Jörgen Skafte Rasmussen
Der dänische Ingenieur Jörgen Skafte Rasmussen (Aufnahme von 1958) Bildrechte: dpa

Biografie Der Motorrad-König von Zschopau

Im sächsischen Zschopau baute Jörgen Skafte Rasmussen unter dem Kürzel DKW die größte Motorradschmiede der Welt auf. In der DDR firmiert das Werk unter MZ; hier werden auch in den 70er-Jahren mehr Zweitakt-Motorräder als bei jedem anderen Hersteller montiert. Doch wer war Firmengründer Rasmussen? Ein Kapitalist und Ausbeuter, wie ihn die DDR sah? Ein visionäres Ingenieursgenie? Oder ein Nazi?

von René Römer

Jörgen Skafte Rasmussen
Der dänische Ingenieur Jörgen Skafte Rasmussen (Aufnahme von 1958) Bildrechte: dpa

Warum kommt ein dänischer Kapitänssohn um 1900 ins Erzgebirge? Jörgen Skafte Rasmussen lockt das weltberühmte Technikum nach Mittweida, wo er Maschinenbau und Elektrotechnik studiert. Auch Industrie-Pioniere wie August Horch und ein Sohn Adam Opels hatten hier studiert. Rasmussen bleibt zwei Jahre, macht seinen Abschluss dann an der neu gegründeten Ingenieursschule Zwickau. Und steckt voller Ideen, Ehrgeiz und Tatendrang.

Mein Großvater hat immer daran gedacht, ein Motorrad auf den Markt zu bringen, das für die große Masse erschwinglich ist.

Jörgen Skafte Rasmussen jr. / Enkel
Jörgen Skafte Rasmussen
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Rasmussen gründet in Chemnitz, dem Manchester Deutschlands, seine erste Firma. 1906 kauft er für 55.000 Mark eine stillgelegte Tuchfabrik bei Zschopau. "Es waren Leute vorhanden, die Metallwerker waren, die gute Schlosser waren usw.", sagt Frieder Bach vom Museum für sächsische Fahrzeuge Chemnitz e.V., "und obendrein war das Lohnniveau im Erzgebirge sehr niedrig." Schon beschäftigt Rasmussen hier 70 Mitarbeiter. Die "Zschopauer Maschinenfabrik J. S. Rasmussen" produziert Dampfkessel-Zubehör, aber auch eine "Gabelputzmaschine".

Wohlstand dank Weltkrieg

Rasmussen meldet Patente an, holt sich Teilhaber, Geldgeber und Ingenieure in die Firma, macht rasch gute Geschäfte und wird zum Profiteur der ersten großen Katastrophe des 20. Jahrhunderts: dem Ersten Weltkrieg. "Während des Ersten Weltkrieges hat er Rüstungsgüter produziert: Zündkapseln und Granatzünder. Die wurden damals in großer Stückzahl benötigt, und Rasmussen hat das erkannt", erklärt DKW-Experte Frank Heyde. "Er hatte schon immer ein Gespür für den Bedarf der Zeit. Die Beschäftigtenzahl stieg in der Zeit von etwa 70 auf über 400."

verschiedene Rasmussen Motorräder
Die Rasmussen-Villa in Zschopau. Bildrechte: Steffen Keitel

In den Kriegsjahren Iässt Rasmussen sich eine Villa bei Zschopau bauen. Ihm gehört das halbe Tal. Das prächtige Anwesen genügt großbürgerlichen Ansprüchen, umfasst einen Teich, Gewächshäuser, einen Weinkeller. In der Villa lebt der Unternehmer mit Frau Therese und mit seinen vier Kindern. Ehefrau Therese holt er sogar in den Aufsichtsrat seines zum Konzern gewachsenen Unternehmens.

Motorräder auch für den kleinen Geldbeutel

Die Benzinknappheit während des Ersten Weltkrieges lässt Rasmussen mit Dampfkraftwagen, abgekürzt: DKW, experimentieren. Doch die schweren Dampfrösser erweisen sich als Irrweg. Stattdessen entwirft einer seiner Ingenieure einen kleinen Zweitaktmotor. Diesen robusten wie billigen Motor lässt Rasmussen von seinen Konstrukteuren hinter dem Sattel eines Fahrrades anbringen. Solche Drahtesel mit Hilfsmotor nennt der Volksmund zutreffend "Arschwärmer". Die Dampfkraftwagen sind Geschichte. Nur der Name "DKW" bleibt und erweist sich als Glück für Rasmussens PR-Strategen, welche die Maschinen als "Des Knaben Wunsch" sowie "Das kleine Wunder" bewerben.

Die DKW-Motorradsessel, Vorläufer des Motorrollers, floppen zwar. Aber der Zweitaktmotor als Antrieb bleibt. Und mit dem sogenannten "Reichsfahrtmodell", kurz: RT, landet Rasmussen einen Volltreffer. Neben bildschönen Luxus-Maschinen liegt das Erfolgsrezept für die hohen Stückzahlen vor allem im Bau von preiswerten Maschinen, die sich auch ein Arbeiter leisten kann.

