Erzählungen: "Hotel der Schlaflosen" Ralf Rothmann ködert Leser mit spielfilmtauglichen Bildern

Jörg Schieke
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Ralf Rothmann gehört zu den bekanntesten Erzählern seiner Generation. Seinen neuen Band "Hotel der Schlaflosen" mit Erzählung werden seine Fans daher wieder verschlingen. Das Buch bietet alles, was sie an dem Autor schätzen.

Der neue Erzählungsband "Hotel der Schlaflosen" von Ralf Rothmann bietet einen Mix aus den drei großen Themen des Autors, die sich in seinem Werk ausmachen lassen. Dies sind die Kindheit und Jugend im Ruhrgebiet und in der dazugehörigen proletarischen Welt, dann die 70er- und 80er-Jahre im Künstler- und Studentenmilieu von Westberlin und zuletzt die Jahre des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs, von denen Rothmann am Beispiel seines Vaters erzählt.

Geschichten, die sich selber schreiben

Ralf Rothmann: Hotel der Schlaflosen
Das Cover von Ralf Rothmanns "Hotel der Schlaflosen" Bildrechte: Suhrkamp

Die Titelerzählung "Hotel der Schlaflosen" reicht dabei am weitesten in die Vergangenheit, in die Jahre der Stalin-Diktatur. Angelegt ist sie als Monolog beziehungsweise Erinnerungsbericht eines Henkers, der in einem zum Gefängnis umfunktionierten Moskauer Hotel die zum Tode Verurteilten erschießt. Der Ich-Erzähler ist eines der Rädchen in Stalins Vernichtungsmaschine, ein Vollstreckungsbeamter. Das Ganze ist sehr effektvoll beschrieben, mit vielen Details und einer genau abgemessenen Grausamkeit und viel Zynismus, der Henker erschießt zum Beispiel seinen eigenen Schwager.

Und er erschießt den Schriftsteller Isaak Babel, einen großen Erzähler dieser Jahre, der selbst für die Rote Armee gekämpft hatte, dann aber zum Feind erklärt worden war. Diese Begegnung zwischen Henker und Opfer wird hier literarisch ausgebreitet. Das ist sehr bedrückend – dennoch ist es meines Erachtens nicht die stärkste Erzählung, weil dieser Zynismus, als erzählerisches Muster, auch einer gewissen Routine folgt. Die Erzählung aus der Stalin-Zeit bleibt zwar hängen – aber sie hat sich praktisch von selbst geschrieben, als das Thema gefunden war, so mein Eindruck.

Milieu plastisch eingefangen

Der unverwechselbare Rothmann ist für mich hingegen der, der von seinen Erfahrungen im Westberlin der 70er- und 80er-Jahre schreibt. Oder, noch weiter zurück, von seiner Kindheit und Jugend im Ruhrpott. Auch bei diesen Erzählungen, sie heißen "Der Wodka des Bestatters", "Der dicke Schmitt" oder "Das Sternbild der Idioten", gibt es immer einen handfesten erzählerischen Kern, ein Ereignis, fast so etwas wie ein novellistisches Zentrum, das eingebettet ist in eine Atmosphäre, die Rothmann ganz offensichtlich aus eigenem Erleben kennt.

Arbeitswelten mit der dazugehörigen Sprache kommen darin vor, Leute vom Bau und auch ein versoffener Bestatter, der einem seiner Gehilfen Weisheiten über Frauen mitgibt wie diese: "Eine Frau, die mit einem Anderen durchbrennt, kann wiederkommen, wenn das Flittern vorbei ist, klar. Dann versohlst du sie, und die Ehe geht weiter. Aber wenn sie ein Kind von ihm kriegt, kommt sie niemals wieder. Die lebt dann in einer anderen Welt und würde eher in ein Fürsorgeheim ziehen. Also lass die Scheidung einfach laufen, ist für alle das Beste." Da ist ein bestimmtes Milieu in einer bestimmten Zeit ziemlich sicher und plastisch eingefangen. Und das ist eine der großen Stärken von Rothmann.

Spielfilmtaugliche Bilder

Überhaupt ist Rothmann ein Erzähler, der seine Leserschaft gern mit grellen, durchaus spielfilmtauglichen Bildern ködert. Eine Geschichte, die in Westberlin spielt, erzählt etwa davon, dass in unmittelbarer Nähe der Berliner Mauer, auf der Westseite, ein Film gedreht wird. Wozu wiederum ein Stück Mauer nachgebaut wird, so dass sich die als DDR-Grenzer verkleideten Komparsen mit den echten Grenzern fast unterhalten können. Und immer hat Rothmann auch das Bedürfnis, seine Geschichten mit einer Pointe oder zumindest mit einer starken Schlusswendung zu Ende zu bringen.

Wo er damit in der Literatur-Szene von heute steht? Na ja, es gibt nur einen Ralf Rothmann, und den erkennt man immer wieder. Interessant auch in dem, was er nicht macht. Mit dem stark reduzierten und gerade von den Aussparungen getragenen Erzählen à la Hemingway oder Raymond Carver oder hierzulande Judith Hermann, hat Rothmann wenig zu tun. Er lässt es fast immer durchaus blitzen und knallen – und das meist ziemlich kunstvoll.

Ralf Rothmann 7 min
Bildrechte: imago images / Gerhard Leber

Das Buch Ralf Rothmann: "Hotel der Schlaflosen"
200 Seiten, gebunden, 22 Euro
ISBN: 978-3-518-42960-0
Suhrkamp Verlag

Literatur

Katrin Schumacher
MDR Literaturexpertin Katrin Schumacher reist nach Brünn und Prag, um wichtige tschechische Autoren im Vorfeld der Leipziger Buchmesse zu treffen. Bildrechte: MDR/Uwe Mann, honorarfrei

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 20. Oktober 2020 | 08:10 Uhr