Albanien, Albanien, in Albanien ist alles beim Alten.

Rainald Grebe auf dem Album "Albanien"

Damals in Albanien, als alles noch so schön war. War es vielleicht gar nicht, aber die Erinnerung hat ja schon ganz andere Haufen übergoldet. Jetzt zappelt die Schildkröte auf dem Rücken – und zwar auf dem Albumcover. Für Rainald Grebe offenbar ein passendes Bild für Ohnmachtsgefühle bei dem, was täglich um uns herum geschieht.

Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung: Albanien (Cover)
Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung: Albanien (Cover) Bildrechte: Versöhnungsrecords (Broken Silence)

"Das hat mir gefallen", sagt Grebe über das Cover. "Ich dachte mir, das ist so ein sehr konkretes Bild, was eingängig ist oder was mir viel sagt. Das hat so etwas Vergebliches. Aber das ist so, dass man in gewissen Situationen ist, die man nicht ändern kann. Was soll man sagen: Ich meine mich in der Gesellschaft vielleicht eher. Es gibt ja viele, die sehr klare Antworten haben im Moment." Die mit den klaren Antworten finden sich ja heute leicht, und zwar an beiden Enden der Fahnenstange. Grebe macht sich Gedanken um das Volk und seine eigene Verortung in der Masse und er stellt sich auf seine Weise die Frage nach Zugehörigkeiten.

Sehnsucht nach Hackepeter oder: wer ist "das Volk"?

Wer liegt in Malle besoffen am Strand mit seinem gesunden Menschenverstand? Das Volk! Du bist hier gefangen, schweilige Hände, ich hab so Sehnsucht nach den niederen Ständen. Das Volk! Wenn ich Hackepeter seh', dann krieg' ich solche Sehnsucht...

Rainald Grebe auf dem Album "Albanien"

Was das Volk eigentlich ist, damit tut sich Grebe selber auch schwer, so zwischen dem Wunsch nach Zuneigung und den Gefahren der Anbiederung: "Das ist ja immer alles etwas mehrdeutig, also es hat immer etwas von Masse, was mich ja auch interessiert als Künstler, als Sänger, der Lieder schreibt für Menschen und für viele auch. Und da kommt man immer in so komische Fahrwasser rein. So eine Masse von Menschen – was wollen die eigentlich singen? Oder was singen die sonst so? Und jetzt sollen die meine Lieder mitsingen. Das ist immer so ein Doppelbild. Das heißt auf der einen Seite sagt das Lied aus, diese Sehnsucht nach dem Vielen und was muss man da vielleicht für Kompromisse eingehen oder vor wem singt man da?"

Rainald Grebe beim TFF Rudolstadt 2014. Das TFF Rudolstadt ist das größte Roots-Folk-Weltmusik-Festival Deutschlands. 2014 geht es vom 3. bis 6. Juli und zum 24. Mal über die mehr als 20 Bühnen.
Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung beim Rudolstadtfestival 2014. Bildrechte: MDR/Holger John

Hintergründiger und sprachlich subversiver Humor

Die Kompromissfähigkeit Massenbedürfnisse zu erfüllen, dürfte bei Rainald Grebe wohl nach wie vor – und Gott sei Dank – gering sein. Stattdessen entblättert er uns einmal mehr seinen hintergründigen, sprachlich subversiven Humor mit der ihm eigenen tragikomischen Weltsicht. Und dieser Humor arbeitet sich an verschiedensten gesellschaftlichen Erscheinungen ab.

Albanien ist demnach auch kein Konzeptalbum, sondern Patchwork. "Das Album versammelt Songs aus fünf Jahren", so Grebe. "Das ist so ein Gewächs oder so ein Archivbild oder so ein Zeitbild über eine längere Zeit. Das ist jetzt kein in sechs Wochen entstandenes Tableau, das dramaturgisch verbunden ist, sondern es sind wirklich Songs, die wild durch die Gegend wandern. Aber dieses Mäandern von Gedanken, das ist ja eigentlich recht normal. Ich schreibe darüber, was mich halt gerade interessiert oder was meine Lebenssituation anbelangt, worüber meine ich, etwas sagen zu können, viel mehr ist es nicht."

Launiges Nachdenken über das eigene Älterwerden

In der zweiten Albumhälfte klingen langsam Töne an, die Grebe hört, wenn er in sich hineinlauscht. Das launige Nachdenken über das eigene Älterwerden zum Beispiel. Da kommt dann auch wieder mehr das Klavier zum Tragen und weniger die knirschende E-Gitarren.

Ich war lang nicht mehr da, beim Funkloch, ja ja. Na, kann er's noch, kann er's noch, kann er's nicht oder doch? Gestern noch Newcomer, heute Urgestein. Dieser Weg, dieser Weg, der wird kein leichter sein. Jetzt hab dich mal nicht so, du Arbeitnehmer, du machst jetzt deinen Job und gehst raus in die Arena.

Rainald Grebe auf dem Album "Albanien"
Rainald Grebe
Rainald Grebe Bildrechte: imago/Karina Hessland

Einen Schlaganfall auf der Bühne hatte Rainald Grebe 2017 zu verkraften. Er hat es und arbeitet den Umstand auf mit Songs wie "Der Bass muss laufen" oder "Fitnessstudio". Hier kann man sich Rainald Grebe übrigens nur schwer vorstellen – es sei denn als lebende ironische Brechung mit Indianerkopfschmuck. "Ich gebe ein bisschen mehr Acht, aber auch nicht zu sehr", gibt Grebe zu. "Es fällt mir schwer, auf mich Acht zu geben." Er sollte es besser, damit er noch mehr Alben machen kann, wie dieses: Musikalisch facettenreich ausgestattet mit Dancefloor-Klängen, Country, Reggae und dann doch wieder mit den schrägen Piano-Balladen, in die ich mich mal verguckt habe. Und so ist "Albanien" dann doch unbedingt eine Reise wert.

Angaben zum Album: Rainald Grebe und die Kapelle der Versöhnung: "Albanien"
erschienen bei Versöhnungsrecords (Broken Silence), 2019

Auch das könnte Sie interessieren

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Juli 2019 | 16:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2019, 04:00 Uhr

Abonnieren