"Es ist gut, dass ich jetzt aufhöre" Stasi-Aufarbeitung: Regina Schild gibt Verantwortung in Leipzig ab

Knapp 30 Jahre leitete Regina Schild die Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen in Leipzig. Ende Februar geht sie in den Ruhestand. Ihre Arbeit hat dazu beigetragen, dass von den 8,6 laufenden Kilometern Akten zur DDR-Diktaturgeschichte 99 Prozent erschlossen sind.

Dass die Verantwortung für die Stasi-Unterlagen ab 2021 auf das Bundesarchiv übergehen wird, stellt für Regina Schild einen "Cut" dar. "Es ist gut, dass ich jetzt aufhöre. Ich habe bis hierhin die Behörde gestaltet, aufgearbeitet und vielleicht auch ein Stückchen geformt. Und jetzt kommt ein neuer Abschnitt, aber den muss ich ja nicht mitgestalten", so Schild im Gespräch mit MDR KULTUR. Im Moment sei der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen unabhängig und nur dem Bundestag verpflichtet. Noch könne er auch politisch wirken. Kritisch bemerkt sie, dass das ab 2021 dann nicht mehr so sei. "Ich bin gespannt, wo der Weg hingeht", so Schild.

Digitalisierung der Stasi-Unterlagen steht noch aus

Neben einer strukturellen und organisatorischen Neugestaltung der Behörde gehe es künftig aber auch darum, wie man die Akten zugänglicher machen kann. Stichwort: Digitalisierung. "Da stecken wir total in den Anfängen. In Leipzig haben wir nur wenige Akten digitalisiert", gesteht Schild ein. Man müsse die Akten immer noch nach Berlin schicken, um sie dort digitalisieren zu lassen. "Da muss was vorangehen", fordert Schild.

Für Freiheit und Bürgerrechte

Regina Schild sagte zu den Erkenntnissen, die sie aus ihrer Arbeit gewonnen hat, dass es sie am meisten bewege, dass man es geschafft habe "friedlich für Bürgerrechte und Freiheit zu kämpfen und, dass das gelungen ist." Das könne man auch ins Heute mitnehmen. Es sei lohnenswert, sich für Freiheit und Bürgerrechte einzusetzen, so die gebürtige Leipzigerin. Das wolle sie ganz persönlich auch nach ihrem Ausscheiden von der Arbeit beim Stasi-Unterlagen-Archiv weiterhin machen – zum Beispiel im Kuratorium der Stiftung Friedliche Revolution.

"Vielleicht macht Zeit auch viel aus"

Regina Schild falle bei ihrer Arbeit auf, dass 30 Jahre nach der friedlichen Revolution die Menschen allmählich wieder mehr Interesse an ihrer Akte haben. "Vielleicht macht Zeit auch viel aus", so Schild bei MDR KULTUR. Dabei würden auch die Kinder eine Rolle spielen, die ihre Eltern und Großeltern durch den Schulunterricht darauf aufmerksam machen, ihre eigene Akte anzufordern. "Viele sagen auch, die jetzt einen Antrag stellen: 'Dieser Abstand war notwendig. Wir brauchten den für uns. Wir haben Ängste, im Freundeskreis wird jemand enttarnt. Wir wissen nicht, wie geht man damit um'". Sollte es zu einem solchen Fall kommen, erhalten die Menschen auch betreuerische Hilfe vom Archiv – auch auf psychologischer Ebene.

Mehr zur Person Regina Schild wurde 1957 in Leipzig geboren. Sie absolvierte eine Berufsausbildung mit Abitur und wird EDV-Fachfrau im VEB Nachrichtenelektronik in Leipzig. Im November 1990 übernahm sie die Leitung der Leipziger Außenstelle des damaligen Stasi-Sonderbeauftragten und späteren Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Joachim Gauck. 1997 wurde Regina Schild für ihr Engagement mit der Verdienstmedaille des Landes Sachsen geehrt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR trifft ... | 15. Februar 2020 | 12:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. Februar 2020, 04:00 Uhr

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