Rasmusssen führt ein damals sensationelles Geschäfstmodell ein: die Ratenzahlung. Ein Motorrad in kleinen Beträgen abzustottern, das gab es in Deutschland bisher nicht. Die zweite bahnbrechende Idee kam ihm auf einer seiner Amerika-Reisen bei Ford: die Fließband-Montage. Bis zu 60.000 Maschinen werden nun im Jahr in Zschopau zusammengebaut: Das ist Weltrekord. Ende der 20er-Jahre beschäftigt Rasmussen 15.000 Mitarbeiter. Er kauft ständig Betriebe dazu, will sich unabhängig von Zulieferern machen. Selbst Kühlschränke lässt er fertigen.

Vom Framo bis zum RT - die Maschinen aus dem DKW-Werk

Ein silberfarbenes Motorrad ist auf einem Transportanhänger befestigt.
Sport DKW – ein Motorrad aus den 30er-Jahren Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
Ein silberfarbenes Motorrad ist auf einem Transportanhänger befestigt.
Sport DKW – ein Motorrad aus den 30er-Jahren Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
Motorräder
verschiedene DKW-Modelle Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
Rasmussen
Ein DKW F5 im Aufbau Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
Motorrad auf einem Tisch in einer Werkstatt
DKW Reichsfahrt-Modell (RT) Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
Oldtimer in einer Werkstatt
DKW F5 Luxus Cabriolet im Aufbau Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
Oldtimer
DKW F1 Sportwagen (Ende der 20er-Jahre) Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
verschiedene Rasmussen Motorräder
Ein Blick ins Museum für Sächsische Fahrzeuge Chemnitz Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
verschiedene Rasmussen Motorräder
Ein Blick ins Museum für Sächsische Fahrzeuge Chemnitz Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
Motorräder
DWK Sport 500 (Baujahr 1932) Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
Oldtimer
Kleintransporter DKW (Framo) Bildrechte: Oliver Kaufmann/promovie
verschiedene Rasmussen Motorräder
Die Rasmussen-Villa im Stil einer erzgebirgischen Kirche Bildrechte: Steffen Keitel
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Ein guter Kapitalist?

Nun ist er der König im Erzgebirge und einer der ganz großen Wirtschaftsbosse in Deutschland, der in Zwickau und Berlin-Spandau sogar Autos der Marke DKW montieren lässt. Selbst an der Produktion von Flugzeugen und Kleintransportern hat er eine Aktie. Zschopau ist nun eine Industrie-Metropole. Um der Wohnungsnot Herr zu werden, lässt Rasmussen eine ganze Werkssiedlung, die DKW-Siedlung, errichten. Einfache Häuschen für Arbeiter und Angestellte. Zudem schloss er für seine Arbeiter eine Kranken- und eine Arbeitslosenversicherung ab. Jörgen Skafte Rasmussen – der gute Kapitalist? Vielleicht. Zur Überlieferung gehört, dass er in Stoßzeiten selbst mit montiert. Und fest steht: DKW-Arbeiter verdienen gut bis sehr gut.

Horch, AUDI, Wanderer und DKW werden zwangsvereinigt

Getriebe und Motoren, Kühlschränke und Kleintransporter, Sportwagen und Rennstall: DKW wächst und wächst. Rasmussen investiert – nicht selten auf Pump. 1930 erschüttert die Weltwirtschaftskrise den sächsischen Fahrzeugbau. Wie Blei stehen die noblen Zwei- und Vierräder in den Verkaufssalons. Da drängt die Sächsische Staatsbank auf einen Zusammenschluss der Produzenten Horch, AUDI, Wanderer und DKW. Im Zeichen der vier Ringe werden sie zwangsvereinigt. Die Verhandlungen finden zu Teilen in der Rasmussen-Villa statt. Dort soll mutmaßlich die Geburtsurkunde der Autounion, heute AUDI Ingolstadt, unterzeichnet worden sein. Bis Ende 1934 sitzt Rasmussen im Vorstand der Autounion. Doch es gibt Streit. Und Rasmussen geht. Oder richtiger: Er wird gegangen.

Ringe Auto-Union
Die vier Ringe, die das Logo der heutigen AUDI AG bilden, standen symbolisch für die Union aus Horch, Audi, Wanderer und DKW. Bildrechte: colourbox.com

Rasmussen wendet sich an Hitler

"Tatsache ist, dass sich die Spannungen innerhalb des Vorstandes der Autounion immer mehr zuspitzten. Rasmussen hatte wahrscheinlich die heimliche Hoffnung, dass sich über die Verstaatlichung seines Konzerns unter dem Namen Autounion eine gewisse Sanierung anbietet. Dass sich die wirtschaftliche Lage stabilisiert und er seinen Betrieb wieder übernehmen kann. Also praktisch eine Reprivatisierung dieser ganzen Angelegenheit. Dass diese Rechnung so nicht aufgegangen ist, hat ihn verbittert", so der DKW-Experte Frank Heyde. Womöglich aus Frustration begeht Rasmussen den wohl größten Fehler seines Lebens: Er wendet sich an Adolf Hitler und hofft, dass der Diktator ihn zurück in die alte Position hievt. Hitler übernachtet angeblich sogar auf Einladung Rasmussens in der Villa bei Zschopau.

