Museen Koloniale Raubkunst: Wie weiter?

Die Rückgabe von Raubkunst aus Afrika befürwortet die Direktorin der ethnologischen Sammlungen Sachsen. Die Umsetzung scheitert aus ihrer Sicht jedoch u.a. an bürokratischen Hürden. Die Politik müsse handeln.

Drei Raubkunst-Bronzen aus dem Land Benin in Westafrika sind im Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) in einer Vitrine ausgestellt.
Koloniale Raubkunst ist in Museen in ganz Europa zu finden: Wie diese Bronzen aus Westafrika im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG). Bildrechte: dpa

Als er forderte, das künstlerische Erbe Afrikas zu restituieren, versetzte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron seine potentiellen Wähler in den früheren französischen Kolonien in Begeisterung und West- und Mitteleuropa in Aufregung. Hier lagern schließlich jene Kunstschätze, die sich Kolonialmächte einst einverleibten, teils auf kriminelle Weise gelangten sie in die Museen. Nun warten mittlerweile 26 Artefakte aus dem einstigen Königreich Bénin in Paris auf die Rückgabe nach Nigeria, jenen Staat, der sich heute auf dem Territorium erstreckt und es passiert: nichts. Für die Rückgabe müsste die französische Nationalversammlung die Kulturschutzklausel der Verfassung aufheben. Auf Barrieren stößt die Forderung nach Rückführung auch in Deutschland, wie Léontine Meijer-van Mensch erzählt. Sie ist die neue Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen, der zweitgrößten ethnologischen Kollektion Deutschlands.

Keine Rückgabe an Nigeria und Kongo

Hier bergen Schätze teilweise nur als Inventar in Depots; einige von ihnen sind aber auch gut erforscht, wie die Benin-Sammlung: Bronzereliefs und geschnitzte Elfenbeinstoßzähne. Diese Sammlung ist das Kostbarste, was das Grassi-Museum für Völkerkunde in Leipzig zu bieten hat.

Die Kongo-Sammlung, 100 Artefakte, durch den ruchlosen belgischen König Leopold II. nach Leipzig gelangt, kann man sich bis Ende März noch im Museum anschauen. In Zeiten, in denen alle Welt die Rückgabe der Kunstschätze aus den Kolonien fordert, gibt man sich in den Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen einsilbig. Keine Rückgabe an Nigeria und keine Rückgabe an die Republik Kongo. Auch keine Teil-Restitutionen. Direktorin Léontine Meijer-van Mensch wartet auf ein Signal aus der Politik:

Wir brauchen die Politik und deshalb ist es auch so schön, dass sich Macron dafür in den letzten Jahren so eingesetzt hat, aber dann muss dieser fast kafkaeske Verwaltungsapparat sich auch verändern.

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen

Bürokratische Hürden wie Steuernummern

Letztlich werden die Ethnographischen Sammlungen Sachsens vom Ministerin für Wissenschaft und Kunst und dessen Ministerin, Eva-Maria Stange, gelenkt – man setzt die Beschlüsse des Landtages um. Léontine Meijer-van Mensch betont, dass das Problem eben nicht nur bei den Sammlungen liege. Dort forsche man, mit wenig Personal, was das Zeug hergebe, man kooperiere mit Nachkommen aus den Kolonialgebieten und gebe vereinzelt auch Objekte zurück – 2019 menschliche Gebeine nach Australien und Namibia. Doch drückt sich die Kulturpolitik davor, die Verantwortung für Restitutionsentscheidungen zu übernehmen. Die Vorstellungen, welche Prozesse mit einer Restitution angestoßen werden, sind immer noch vage. Eine Rückführung der Benin-Sammlung müsste auf jeden Fall den Sächsischen Landtag beschäftigen, derzeit setzt man in Dresden auf die Kulturministerkonferenz im Frühjahr, auf der Bund und Länder einheitliche Positionen zur "Kolonialkunst" finden wollen.

Obwohl der Bund, gar Kanzlerin Merkel, das Problem erkannt haben, muss letztlich in Sachsen das Parlament die Neuordnung des Museumsbestands beschließen, dafür müssen die Argumente weitsichtig abgewogen werden. Bis dahin wünscht sich Léontine Meijer-van Mensch mehr Flexibilität und auch Respekt seitens der deutschen Behörden, wenn es darum geht, den Austausch mit afrikanischen Kuratoren und Künstlern zu befördern:

Wir sind Teil des öffentlichen Dienstes. Dann würde es mir als Direktorin wahnsinnig helfen, wenn wir mit den Kollegen aus den Herkunftsändern innovativer umgehen könnten. Dass ich Werkverträge ausschreiben kann, obwohl jemand aus Nigeria keine deutsche Steuernummer hat oder ein Giro-Konto. Und daran hapert es.

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen

Andere Interessenslagen als bei NS-Raubkunst

Die Niederländerin arbeitete zuvor als Programmdirektorin im Jüdischen Museum Berlin. Mit der Rückgabe von Raubkunst an jüdische Familien ist Meijer-van Mensch vertraut, die Restitution von "Kolonialkunst" ergänzt aus heutiger Sicht den Komplex der Restitution. Doch sind Kolonialismus und Holocaust nicht dasselbe, die Interessenlagen der Beteiligten liegen anders. So fordert der heutige König von Bénin etwa, im Gegenteil zu vielen seiner Landsleute, gar nicht mehr alle geraubten Objekte zurück.

In Nigeria soll jedoch ein Palast-Museum entstehen. In dem wolle man etwas zeigen. Hier kann sich Léontine Meijer-van Mensch vorstellen, dass das neue Schlagwort "Sammlungsmobilität" zum Tragen kommt: Museen aus Europa kuratieren im Verbund ethnologische Sonderausstellungen in Afrika. Dabei geht es nicht nur um eine zeitlich begrenzte Rückkehr der Objekte, sondern auch um einen Wissens-Transfer. Er müsste im Fall von Restitutionen besonders zum Tragen kommen. Nur die Rückgabe der Objekte ist unverantwortlich und kein Austausch. Sie spielt den museologischen Defiziten in Afrika in die Hände. Léontine Meijer-van Mensch:

Da würde ich gerne die Politik in die Pflicht nehmen und sagen, ja Rückgabe ist jetzt wichtig. Aber dann übernehmen wir auch eine Verantwortung für die nächsten 50 Jahre in Sachen Nachhaltigkeit. Denn nur die Objekte in ein Easy-Jet-Flugzeug zu laden und dann noch einen Fototermin zu machen und dann ist es vorbei – das wissen wir alle, dass das nicht der Weg ist.

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Spezial | 21. Februar 2019 | 18:05 Uhr

Abonnieren