Reinhard Schramm
Reinhard Schramm Bildrechte: MDR/Olaf Parusel

Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen Reinhard Schramm: Israel ist Lebensversicherung für Juden in aller Welt

Reinhard Schramm überlebte die Nazizeit nur, weil er und seine Eltern versteckt wurden. Sein mütterlicher Familienzweig wurde ausgelöscht. Heute klärt er über Antisemitismus auf - u.a. im Gefängnis bei Rechtsradikalen.

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Reinhard Schramm 44 min
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Beim Antisemitismus gibt es für Reinhard Schramm keinen "guten" oder "schlechten", er ist generell böse. Als besonders bösartige Spielart des Antisemitismus sieht er dabei "die Infragestellung des Existenzrechts Israels" an. Er begründet das damit, dass dieser Staat letztlich eine "Lebensversicherung" für Juden darstellt, denn sie sollen "nicht wieder um Visa betteln und wieder im Stich gelassen werden von den demokratischen Ländern dieser Welt, sondern sie sollen nach Israel gehen".

Hätte es den Staat Israel zehn Jahre früher gegeben, hätte ich vielleicht meine Oma kennengelernt, meinen Onkel, Bekannte und Verwandte, was andere ja auch haben. Das war mir nicht vergönnt.

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Beim Thema Antisemitismus setzt Schramm vorrangig auf Bildung und auf das Gespräch. So besucht er unter anderem einmal im Monat die Jugendstrafanstalt Arnstadt und spricht mit den wegen rechtsmotivierter Straftaten Inhaftierten über die Zeit des Nationalsozialismus. Auslöser für diese Begegnungen war ein Brandanschlag auf die Erfurter Synagoge im Jahr 2000.

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Reinhard Schramm Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich gehe monatlich ins Gefängnis und unterhalte mich mit rechtsradikalen Jugendlichen oder mit antisemtischen Einstellungen. Also, ich denke, Gespräche sind immer gut.

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Seit 2012 ist Reinhard Schramm Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen. Rund um den Holocaust-Gedenktag am 27. Januar nahm und nimmt er an vier Veranstaltungen teil, u.a. im Landtag und zur Kranzniederlegung in Buchenwald. Der Internationale Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust wurde im Jahr 2005 von den Vereinten Nationen zum Gedenken an den Holocaust und den 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau eingeführt.

Überlebte NS-Zeit im Versteck

In Weißenfeld wurde Reinhard Schramm 1944 als Sohn einer jüdischen Mutter geboren. Als der nichtjüdische Vater seine kleine Familie nicht mehr schützen konnte, brachte er beide im Februar 1945 zu Bekannten außerhalb der Stadt, wo sie bis zu Befreiung durch die Amerikaner versteckt lebten. Durch einen Irrtum wurde der Vater später von den Russen inhaftiert, arbeitet anschließend kurze Zeit als Lehrer  und erlag 1948 einem Herzleiden. Alle Verwandten der Mutter waren ermordet worden. Sie entschloss sich, mit einer Gruppe nach Palästina zu gehen, doch da bekam Sohn Reinhard Keuchhusten. Sie blieben in Weißenfels.

Trotzdem hat es gute Menschen in Weißenfels gegeben zu der Zeit. Es waren eben zu wenige.

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Reinhard Schramm besucht die Schule, machte das Abitur, studierte in Polen Elektrotechnik und wurde später Professor an der TU Ilmenau. Nach 1989 leitete er das dort angesiedelte Landespatentzentrum.

Zur jüdischen Gemeinde Erfurt fand Schramm Ende der 1980er Jahre. 1990 veröffentlichte er das Buch "Ich will leben… Die Juden in Weißenfels". Er ist Mitglied der SPD und Fraktionsvorsitzender der SPD im Stadtrat von Ilmenau, auch wenn er manchmal mit der offiziellen Parteirichtung nicht übereinstimmt.

Die Sozialdemokratie liegt mir am Herzen von der Idee her. Egal, wer da nun gerade mal Vorsitzender ist.

Reinhard Schramm

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR trifft | 27. Januar 2018 | 11:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. Januar 2018, 17:49 Uhr