Interview mit Randa Chahoud zum Film "Nur ein Augenblick" Halberstädter Regisseurin spricht über ihren Film zum syrischen Bürgerkrieg

Regisseurin Randa Chahoud aus Halberstadt erzählt in ihrem Film "Nur ein Augenblick" von einem jungen Syrer, der in Deutschland mit seinem Studium und seiner deutschen Freundin neue Wurzeln schlägt. Doch dann reißt ihn die Nachricht, dass sein Bruder in Syrien in Assads Foltergefängnis geraten ist, in einen Strudel der Gewalt. Einen Film zu machen, der vor dem Hintergrund des syrischen Bürgerkriegs spielt, war für Chahoud, deren Vater aus Syrien stammt, eine Herzensangelegenheit.

Bewaffnete junge Männer 2 min
Bildrechte: Sören Schulz/Neue Impuls Film

MDR KULTUR: Inwiefern hängen der syrische Bürgerkrieg und Halberstadt miteinander zusammen?

Randa Chahoud: Tatsächlich spielt das Flüchtlingsthema hier in Halberstadt doch eine große Rolle, weil hier ganz in der Nähe ist die ZASt. Das ist die zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber. Das heißt, eigentlich gibt es ganz viele Syrer hier in Halberstadt; in der Klasse von meiner Tochter ist es ganz normal, dass da auch ein paar Flüchtlingskinder sitzen.

Ich glaube, dass wir hier in Halberstadt eigentlich viel direkter konfrontiert sind mit der Problematik, als Menschen aus dem Bildungsbürgertum in Berlin-Mitte beispielsweise. Die Leute in Halberstadt haben direkten Kontakt mit den Flüchtlingen. Wenn du am Bahnhof ankommst, siehst du, wie die Flüchtlinge ankommen, in den Bus steigen und wie sie dann dort hinfahren. Dann hat man natürlich den Kontakt in der Schule. Dann kriegen sie auch irgendwann eine Wohnung, das heißt, die Leute wohnen dann auch in der Stadt. Das ist viel unmittelbarer als in den Großstädten. Und häufig glaube ich, ist es vielleicht auch schwerer vorstellbar für Großstädter – die Situation einer Region wie hier ist eh nicht so einfach, auch für die, die hier leben. Dass die Menschen dann bestimmte Ängste kriegen, dass ihnen vielleicht was weggenommen wird, hat schon auch was mit der Realität zu tun. Es kommen zum Teil sehr gebildete Leute aus Kriegsgebieten. Leute, die sich sehr schnell anpassen und sehr schnell viel arbeiten wollen, schnell deutsch lernen. Und dann natürlich auch eine Konkurrenz sind.

Wie kam es dann zu dem Film? Eine Idee haben, ist ja das eine, aber dann das Drehbuch zu schreiben und den Film zu machen, ist ja nochmal etwas anderes.

Ein junger syrischer Student geht nach Syrien, weil er denkt, er könnte seinen Bruder retten. Das klappt nicht. Er kehrt zurück. Er hat eine Freundin, mit der er eigentlich sehr eng ist, und er trifft den Mörder seines Bruders wieder. Diese Geschichte gab es von Anfang an. Die habe ich in ein paar Tagen so geschrieben. Und dann begann ein sehr langer Weg der Finanzierung. 2011, als sich loslegte, haben alle noch gesagt: Wenn wir den Film finanzieren, er in zwei Jahren gedreht wird und dann in drei Jahren rauskommt, weiß gar keiner mehr, wovon die Rede ist. Das ist dann längst Geschichte. Und dann habe ich sehr dafür gekämpft und keinen Fernsehsender gefunden, aber viele Unterstützer bei den Filmförderungen gehabt und irgendwann mich entschieden, ohne Fernsehsender Filmförderung zu beantragen und die dann auch bekommen. Das hat aber Jahre gedauert, wovon das Drehbuch dann natürlich profitiert hat, weil es immer weiter verfeinert wurde.

Warum wollten Sie diesen Film machen?

Also zum einen ist das Thema Gewalt in uns etwas, was mich schon immer interessiert. Die Bereitschaft, die wir alle in uns haben, unter bestimmten Umständen Gewalt auszuüben und auch hineinzuschlittern in eine Situation der Gewalt, in der wir vielleicht plötzlich Dinge tun, von denen wir nie gedacht hätten, dass wir sie tun. Das hat mich schon immer umgetrieben. Und zum anderen ist mein Vater Syrer. Dadurch habe ich auch persönlich relativ viel mit dem Thema zu tun gehabt und auch Kontakt zu vielen Syrern. Deren Tragödie oder deren albtraumhaftes Lebensgefühl zu verfilmen, war dann irgendwann auch für mich fast wie ein Drang, also wie ein Muss. Eigentlich habe ich an etwas anderem geschrieben, aber dann gab es diesen Umbruch vom Arabischen Frühling in diese Bürgerkriegssituation. Es prasselten Geschichten auf mich ein, um mich herum.

