Rezension: Das Geheimnis der Hebamme - Felsenbühne Rathen
Luca Lehnert (rechts) in "Das Geheimnis der Hebamme" auf der Felsenbühne Rathen Bildrechte: Landesbühnen Sachsen/Hagen König

Nach dem Roman von Sabine Ebert Rezension: "Das Geheimnis der Hebamme" auf der Felsenbühne Rathen

Neben "Winnetou" und dem "Freischütz" gibt es jetzt ein drittes Stück auf der Felsenbühne Rathen: "Das Geheimnis der Hebamme" nach einem Roman der Bestsellerautorin Sabine Ebert. Lohnt sich der Besuch?

von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Rezension: Das Geheimnis der Hebamme - Felsenbühne Rathen
Luca Lehnert (rechts) in "Das Geheimnis der Hebamme" auf der Felsenbühne Rathen Bildrechte: Landesbühnen Sachsen/Hagen König

Der Roman "Das Geheimnis der Hebamme" erzählt die Geschichte, wie Sachsen besiedelt und wie in Freiberg dann Silber gefunden wurde. Das Ganze spielt im Jahr 1167 und den darauf folgenden. Es geht um die kleine Welt der Siedler, Bauern und Handwerker und um die große Welt am Hof des Markgrafen Otto von Meißen, und auch, noch größer, am Kaiserhof Barbarossas. Besonders ist, dass diese Geschichte aus der Perspektive einer Frau erzählt wird. Es ist eine erfundene Figur. Sie heißt Marthe und ist Hebamme. Besonders ist auch, dass Sabine Ebert die historischen Fakten genau recherchiert hat. Ihre Bücher haben dadurch zwei Seiten: Sie machen einerseits Geschichte lebendig – das Skelett aus Zahlen wird sozusagen mit neuem Fleisch wiederbelebt. Auf der anderen Seite sind die Geschichten sehr einfach und stereotyp gestrickt, wenn es um Liebe und Freundschaft, gut oder böse geht.

Als Sabine Ebert 2006 ihren Roman veröffentlicht, lebt sie als Journalistin in Freiberg im Erzgebirge. Also in dem Ort, über dessen Besiedlung sie hier schreibt. Übrigens wird das Silber in Freiberg ja 1168 gefunden. Es ist also sogar ein kleines Jubiläum: 850 Jahre ist das her.

Kampfszene aus "Das Geheimnis der Hebamme" in der Felsenbühne Rathen
Kampfszene aus "Das Geheimnis der Hebamme" auf der Felsenbühne Rathen Bildrechte: Landesbühnen Sachsen/Hagen König

Warum die "Hebamme" so gut zur Felsenbühne passt

Spielszene aus "Das Geheimnis der Hebamme" in der Felsenbühne Rathen.
Spielszene aus "Das Geheimnis der Hebamme" auf der Felsenbühne Rathen. V.L.: Julia Rani, Moritz Gabriel und Luca Lehnert Bildrechte: Landesbühnen Sachsen/Hagen König

Inhaltlich betrachtet passt der Roman gut auf die Felsenbühne: Er handelt von der Besiedlung der Mark Meißen. Bauern aus Franken werden hier angesiedelt. Sie ziehen Richtung Osten oft an den Flüssen entlang. Die Elbe spielt eine wichtige Rolle. In Meißen, ein paar Kilometer elbabwärts, residiert Markgraf Otto. Neben "Winnetou" und dem "Freischütz" gibt es jetzt also ein drittes Stück, das hierher gehört. Karl Maria von Weber hatte in der Sächsischen Schweiz ja bekanntermaßen die Wolfsschlucht vor Augen; Karl May die Rocky Mountains. Tatsächlich hatte Karl May auch als Journalist, genauer gesagt, als Redakteur für sächsische Zeitschriften gearbeitet. Karl May hat auch mehrbändige historische Romane verfasst, beispielsweise "Weg zum Glück". Das sind allerlei Geschichten, zu denen Ludwig II., der König von Bayern, den historischen Hintergrund gibt. Da sind also Parallelen vorhanden: Karl May damals und Sabine Ebert heute. Beide auf der Felsenbühne.

Einen Roman von gut 600 Seiten auf einen Theaterabend zusammengedampft - gelingt das?

Unterm Strich gelingt die Übertragung des Romans auf die Bühne nur bedingt. Obwohl Dramaturgin Odette Bereska, die den Theatertext geschrieben hat, vieles richtig macht. Sie baut zunächst die Roman-Ebene der Spielleute aus: zwei Männer und eine Frau, die mit ihrem Karren durch die sächsische Ritterwelt ziehen. Und Schauspieler im doppelten Sinn sind: Als Schauspieler spielen sie am Hofe des Markgrafen und als Schauspieler erzählen sie uns, dem Publikum, die Handlung. Sie steigen aus den Rollen aus, steigen wieder ein, und sind auch mit anderen kleineren Rollen in den Szenen besetzt. Diese Theater-auf-dem-Theater-Ebene ist eine gute Idee, und hat ein ganz großes Vorbild, das hier durchscheint: nämlich die Spielleute in Ingmar Bergmanns Film: "Das siebente Siegel". Schön ausgedacht!