Rasmussen hat sich 1934 in einem Interview mit einer dänischen Zeitung als Verehrer Adolf Hitlers zu erkennen gegeben. Das hatte sicherlich auch wirtschaftliche Gründe, denn im damaligen Deutschen Reich in dieser Größenordnung erfolgreich wirtschaftlich zu agieren, war natürlich mit gewissen politischen Kompromissen verbunden.

Frank Heyde, DKW-Experte

1938 schenkt Rasmussen der Stadt Zschopau ein Glockengeläut für das Alte Rathaus - und zeigt sich gesellig unter den örtlichen Nazi-Größen. Ähnliche Bilder gibt es auch von Ferdinand Porsche und anderen Groß-Industriellen. Die Anbiederung an das Regime bleibt ein Makel, ein Tiefpunkt in Rasmussens Lebensbilanz. "So hat Rasmussen auf persönlichen Anweisung Hitlers eine Entschädigung von über einer Million Reichsmark erhalten und dazu den Doktor-Ingenieur der Technischen Hochschule Dresden", erzählt DKW-Experte Heyde. Die Abfindung von 1,3 Millionen Reichsmark entspricht der heutigen Kaufkraft von gut fünf Millionen Euro.

Tragischer Lebensabend

Rasmussen ist raus aus dem aktiven Geschäft. Sein ältester Sohn Hans Werner Rasmussen bleibt in leitender Position: Als Geschäftsführer bei Framo in Frankenberg-Hainichen, dem späteren Barkas-Werk. Aber das Abenddämmern des Vaters gerät tragisch: 1939 erliegt Rasmussens Tochter Ilse einer schweren Krankheit. Und nach dem Krieg wird sein Sohn Hans Werner von der sowjetischen Besatzungsmacht verhaftet und in ein Internerierungslager geschleppt, wo er noch 1945 stirbt. Rasmussen selbst ist noch immer dänischer Staatsbürger und kann über Flensburg nach Kopenhagen fliehen.

Von seinen vier Kindern waren zu der Zeit schon zwei tot. [...] Er hatte in Deutschland im Prinzip alles verloren; seine Immobilien lagen im Bereich der sowjetischen Besatzungszone, er hatte also keinen direkten Zugriff mehr.

Frank Heyde, DKW-Experte

Startschuss für die AUDI AG und MZ

In Sachsen beginnt das personelle Ausbluten - unter Mitnahme von technischen Unterlagen in den Westen. Dort startet die Autounion, heute AUDI AG, neu durch. Trotz der Industrie-Demontagen durch die UdSSR halten die Arbeiter den Geist des Alten hoch und etablieren auf DKW-Basis das "Motorradwerk Zschopau" MZ, das später zu den stückzahlstärksten Motorrad-Bauern der Welt zählt.

Arbeiterin bei der Montage einer MZ-Maschine ES 150 in der Fertigungshalle des VEB Motorradwerkes Zschopau.
Arbeiterin bei der Montage einer MZ-Maschine ES 150 in der Fertigungshalle des VEB Motorradwerkes Zschopau. Bildrechte: IMAGO

Die RT 125 ist das meistkopierte Motorrad der Welt. Es sind insgesamt mit Lizenzbauten über fünf Millionen Exemplare gebaut worden. Übrigens auch von Harley Davidson und Yamaha.

Frank Heyde, DKW-Experte

Bis in die 70er-Jahre kann die MZ-Sportabteilung auf der Straße international mithalten. Im Enduro-Bereich dominieren MZ-Werksfahrer um Stars wie Harald Sturm oder Jens Scheffler sogar bis weit in die 80er. Doch nach 1990 kann MZ nicht gerettet werden. Die Motorradstadt Zschopau ist Geschichte. In Dänemark versucht Rasmussen mit seinem Sohn Ove in den 50er-Jahren die Marke DISA als neue Motorradlinie zu etablieren. Doch DISA-Zweiräder kommen über Kleinserien nicht hinaus. Nach Zschopau ist er nie mehr zurückgekehrt. Jörgen Skafte Rasmussen, der die Deutschen mobil machte, stirbt 1964 im Alter von 86 Jahren in Kopenhagen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15.02.2018 | 14:45 Uhr
MDR Fernsehen - Lebensläufe | 15.02.2018 | 23:05 Uhr

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Zuletzt aktualisiert: 14. Februar 2018, 14:45 Uhr

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Heinz Rosner
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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