Ein Mann und eine Frau lachen
Ein Studium und seine Freundin: Der Protagonist Karim im Film "Nur ein Augenblick" hat seinen Platz in Deutschland eigentlich gefunden. Bildrechte: Sören Schulz/Neue Impuls Film

Während ich geschrieben habe, habe ich einen Libyer getroffen, der in Berlin studierte, Umwelttechnik wie meine Hauptfigur, und dessen Bruder auf einer Demonstration von der Armee verschleppt wurde. Innerhalb von drei, vier Tagen hat er entschieden, nach Libyen zu ziehen und gegen Gaddafi zu kämpfen. Die Begegnung war sehr beeindruckend für mich. Ein junger Student, dessen Leben und Lebensgefühl meinem ähnelte, der mir glaubhaft schildern konnte, was ihm da passiert ist, so dass ich nachvollziehen konnte, wie er innerhalb von ein paar Tagen plötzlich zur Waffe greift. Das hat mich erschreckt, wie nachvollziehbar das ist.

Sie haben mit Syrern gedreht. Wie war das bei den Dreharbeiten?

Ich hatte einen syrischen Regieassistenten. Er kam gerade aus Homs und war seit zwei Jahren in Deutschland. Er hat die Organisation der ganzen Komparserie übernommen, also über Facebook, über diese ganzen kleinen Gruppen die Leute organisiert. Die Leute, die dann kamen, haben zum Teil tatsächlich in der in der Freien Syrischen Armee gekämpft. Sie waren zum Teil wirklich im Gefängnis gewesen und es waren sehr viele dabei, die noch gar nicht lange in Deutschland waren. Alle waren durchweg ganz glücklich über die Dreharbeiten und haben sich sehr gefreut, dass wir ihre Lebenssituation so ernst genommen haben. Wir haben beim Drehen versucht, sehr respektvoll miteinander umzugehen. Es war für das Team auch belastend, einen Krieg zu verfilmen, der parallel gerade in echt stattfindet.

Dreharbeiten zu einem Film
Wärend der Dreharbeiten von "Nur ein Augenblick" Bildrechte: Sören Schulz/Neue Impuls Film

Der Protagonist im Film, Karim, ist ein syrischer Bürger, der als Exilant hier in Deutschland lebt, studiert und dann zurückgetrieben wird. Man könnte sagen: Das ist jetzt keine deutsche Geschichte. Was hat sie mit uns Deutschen zu tun?

Das hat ganz viel mit uns zu tun. Es war mir wichtig, das, was ich kenne, von Syrien zu zeigen – dass das Leute sind, die genauso sind wie wir. Ein syrischer Student und ein Student in Hamburg unterscheiden sich kaum in dem, was sie sich im Leben so wünschen, ihren Ängsten und Sehnsüchten. Deswegen glaube ich, ist es kein syrisches Thema in den Krieg zu ziehen. Da bin ich ganz fest davon überzeugt. Ich nehme mich da auch nicht aus. Da braucht sich jeder nur kurz vorstellen, dass einer Person, die man liebt, ungerechterweise etwas angetan wird, dann bist du zu allem bereit. Es gibt sehr wenige Ausnahmen, würde ich sagen.

Ein starkes Anliegen im Film ist zu zeigen: Man muss etwas tun. Aber was? Was ist das Richtige?

Also zumindest, dass es wirklich schwer ist, zu entscheiden und es sehr schwer ist, in bestimmten Situationen ein wirklicher Pazifist zu sein. Man darf niemanden niemals erschießen. Aus welchem Grund auch immer. Und dann bekommst du etwas berichtet und es ist plötzlich gar nicht so einfach, zu entscheiden. Die Entscheidung, die die Hauptfigur trifft, ist meines Erachtens falsch. Aber wie schwer muss es sein, in so einer Situation zu sein und sich dann gegen die Gewalt zu entscheiden?

Der Koblenzer Prozess gegen Assads Folterer, wie wird der wahrgenommen in Ihrem syrischen Umfeld?

Es gibt so eine Hoffnung auf "am Ende siegt die Gerechtigkeit", würde ich sagen. Es wird ein Tag kommen, wo es für das Land wieder einen Lichtschimmer gibt. Und bis dahin halten Sie sich dann an solchen Situation auch ein bisschen fest. Immerhin wird dort ein gerechter Prozess geführt.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 06. August 2020 | 22:10 Uhr