Gut gelingt auch die ganze Siedlerdarstellung: Es sind drei Dutzend Männer und Frauen, die ihre Handkarren über die Bühne schieben. Das ist richtige körperliche Arbeit, durch den Sand, über Stock und Stein. Christian, Michael Berndt-Cananá, der hier den Ritter und ansonsten auch Winnetou spielt, und sein Knappe Lukas, gespielt von Holger Uwe Thews, reiten auf Pferden vorne und hinter dem Zug. Der Suche nach neuen Siedlungsorten gibt die Inszenierung viel Raum. Das ist gut. Und da schwingt auch in ein paar Formulierung die sogenannte "Fluchtwelle" von 2015 mit: Europa als gelobtes Land.

Die Ständegesellschaft, die Hackordnung bleibt auf der Strecke

Die Szenen am Hof, auf der Burg Meißen, also die Innerräume, sind naturgemäß auf einer Naturbühne schlecht darstellbar. Dazukommt, dass die Motivationen der handelnden Figuren in der Straffung auf drei Stunden Aufführungsdauer doch sehr ins Hintertreffen gerät - wahrscheinlich auch: geraten muss. Wenn wir uns ansehen, wie Marthe (Luca Lehnert), die im Grunde gar keinen Stand hat, mit Hedwig (Julia Vincze) mit Ottos Gattin, der Markgräfin, hier zusammenkommen und agieren; wie sich – sagen wir mal - zwei modern denkende Frauen über ihre mittelalterlichen Standesgrenzen hinwegsetzen, dann ist gerade mal eine Ahnung dessen, was im Roman sehr genau ausgeführt und herausgehoben ist.

Man muss sich ja auch vorstellen, dass der ganze Hofstatt ständig drum herum zu Gange ist und die Einhaltung der Etikette überwacht. Auch die Rollen der Männer: der Markgraf, die Ritter, die Handwerker, die Zunftmeister – diese Rollenvorgaben sind als Hintergrund für das Handeln der Personen unverzichtbar, aber in dieser Drei-Stunden-Fassung bleibt einfach keine Zeit, diese Hintergründe zu entwickeln. Dazu kommt die Freilichttheater-Situation. Da ist ja die große Geste immer von Nöten. Kleine, feine Blicke und Beobachtungen schließen sich praktisch aus. Und so bleibt diese zentrale Ebene für das Handeln der Figuren auf Grundlage ihrer gesellschaftlichen Position ziemlich auf der Strecke.

Reitszene aus "Das Geheimnis der Hebamme" in der Felsenbühne Rathen.
Reitszene aus "Das Geheimnis der Hebamme" auf der Felsenbühne Rathen Bildrechte: Landesbühnen Sachsen/Hagen König

Über die schauspielerische Leistung

Die drei Spielleute, Cordula Hanns, Alexander Wulke und Jan Baake, haben mir gut gefallen. Ritter Christian und sein Knappe Lukas auch. Bei den Siedlern schmiss sich Julia Rani, eigentlich eine Nebenrolle, immer wieder ins Zeug - durchaus überzeugend und angemessen für diese Freiluftsituation. Ebenso Jürgen Haase als Bösewicht Ritter Randolf. Marthe blieb für mich blass. Vielleicht ist diese Schüchternheit ja inszeniert – andererseits: Es gibt auch ein paar Situationen, da hätte sie stolz und bestimmt auftreten können, was ich so nicht gesehen habe. Stattdessen schleicht sie mit ihrem Kräuterkörbchen über die Bühne.

Fazit: Der Stoff hat mehr Potential. Dennoch - als Gesamtkunstwerk: Die Felsenbühne ist grandios als Naturbühne, und da passt diese Besiedlungsgeschichte gut hinein. Nach dem Stück gehe ich eine halbe Stunde von der Bühne zurück in den Ort: Kein nervendes Auto; Der Amselgrund mit seinem Bach; die Schatten der Sandsteinfelsen fast im Himmel. Als Gesamtkunstwerk ist das ein Reiseerlebnis allemal wert.

Nächste Aufführungen von "Das Geheimnis der Hebamme" auf der Felsenbühne Rathen: 9. Juni 2018
15. Juni 2018
16 Juni 2018
12. Juli 2018
13. Juli 2018
14. Juli 2018
19. Juli 2018
20. Juli 2018
21. Juli 2018

jeweils 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Juni 2018 | 12:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juni 2018, 11:08 Uhr

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