Nominiert für Preis der Leipziger Buchmesse Leif Randts "Allegro Pastell": leise Trauer über große Nichtigkeiten

Leif Randt erzählt in "Allegro Pastell" von idealen Zuständen, die jedoch auch nur ein Schein sind. Im Inneren seiner Figuren brodelt es und unterbewusst warten sie darauf, dem Unperfekten nachzugeben – das ist teils irritierend, teils albern, aber immer einzigartig.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Leif Randt: Allegro Pastell
Mit "Allegro Pastell" liefert Randt einen Roman voller "Wohlstands-Irritationen". Bildrechte: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Die Hauptfiguren in Leif Randts letztem Roman, "Schimmernder Duns über Coby County", waren junge Menschen – einverstanden und angepasst. Letzteres sind sie in "Allegro Pastell", seinem neuesten Werk, ebenfalls. Aber "angepasst" hat einen kritisch-moralischen Unterton, den Leif Randt nun ganz bewusst unterlaufen will.

Definiert über Gruppennormen

Leif Randt
Autor Leif Randt Bildrechte: Zuzanna Kaluzna/Kiepenheuer & Witsch/dpa

Seine Hauptfiguren sind ein Liebespaar, Tanja und Jerome. Er ist Webdesigner, mitte 30. Sie ist eine erfolgreiche Autorin und wird gerade 30. Beide sind auf geradezu demonstrative Art und Weise mit sich im Reinen und definieren sich unentwegt über bestimmte ästhetische Gruppennormen – wer welche Sachen trägt, welche Medien benutzt, welche Musik hört, welche Filme kennt und guckt – und das müssen die ständig auskontrollieren. In diesem ständigen Vergleichen und Sich-bestätigen haben beide ihre Heimat.

"Alles ist gut" als Provokation

In dem Aspekt, dass diese beiden Hauptfiguren eigentlich zufrieden mit allem in ihrem Leben sind, liegt die Provokation und Spannung des Romans. Die Figuren bewegen sich permanent in einer "Alles-ist-gut-Bessenheit" in dem Roman.

Zitat aus "Allegro Pastell"

Sein Sparticket nach Berlin konnte Jerome zur Kontrolle auf dem Handy vorzeigen. Dass er nur einen kleinen Hand­gepäcktrolley dabeihatte, berauschte ihn regelrecht: vier leichte Shirts, seinen Laptop, Laufschuhe, zwei Hosen, eine dünne Jacke, Kopfhörer, frisches Ketamin, eine Zahnbürste, eine Musikzeitschrift für die Reise. Jerome hatte ein wirk­lich gutes Verhältnis zur Deutschen Bahn. (…) Einige schauten Filme, andere hatten bedrucktes Papier vor sich, wenige versuchten zu schlafen. Vielleicht war Jerome tatsächlich der Einzige, der einfach nur dasaß und positiv gestimmt nachdachte. Er hob sein Handy, um sich in der Kamera zu spiegeln. 

Der typische Tonfall des Buchs ist eine gewisse Selbstvergewisserung – doch später schleichen sich andere Schwingungen ein. Und in dem Leser wächst damit eine Ahnung heran, dass vor allem Tanja möglicherweise auch eine dunkle Seite mit sich rumschleppt, die sie mit dem ständigen "Alles gut" überdecken muss.

Kontrollverlust als Ziel

Leif Randt: Allegro Pastell
Nominiert: Allegro Pastell Bildrechte: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Und sie ist es auch, die sich im Roman plötzlich im Ton vergreift. Auf einmal blitzt dann etwas auf, das eben einmal nicht "krass, voll gut" ist, sondern darauf hinweist, dass Tanja sich möglicherweise gerade nach dem sehnt, was sie vordergründig mit ihrer ganzen Lebenskonstruktion auszuschalten versucht: ein bisschen Unglück, ein wenig Kontrollverlust, einfach mal richtige Sorgen haben und verzweifelt sein – das tragen Tanja und Jerome als Ahnung mit sich herum. Aber sie haben es einfach nie so richtig gelernt, wie das geht.

Man bekommt den Eindruck, dass Tanja die zwischenzeitliche Trennung von ihrem Freund Jerome regelrecht inszeniert, um damit Bereiche ihrer Seele wachzukitzeln, die in ihrer Erfolgsbiografie eigentlich schon außer Dienst gestellt sind.

Ein Buch wie ein Song von "The Smiths"

Leider ist dieser Konflikt nur zum Teil romantauglich. Es scheint, als sei es für die beschriebenen Personen einfach nur Teil ihres biografischen Programms, sich selbst immer ein bisschen Unglück und Depression zu verordnen, um sich so auch weiterhin als exklusiver, ästhetisch urteilsfähiger Menschen verstehen zu dürfen.

Man kann sich beim Lesen von "Allegro Pastell" gelegentlich an bestimmte Songs der Band "The Smiths" erinnern, mit dieser zur Schau getragenen leisen Trauer über große Nichtigkeiten oder einfach darüber, dass die Dinge so sind, wie sie eben sind. Hauptsache, am Ende kommt ein schöner Song dabei raus.

Wohlstands-Irritationen mit wohldosierten Albernheiten

Bei Leif Randt ist das ziemlich einzigartig in der deutschen Gegenwartsliteratur: diese pastellfarbenen Wohlstands-Irritationen, die er so punktgenau beschreibt. Und auch mit mancher wohldosierten Albernheit – und mit vielen schönen, "klinisch keimfreien" Dialogen, aus denen man auch erfährt, welche Vokabeln in den aktuellen Bildschirmmedien gerade Mode sind.

Mehr zum Buch und Autor "Allegro Pastell" von Leif Randt
288 Seiten
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
22 Euro
ISBN: 978-3-462-05358-6
VÖ: 5. März 2020

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. März 2020 | 08:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. März 2020, 14:19 Uhr