Soziologe Prof. Raj Kollmorgen
Soziologe Prof. Raj Kollmorgen Bildrechte: Pressefoto Hochschule Görlitz/Zittau

30 Jahre Friedliche Revolution Es gibt immer noch eine Mauer in den Köpfen

Wie groß sind die Unterschiede zwischen Ost und West? Im Laufe der letzten drei Jahrzehnte hat man feststellen müssen, dass sich das DDR-System nicht wie einen Mantel abwerfen lässt. Das betrifft vor allem die Generationen, die Teile ihres Lebens auch in der DDR verbracht haben. Die Otto-Brenner-Studie hat nun im Frühjahr festgestellt, dass die Ostdeutschen generell tatsächlich weniger weltoffen sind, eine negativere Grundeinstellung haben im Hinblick auf ihre persönliche, gesellschaftliche und politische Situation. Überraschend ist, dass das tatsächlich auch die nach '89 Geborenen betrifft. Der Soziologe Raj Kollmorgen versucht das zu erklären.

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Soziologe Prof. Raj Kollmorgen 39 min
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MDR KULTUR - Das Radio Do 03.10.2019 18:05Uhr 39:20 min

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MDR KULTUR: Die junge Generation, die nach '89 geboren wurde, hat keine eigenen Transformationserfahrungen gemacht, hat nicht die unterschiedlichen politischen Systeme erlebt. Was sind die Gründe dafür, dass es in dieser Generation Einstellungsunterschiede gibt zwischen den Westdeutschen und den Ostdeutschen?

Raj Kollmorgen: Also, ich würde vielleicht mal auf zwei wichtige Punkte hinweisen wollen. Erstens: Ostdeutschland ist deutlich ländlicher geprägt, als es im Westen der Fall ist. Und die Bevölkerungen sind durch die Abwanderungen schon vor '89, dann aber insbesondere auch nach '89, deutlich älter. Und wir haben auch weniger ausgeprägte Mittelschichten. Kurzum, es sind harte, soziodemografische oder sozialstrukturelle Bedingungen. Die haben mit den Mentalitäten, mit den Kulturen und den Erbschaften der DDR relativ wenig zu tun. Zweitens: Wir müssen diese Besonderheiten des Vereinigungsprozesses mit bedenken. Und da beschränke ich mich auch auf zwei Punkte. Es ist erstens nicht so, dass diese Krisenphänomene im Osten Deutschlands Mitte/Ende der 90er-Jahre aufgehört hätten, sodass Menschen, die 1989/90 geboren wurden, davon nichts mehr mitbekommen konnten. Denn wir erinnern uns ja alle an die Agenda 2010 und die so genannten Hartz I bis IV-Reformen. Die sind ja nicht zuletzt deswegen entwickelt worden, weil es gerade im Osten (und in den Krisenregionen des Westens), diese unglaublich hohe Arbeitslosigkeit gab, diese verfestigte Arbeitslosigkeit und unbeweglichen Arbeitsmärkte. Den Hintergrund für diese Reformen hat Ostdeutschland abgegeben, und das waren gerade die ländlichen Räume. Das heißt, es hat Ostdeutschland in besonderer Weise getroffen. Und man kann nicht sagen, das Ende der 90er-Jahre das Gröbste überstanden war.

Was hat noch zu der offensichtlich neuen oder lang gewachsenen, spezifischen ostdeutschen Identität der nach '89 Geborenen beigetragen?

Das eine war, dass das mit den objektiven sozioökonomischen Bedingungen zusammenhängt, die darauf verweisen, dass es tatsächlich problematische Lebenslagen gab und zum Teil ja noch heute gibt. Wir diskutieren das gerade wieder, zum Beispiel im Zusammenhang mit dem Strukturwandel in der Lausitz. Das Zweite ist diese subjektive Dimension, dass es Erfahrungen der Eltern sind, die in den Familien weitergegeben werden. Und das dürfen wir nicht unterschätzen. Das fängt beim Beschweigen an. Oder es ist ein Thematisieren, das in den Familien vorgenommen wird und entweder Abwehr beinhaltet: Also, man kann nur verdruckst darüber reden, weil es solche Beschädigungen der eigenen Identität gegeben hat, die man selbst nicht bewältigt hat. Oder es kann auch das Gegenteil sein, nämlich dass man ein Gegenprogramm entwickelt, um sich davon abzusetzen. Und das wird in Familien zum Teil auch so subtil kommuniziert, das wir hier sozusagen die Sphäre des Psychischen, ja und der Sozialpsychische betreten. Es gibt sehr wohl familiäre Konstellationen, die das fortgetragen haben und die an den Kindern nicht spurlos vorbeigegangen sind.

