Regisseur im Gespräch Wie kann man Geschichte im Film darstellen, Christian Schwochow?

Christian Schwochow ist Regisseur von Filmen wie "NSU", "Der Turm" oder aktuell "The Crown". Was macht für ihn das Erzählen von Geschichten und von Geschichte aus? Wie wichtig ist die historische Treue oder kann man auch etwas hinzuschreiben? Und wie sollte man DDR-Geschichte erzählen? Dazu ist er im MDR KULTUR-Gespräch.

MDR KULTUR: Sie haben immer wieder Geschichte verfilmt, zum Beispiel einen Film über die NSU, über die Täter und wie sie so geworden sind. Aber Sie haben auch mit dem "Turm" DDR-Geschichte verfilmt, mehrmals sogar, wenn man  "Bornholmer Straße" und den Film "Westen" mit dazu nimmt, diese DDR-Fluchtgeschichte. Machen Sie sich vor dem Dreh eigentlich Gedanken, auf welche Seite der Geschichte man sich dabei schlägt - Sieger oder Verlierer?

Christian Schwochow: Ich glaube, dass es so einfach immer nicht ist. Und ich glaube, das ist einer meiner Antriebe zu erzählen, dass Geschichte eben doch sehr, sehr viel komplexer ist und dass sie eben nicht nur aus Tätern und Opfern besteht, sondern dass es auch Täter gibt, die Opfer sind. Also dass man einfach, um Geschichte zu begreifen, sehr genau hinschauen muss.

Und das ist etwas, was leider, gerade im Medium Film, oftmals nicht passiert. Sondern da wird das Gefühl suggeriert: eigentlich ist es doch alles ganz einfach und eigentlich ist doch ganz klar, wer gut und wer böse ist. Und um das irgendwie anders aufzufassen, mache ich diese Geschichten.

Die Frage stellt sich ja immer: kann man Geschichte, also Realität im Film darstellen? Oder muss paradoxerweise historische Wahrheit immer auch Erfindung sein, um beim Zuschauer richtig anzukommen?

Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass das ganz schwierig ist. Darüber könnten wir jetzt lange reden, da geht es fast in Richtung Filmwissenschaft. Es ist immer ein bisschen die Frage, was suggeriert ein Film. Suggeriert ein Film, authentisch zu sein? Suggeriert ein Film, die Wahrheit erzählen zu wollen? Wenn er das tut, ist man der Wahrheit nämlich auch sehr stark verpflichtet.

Die Schauspielerin Romy Schneider als Kaiserin Elisabeth und der Theater- und Filmschauspieler Karlheinz Böhm als ihr Gatte Kaiser Franz Joseph von Österreich (2.v.r.) in einer Szene der "Sissi"-Filmtrilogie.
Die "Sissi"-Filmtrilogie interpretiert die tatsächliche Geschichte recht frei Bildrechte: dpa

Es gibt Filme, die mich besonders ärgern, weil sie so tun, als erzählten sie wirklich etwas substantiell oder tun so, als würden sie Zusammenhänge beschreiben. Letztlich ist es aber eine reine Märchengeschichte. Das ist das, wo ich mich sehr ärgere. Oder wo ich finde, dass wir als Filmmacher, als Künstler Verantwortung haben.

Letztlich kann man aber trotzdem sagen, keine Kunst hat etwas zu müssen. Natürlich kann sie erfinden und auch eine eigene Wahrheit erzählen. Ich glaube aber, dass der Zuschauer oder der Leser spürt, wo etwas Wahrhaftiges getroffen ist und wo nicht. Beziehungsweise ist das die Art und Weise wie ich arbeite.

Und es ist zum Beispiel ganz toll jetzt bei "The Crown", auch wenn das eine große, epische, fast hollywoodeske Geschichte ist, dort gibt es ein Team von vielen Researchern, Rechercheuren, die wirklich erstmal davon ausgehen, dass wir alles, was passiert ist, versuchen zu wissen, und zu verstehen versuchen. Und dann ganz bewusst zu entscheiden, wo verdichten wir, wo erfinden wir eine Wahrheit, die aber trotzdem im Sinne der tatsächlichen Geschichte ist. Also, das ist mein Ansatz, auch wirklich historisch zu erzählen. Und so sollte er, glaube ich, auch sein.

Wir fragen uns natürlich auch, wo bleibt die DDR? Und vor allem, wo bleibt die positive DDR? Da gibt es ja meist diese Negativgeschichten. Wäre es nicht auch das Gebot der Stunde, etwas Positives an der DDR-Geschichte zu verfilmen?

Ein Mann sitzt mit weiteren Personen an einem Tisch und schaut ernst zu einer nicht im Bild befindlichen Person.
"Gundermann" von Andeas Dresen zeigt die zwiespältigkeit des Titelhelden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ach, ich weiß gar nicht, ob es um etwas Positives geht. Ich glaube, wir DDR-geborenen müssen immer vermitteln, wenn wir eigene Geschichten erzählen wollen. Andy Dresen hat mit "Gundermann" eine sehr ambivalente Geschichte erzählt und natürlich keine Heldengeschichte. Aber schon die eines Rebells, der unheimlich empathisch für das Publikum erzählt wird. Ich glaube, ich habe es mit "Bornholmer Straße" auch schon mal geschafft.

Trotzdem ist es natürlich nach wie vor so, dass es in Film und Fernsehen, überhaupt im Kulturbetrieb die Geschichten aus den Neuen Ländern einfach sehr, sehr viel schwerer haben. Weil sie natürlich nicht als gesamtdeutsche Geschichte begriffen wurden.

Genau, die richtigen Helden sind doch eher ambivalente Typen ...

Das, was mir gefällt, das, was mich sehr interessiert, das sind in der Regel keine moralischen Helden. Das sind keine Helden, die immer nur Gutes tun. Weil ich das Gefühl habe, das ist langsam auch mal ein bisschen vorbei. Insofern, natürlich gibt es bei 40 Jahren DDR mit Sicherheit eine ganze Menge Schätze, die man noch heben kann und sollte!

Das Gespräch führte Annett Mautner für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. November 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 30. November 2018, 21:41 Uhr

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