Eine Wandergruppe durchquert ein Tal
Wandern und Draußen-Sein Bildrechte: Colourbox

Sachbuch Das Sachbuch "Wanderlust": eine Ode an das Gehen in jeder Form

Das Gehen oder Wandern als Freizeitbeschäftigung hat Konjunktur - spätestens, seit Hape Kerkeling das Pilgern zur Mode gemacht hat. Die Regale in den Buchläden füllen sich mit Reiseberichten und Wanderführern. Ihr Buch "Wanderlust" hat die berühmte amerikanische Essayistin Rebecca Solnit allerdings bereits vor zwanzig Jahren verfasst. Nun liegt es erstmals in deutscher Übersetzung vor und ist kein bisschen angestaubt, meint unsere Kritikerin.

von Sabine Frank, MDR KULTUR

Eine Wandergruppe durchquert ein Tal
Wandern und Draußen-Sein Bildrechte: Colourbox

Als Rebecca Solnit begann, ihr Buch "Wanderlust" zu schreiben, lebte sie in San Francisco.

An einem Frühlingstag setze ich mich also hin, um über das Gehen zu schreiben – und stand wieder auf, weil ein Schreibtisch nicht der richtige Ort ist, um in größeren Maßstäben zu denken.

Aus "Wanderlust" von Rebecca Solnit

Und so nahm sie ihre Jacke vom Haken und wanderte in das Hügelland nördlich der Golden Gate Bridge. Auch wenn das vielleicht nur ein rhetorischer Kunstgriff ist, er bietet der Autorin den willkommenen Einstieg in ihr Buch.

Rousseau machte das Gehen salonfähig

Rousseau legte das Fundament für das Ideengebäude, in dem das Gehen selbst verehrt werden sollte. Er stellt Wandern zugleich als eine Übung in Einfachheit und als Mittel der Kontemplation dar.

Aus "Wanderlust" von Rebecca Solnit
Buchcover - Rebecca Solnit: "Wanderlust"
Rebecca Solnit: "Wanderlust" Bildrechte: Matthes & Seitz Verlag

Bis dahin waren die Landstraßen bevölkert von denjenigen, die zu arm waren für Kutsche oder Pferd. Wenn Bürger und Adel zu Fuß gingen, dann auf der Promenade oder im gut eingezäunten Garten. Doch dann begannen die englischen Landschaftsgestalter - ganz im Sinne Rousseaus - die freie Natur zu imitieren, und der Park öffnete sich optisch zur umgebenden Landschaft: "Statt Menschenwerk zu besichtigen, konnte der Landschaftsspaziergänger die Werke der Natur betrachten. Die Tradition des Gartenspazierganges konnte sich zum touristischen Ausflug erweitern."

Unterwegs durch Irrgärten und auf Pilgerpfaden

Irrgarten im englischen Cornwall
Den Weg suchen im Irrgarten Bildrechte: imago/blickwinkel

Rebecca Solnit begleitet uns einmal quer durch die Geschichte des Wanderns. Sie ist auf symbolisch aufgeladenen Wegen gegangen, auf dem Kreuzweg, durch Labyrinthe und Irrgärten und sie hat sich selbst an einer Pilgerreise versucht. Sie spannt den Bogen von der Entwicklung des aufrechten Ganges bis hin zum Kampf um freies Wegerecht und die Einrichtung von Naturschutzgebieten, zum Beispiel im Yosemity Tal: "Landschaftswandern wurde schon lange als ein irgendwie tugendhafter Akt betrachtet, doch der Sierra Club (älteste und größte Naturschutzorganisation der Vereinigten Staaten) gab dieser Tugend letztendlich eine konkrete Bestimmung, nämlich das Land zu verteidigen."

Feministische Deutung der Geschichte des Gehens

Rebecca Solnit ist in den letzten Jahren vor allem durch ihre feministischen Essays und Streitschriften bekannt geworden und so nimmt es nicht wunder, dass sie diesem Thema viel Aufmerksamkeit widmet. Sie erinnert an die romantischen Heldinnen bei Jane Austen, die unerschrocken bei jedem Wetter lange Strecken zu Fuß gehen und daran, dass um 1900 in Kalifornien ein Bergsteigerclub erstmals Frauen aufgenommen hat.

In einer Zeit, als Frauen kaum unbegleitet durch London laufen konnten, sagt es etwas über die Freiheit der Westküste aus, dass Frauen in den Bergen überallhin gegangen zu sein scheinen, mit wem und wohin sie wollten.

Aus "Wanderlust" von Rebecca Solnit

Die Bewegung auf den Straßen der Stadt

Charles Baudelaire (1821-1867)
Bei Charles Baudelaire erobert sich der Flanuer die Stadt im Gehen Bildrechte: imago/United Archives International

Ein Buch übers Wandern wäre unvollständig, würde es uns nicht auch in die Stadt führen. Dort haben Dichter und Philosophen aller Generationen auf rastlosen Wanderungen ihre Gedanken verfasst: Alexandre Dumas in Paris zum Beispiel ebenso wie Charles Baudelaire oder André Breton. Auf diesen Straßen findet der Auflauf der Prostituierten statt und manchmal zieht ein Demonstrationszug vorbei. Unter Alleen und Arkaden wird geschlendert und promeniert.

Und so, wie die Wandervereine einst das Recht erstritten haben, über Privatland zu gehen, werden sich die Städter wohl gegen die Automobilität wieder das Recht erstreiten, in der Stadt zu wandern: "Las Vegas deutet darauf hin, dass die Menschen die Erfahrung des Wanderns unter freiem Himmel zur Erkundung der Architektur, des Spektakels, des ganzen Krams, der zum Verkauf steht, weiter suchen werden."

Rebecca Solnit ist mit "Wanderlust" ein kleines Wunder gelungen: ein fundierte Kulturgeschichte und dabei leicht, persönlich und witzig. Nur für den Rucksack ist dieses Buch etwas zu schwer.

Informationen zum Buch: Rebecca Solnit: "Wanderlust – eine Geschichte des Gehens"
Übersetzung: Daniel Fastner
Erschienen im Matthes und Seitz Verlag
380 Seiten, 25,99 Euro
ISBN: 978-3-95757-584-5

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Sachbuch der Woche | 14. August 2019 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 14. August 2019, 04:00 Uhr