Lebensläufe Renate Krößner – nach "Solo Sunny" folgte Überwachung und Ausreise

Mit ihrer Hauptrolle in dem DEFA-Film "Solo Sunny" wird Renate Krößner zum Idol. Unangepasst, aufreizend, kontrovers erscheint die bis dato relativ unbekannte Schauspielerin auf der Leinwand. Dank der Ausdrucksstärke Krößners und ihres unterschwelligen Trotzes wird der Film zu einer Sensation in der späten DDR. Dann wird sie sogar mit dem Silbernen Bären der Berlinale geehrt. Doch damit fangen die Probleme an.

Renate Krößner 30 min
Einen Monat nach der Filmpremiere 1980 in Ostberlin wird "Solo Sunny" überraschend bei den Berliner Filmfestspielen in Westberlin mit einem "Silbernen Bären" ausgezeichnet. Renate Krößner ist die erste DDR-Schauspielerin, der diese Ehre zuteil wird. Für sie ist es auch die erste "Westreise". Doch die internationale Anerkennung bringt der Schauspielerin in der DDR gar nichts. Im Gegenteil. Sie bekommt plötzlich keine Rollen mehr und weiß nicht warum. Bildrechte: MDR/Hermann Beyer

Der DEFA-Klassiker "Solo Sunny" ist für Renate Krößner die Rolle ihres Lebens: Sie spielt eine unangepasste Sängerin, die anders lebt und es deswegen schwer hat. Der Film ist eine Sensation in der späten DDR.

Ich habe privat Punkte der Figur verteidigt, dass man nicht einer Masse hinterherrennen soll, sondern seinen eigenen Weg gehen soll. Weil ich heute noch nicht glaube, dass alles Recht sein soll, bloß weil es die Masse sagt.

Renate Krößner 1995 über "Solo Sunny"

1945 in dem Harzstädtchen Osterode geboren, wächst Krößner behütet im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg auf. Ihr Vater ist Lehrer, die Mutter Hausfrau. Schon als Teenagerin weiß Krößner genau, dass sie Schauspielerin werden will.

Renate Krößner spielt die Rolle der Ingrid Sommer alias "Sunny" in dem Spielfilm "Solo Sunny".
Renate Krößner spielt die Rolle der Ingrid Sommer alias "Sunny" in dem Spielfilm "Solo Sunny". Bildrechte: rbb/DEFA-Stiftung/Dieter Lück

Filmrolle mit Manfred Krug

1963 beginnt sie an der Schauspielschule "Ernst Busch" zu studieren. Es folgen Stationen am Theater in Parchim, Senftenberg, Dessau und Brandenburg. Noch während des Studiums wird die 20-Jährige für eine erste Filmrolle bei der DEFA besetzt. Sie spielt ein Flüchtlingsmädchen kurz nach dem Krieg. Doch die gezeigte Erotik erregt Missfallen bei der Staatsmacht, eine Liebesszene muss umgeschnitten werden.

Caramba (Renate Krößner) und Kapitän Otto Scheidel (Manfred Krug).
An "Feuer unter Deck" erinnert sich Regisseur Herrmann Zschoche: "Da haben wir uns was einfallen lassen, was dann erst einmal nicht gut ausging, weil sie ihn anspringt und sich um seine Hüften umschlingt. Und das gefiel ihm nicht. Da hat er gemerkt 'Oh, das ist eine Partnerin, da musst du aufpassen. Sie klaut ihm die Show.'" Bildrechte: MDR/PROGRESS

Eine andere Film-Hauptrolle scheint perfekt. An der Seite von Manfred Krug spielt sie in der Elbschiffer-Komödie "Feuer unter Deck" die Kellnerin Caramba. 1977 soll die Komödie in die Kinos kommen – doch dann stellt Manfred Krug einen Ausreiseantrag. Der Film wird gesperrt und lediglich zwei Jahre später nur einmal im Fernsehen gezeigt. Ein Schock für Krößner.

Filmlegende durch "Solo Sunny"

Es heißt, Regisseur Konrad Wolf hatte Krößner mit Zigarette in den Mundwinkeln durch einen Film stöckeln sehen und dann überlegt, sie für sein neues Filmprojekt "Solo Sunny" zu besetzen. Der Filmemacher will Ende der 70er-Jahre etwas Realistisches über die DDR-Gegenwart machen. Die 35-jährige Krößner spürt, dass diese Arbeit eine Chance ist. 1979 beginnen die Dreharbeiten in den Hinterhöfen des Prenzlauer Berg in Berlin.

