Das Gemälde Der kleine Ingenieur von Johannes Molzahn
Auch zu sehen: Ein Aquarell von Johannes Molzahn. Er wurde 1923 zum Leiter der Klasse für Gebrauchsgrafik der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Magdeburg berufen. Bildrechte: Johannes-Molzahn-Centrum für Documentation und Publication Kassel

Ausstellung Als Magdeburg "Modellstadt der Moderne" war

Zum großen Jubiläum "100 Jahre Bauhaus" präsentiert Magdeburg die Ausstellung "Reformstadt der Moderne. Magdeburg in den Zwanzigern". Zwar war die Stadt nur indirekt mit dem Bauhaus verbunden – doch die Ideen und Prozesse der Moderne sind dort früher und konsequenter als in jeder anderen deutschen Großstadt ausgefallen, so jedenfalls die These der Ausstellung. MDR KULTUR-Landeskorrespondentin Sandra Meyer hat sie vorab besucht.

Das Gemälde Der kleine Ingenieur von Johannes Molzahn
Auch zu sehen: Ein Aquarell von Johannes Molzahn. Er wurde 1923 zum Leiter der Klasse für Gebrauchsgrafik der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule in Magdeburg berufen. Bildrechte: Johannes-Molzahn-Centrum für Documentation und Publication Kassel

Magdeburg in den 1920er-Jahren – eine quirlige Großstadt zwischen Krise und Vision. Getrieben vom neuen Geist der Weimarer Republik, aber auch von der aufbrechenden Experimentierfreude in der Kultur legt Magdeburg sogar einen besonderen Reformwillen an den Tag, sagt die Leiterin des Kulturhistorischen Museums, Gabriele Köster.

Eine Stadt ganz neu denken

Man habe damals eine kommunalpolitische Situation gehabt, in der die Handelnden sich ganz bewusst überlegt hätten, wie eine neue Stadt in dieser neuen Demokratie, in der plötzlich viel mehr Menschen wählen konnten und damit auch mitgestalten wollten, funktionieren müsse. "Das sind plötzlich die vielen Arbeiter und das sind die Frauen und unter den Frauen sind es auch viel mehr Arbeiterinnen als Bürgerliche. Und das heißt, man muss Stadt noch einmal ganz neu denken, denn man muss all diese Menschen miteinbeziehen und das hat stadtplanerische Konsequenzen." Das habe dann soziale und wirtschaftliche Folgen, erklärt Köster. Und es habe kulturelle Konsequenzen, weil das integrativste Moment, die Kultur sei.

Magdeburg: Modellstadt der Moderne

Wer hätte es gedacht, Magdeburg war einst Modellstadt der Moderne – und die versuchen die Kuratoren der Ausstellung "Reformstadt der Moderne. Magdeburg in den Zwanzigern" in einzelnen Kapiteln zu beleuchten: Ihre Akteure und Rahmenbedingungen, aber vor allem die weitsichtige Stadtplanung. Denn eingezwängt in die ehemalige Festung hatte man mit der dichtbebauten Altstadt ein Wohnungsproblem,  dem man sehr früh mit einem mustergültigen Siedlungsbau begegnete.

Die Beimssiedlung in Magdeburg in einer Aufnahme von 1928
Die Beimssiedlung im Jahr 1928. Bildrechte: Stadtarchiv Magdeburg

Es ist gar nicht bekannt, welche progressive Rolle Magdeburg damals gespielt hat.

Michael Stöneberg, Kurator der Ausstellung

Michael Stöneberg, Kurator der Ausstellung, weist darauf hin, dass ab 1925 mit der Herrmann-Beims-Siedlung in Magdeburg die erste Großsiedlung der Moderne überhaupt gebaut wurde. "Das ist höchst bedeutend und eigentlich ist als 'Stadt der Moderne' Frankfurt bekannt." "Das neue Frankfurt" habe aber erst 1925 begonnen und da hatte man sich in Magdeburg schon vier Jahre lang mit Bruno Taut auf den Weg gemacht."

Geprägt durch Bruno Taut

Glasbaukasten Dandanah von Bruno Taut
Der Glasbaukasten "Dandanah". Bildrechte: Bassange Buchauktionen GbR

Ein farbig leuchtender Glasbaukasten von Bruno Taut macht sein Ansinnen wunderbar deutlich: Die Idee der bunten Stadt. Auch sie wurde präsentiert auf der spektakulären Großausstellung 1921, für die ein neues Messegelände eingerichtet wurde, und die Kunstgewerbeschule außergewöhnliche Logos und Pavillons entwarf.

Mit Bruno Taut sei eine subversive Idee gekommen: "Wir haben kein Geld zum Bauen, wir malen sie erst mal an und rütteln die Stadt auch auf, auch die Magdeburger“. Stöneberg erklärt, dass das damals skandalös gewesen sei – und eben auch Werbung. Damit sei diese "bunte Stadt" 1922 in aller Munde gewesen. "Aber es ist eben nicht dabei geblieben, dass man so ein Fassadenzauber macht, sondern als dann die Zeiten nach der Inflation 1924 besser waren, konnte man bauen und hat dann auch gebaut und dann wurde die Stadt wirklich umgestaltet.

Bauen als soziales Projekt

Der Albinmüller-Turm im Magdeburger Stadtpark
Der Albinmüller-Turm im Magdeburger Stadtpark. Er entstand zur Deutschen Theaterausstellung im Jahr 1927. Bildrechte: Kulturhistorisches Museum Magdeburg

Ein Reformwille den selbst die Weltwirtschaftskrise 1929 kaum tangiert. Mit Xanti Schawinsky holte man in jenem Jahr einen Bauhaus-Absolventen fürs Stadtmarketing und setzte Maßstäbe in der Sozialfürsorge. Fotos zeigen die neuen Kaufhäuser am Breiten Weg flankiert von der elektrischen Straßenbahn, kleine Filmausschnitte bezeugen die Freude über die neuangelegte Flussbadeanstalt. Aber auch im Bildungswesen, erzählt Stöneberg, hatte man Vorbildfunktion.

Magdeburg sei zu einem Zentrum der Reformpädagogik geworden und man habe 1921 im Bildungssektor mit Hans Löscher einen Avantgardisten zum Dezernenten gemacht. "Dann hat die Stadt selbst Versuchsschulen eingerichtet und die pädagogischen Neuausrichtungen ihrer Schulen gemacht.

Wenn man moderne Schulen sehen wollte, musste man damals nach Magdeburg kommen.

Michael Stöneberg, Kurator der Ausstellung

Radikales Ende durch die NS-Zeit

Und sie kamen eben auch alle: Zu der berühmten Theaterausstellung 1927 – bei der sich auch das Bauhaus Dessau präsentierte – reisten Besucher aus aller Welt an, inklusive der internationalen Presse. Man zeigte sich als florierende Kulturmetropole – immerhin gab es zu der Zeit 33 Kinos, vier große Theater und etliche Varieté-Häuser. Die Stadt pulsierte – bis auch hier 1933 die NS Diktatur den Ideen der Moderne ein Ende setzte.

Infos zur Ausstellung Kulturhistorisches Museum
Otto-von-Guericke-Str. 68-73
39104 Magdeburg

Vom 8. März bis zum 16. Juni 2019

Öffnungszeiten
Di - Fr: 10 Uhr - 17 Uhr
Sa - So: 10 Uhr - 18 Uhr

Eintrittspreise:
8 Euro | Ermäßigt: 6 Euro
Bis 18 Jahre Eintritt frei

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. März 2019 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 07. März 2019, 04:00 Uhr

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