Wenn zwei Drittel der jungen Ostdeutschen der Meinung sind, dass die Menschen in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung oft unfair behandelt worden sind. Was bedeutet das für deren Einstellung gegenüber der offenen Gesellschaft und Demokratie – Dinge die sie angeblich mit der Wiedervereinigung geschenkt bekommen haben?

Der Witz ist, es wurde nichts geschenkt, sondern die Ostdeutschen haben sich das selbst erkämpft in der Friedlichen Revolution. Schon diese Formulierung: Ihnen wurde etwas geschenkt, trifft eigentlich das Problem. In der Tat erfahren sich viele Ostdeutsche bis heute eher als Objekt der Geschichte und nicht als Subjekt. Also, Sie haben das Gefühl, dass es gar nicht darauf ankommt, wie sie handeln, sondern es kommt darauf an, wie andere handeln und dann sie behandeln. Sie als Objekte.

Die Ostdeutschen müssen um ihre Anerkennung ringen. Bei den Westdeutschen ist sie eher selbstverständlich und wird vorausgesetzt. Das erzeugt ein Gefühl der Zweitklassigkeit. Und wenn man dieses Gefühl hat, wenn das persistent da ist, ja, wenn sich das fortschreibt, auch in den Familien, dann ist das Risiko groß, dass man diese Enttäuschungserfahrung auch auf die Ordnung projiziert, in der man lebt: die gesellschaftlichen Ordnung, die wirtschaftliche Ordnung, die politische, die rechtliche Ordnung wird dafür verantwortlich gemacht. Dann darf man sich nicht wundern, wenn man da einen gehörigen Skeptizismus, eine Distanz ausbildet und protestiert. Da hat unsere demokratische freiheitliche Grundordnung tatsächlich ein Problem. Und die Wahlergebnisse sprechen daher auch eine relativ deutliche Sprache.

Was kann man tun?

Einerseits kann man natürlich versuchen, die Handlungsbedingungen zu ändern, die zu solchen Erfahrungen führen. Da stehen wir mitten in der Diskussion. Also Beschlüsse der Kohlekommission, Strukturwandel im Osten in der Folge der Bundestags und der Europawahlergebnisse, Infrastrukturen, Wirtschaftsansiedlung, wir haben eine neue, offenkundig Ost-West-Debatte, das passiert jetzt alles schon.

Und das andere ist mir genauso wichtig, nämlich das ist das öffentliche und private Reden, und zwar sowohl über die Erfahrung der Eltern als auch über die Selbsterfahrung. Und das ist ein wichtiges Mittel, das wissen wir im Übrigen auch aus den Gesprächstherapien. Wie wichtig das ist, sich einerseits mitteilen zu können und zu dürfen, auch über die negativen Erfahrungen, die man gemacht hat, weil das die Verarbeitung erleichtert.

Aber genauso wichtig ist, dass wir verstehen, dass wir das auch nicht alles kritiklos hinnehmen müssen: Bei vielen Ostdeutschen gibt es mittlerweile ein Syndrom, das über die letzten 20, 30 Jahre ausgeprägt wurde, durchaus auch bei den Jungen: Wir sind nur die Loser und an all unserer Malaise ist irgendwie der Westen Schuld. Jetzt sind es vielleicht auch noch die Migranten, Brüssel, die EU. Das ist doch ein wenig bequem gedacht.

Doch das geht immer nur im Kollektiv, dass man auch zwischen den Generationen diesen kritischen Diskurs, auch selbstkritischen Diskurs, pflegt, der dann dazu führt, dass man sich im Strukturwandel anders verhält. Wir brauchen eine neue Kommunikationskultur und auch eine Öffnung, die Öffnung eines utopischen Kanals. Wo wollen wir als Gesellschaft hin, sowohl in den ostdeutschen Regionen aber auch in der Bundesrepublik. Diese gedanklichen Freiräume sind noch nicht da, sondern wir leben eigentlich noch in der Welt Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Ab und zu knallt uns der Klimawandel dazwischen oder globale Probleme wie Migrationsströme. Aber wirklich ernst nehmen wir das nicht, weil wir mit unserem Denken noch sehr hinterher hängen. Die Ostdeutschen hätten die Chance vor dem Hintergrund ihrer spezifischen revolutionären Erfahrungen des Umstürzens. Das, was man technisch auch gerne eine "Transformationskompetenz" nennen kann. Das haben natürlich nicht nur die Ostdeutschen und auch nicht alle Ostdeutschen. Aber dass man das einspeist in unseren gesamtgesellschaftlichen Diskurs über die möglichen auch alternativen Zukünfte unserer Gesellschaft.

Das Gespräch führte Ellen Schweda für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Oktober 2019 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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