Renate Krößner (Ingrid Sommer alias "Sunny") blickt in einen Spiegel.
Renate Krößner ist als "Sunny" in Ost und West ein Vorbild für Unangepasstheit Bildrechte: rbb/MDR

Im Januar 1980 feiert "Solo Sunny" Premiere. Mit mehr als 5 Millionen Zuschauern wird der Film zunächst ein Riesenerfolg in der DDR. Die dargestellte Sunny macht vielen in der spießigen DDR Mut, zu ihrer Individualität zu stehen.

Renate Krößner (Ingrid Sommer alias "Sunny") blickt in einen Spiegel. 6 min
Renate Krößner spielt die Rolle der Ingrid Sommer alias "Sunny" in dem Spielfilm "Solo Sunny". Bildrechte: rbb/MDR
Renate Krößner (Ingrid Sommer alias "Sunny") blickt in einen Spiegel. 6 min
Renate Krößner spielt die Rolle der Ingrid Sommer alias "Sunny" in dem Spielfilm "Solo Sunny". Bildrechte: rbb/MDR

Es folgt der gesamtdeutsche Erfolg, "Solo Sunny" schafft es in den Wettbewerb der 30. Internationalen Filmfestspiele in Westberlin und wird dort zum Publikumsliebling – was Krößner aber gar nicht mitbekommt, denn sie muss nach ihrem ersten kurzen Westbesuch sofort zurück in die DDR.

Dann geschieht das Unerwartete: Krößner wird für ihre Darstellung ein Silberner Berlinale-Bär verliehen. Sie darf eine Filmvorstellungs-Rundreise durch die Bundesrepublik machen, steht im Rampenlicht der Westmedien und gibt zahlreiche Interviews.

Ich würde mich freuen, wenn Jugendliche sich Sunny zum Vorbild nehmen.

Renate Krößner 1980 im Interview mit dem SWR

Erfolgsfilm ruft Staatsmacht auf den Plan

Zurück in der DDR sichert ihr die neue Popularität im Westen jedoch vor allem die volle Aufmerksamkeit der Staatsicherheit. Alle ihre Interviews und Äußerungen werden akribisch dokumentiert. So auch ein Artikel, in dem Renate Krößner auf die Frage, ob sie sich vorstellen könne, auch im Westen zu leben, mit: "Es käme auf einen Versuch an" antwortet. Das stößt den Genossen offenbar besonders auf. Sie wird von der Staatsmacht überwacht.

Ausreise und Erfolge in den Westen

Es folgt eine fast fünf Jahre anhaltende bleierne Zeit. Krößner arbeitet zwar, spielt Theater, dreht fürs Fernsehen – aber zunehmend werden Projekte abgesagt. So kommen, bis auf eine Rolle, keine neuen Angebote mehr fürs Kino. Dabei hatte Krößner nach dem großen Erfolg mit "Solo Sunny" so auf eine Fortsetzung gehofft.

Gudrun Noack (Renate Krößner, rechts) tröstet ihre Schwiegertochter Karin (Janina Flieger, links)
Renate Krößner (r.) 2007 im Polizeiruf 110 "Verstoßen" Bildrechte: MDR/Junghans

Tod im Mai 2020

Schließlich stellt Krößner einen Ausreiseantrag und verlässt im Sommer 1985 die DDR. Die nunmehr 40-jährige Schauspielerin spielt die ersten Jahre im Westen hauptsächlich Theater, bekommt Engagements in Basel, München und später in Berlin.

Nach drei Jahren im Westen ist sie dann zurück im Film-und Fernsehgeschäft. Ihr Debüt gibt sie mit einem Tatort an der Seite von Götz George. Zu sehen ist sie später in zahlreichen Erfolgsserien wie zum Beispiel "Liebling Kreuzberg" an der Seite von Manfred Krug. Sie macht auch wieder Kinofilme und bekommt Preise.

Im jahr 2005 erkrankt Krößner das erste Mal an Krebs. Sie wird erfolgreich operiert. In die Öffentlichkeit geht sie damit nicht, auch nicht, als Anfang 2020 der Krebs zurückkommt. Im Mai 2020, kurz nach ihrem 75. Geburtstag erliegt Renate Krößner ihrem Krebsleiden.

Filme in der DDR

Philipp (re. Matthias Freihof) umarmt Matthias (li. Dirk Kummer)
Philipp (re. Matthias Freihof) wird aus seiner scheinbar sicheren Bahn geworfen, als ihm nach einer zufälligen Begegnung mit Matthias (li. Dirk Kummer) klar wird, was ihn mit aller Macht zu ihm zieht. Bildrechte: MDR/Progress Film-Verleih/ Wolfgang Fritsche