Auer Jubel nach dem 1:1 Elfmeter treffer durch Thomas Paulus. Enrico Kern (li.) und Marc Hensel (re.).
Auer Jubel nach einem 1:1 Elfmetertreffer gegen den FC Augsburg 2010 durch Thomas Paulus. Enrico Kern (li.) und Marc Hensel (re.). Bildrechte: imago sportfotodienst

Rezension "Lob des Fußballs" Warum wir den Fußball trotzdem lieben

Die WM 2018 steht vor der Tür und der Fußball hat Einiges an Glanz verloren. Korrupte Verbände, Videobeweis und eine überstrapazierte Marketingmaschinerie verderben einigen den Spaß. Trotzdem steigt die Vorfreude auf das Turnier in Russland. Jürgen Kaubes "Lob des Fußballs" erklärt, warum wir das alles ertragen und König Fußball trotzdem immer lieben werden.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR

Auer Jubel nach dem 1:1 Elfmeter treffer durch Thomas Paulus. Enrico Kern (li.) und Marc Hensel (re.).
Auer Jubel nach einem 1:1 Elfmetertreffer gegen den FC Augsburg 2010 durch Thomas Paulus. Enrico Kern (li.) und Marc Hensel (re.). Bildrechte: imago sportfotodienst

"Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt" – das trällerte die bundesdeutsche Nationalmannschaft zur Einstimmung auf die WM 1974 ins Mikrofon. So weit würde Jürgen Kaube wohl nicht gehen. Aber dass er sich in seinem Essay als leidenschaftlicher Freund dieses Sports outet, deutet nicht nur der Titel "Lob des Fußballs" an, sondern auch die kenntnisreiche Weise, in der er über das Thema schreibt. Es ist dennoch keine jener marktschreierischen oder gar nostalgischen Lobeshymnen – früher war der Sport noch ehrlich und authentisch - sondern vielmehr eine Erörterung dessen, was das Spiel so besonders macht, welche Wirkung es auf den Zuschauer hat und wie Beglückung und Leid, Euphorie und Verzweiflung dabei unbedingt zusammengehören.

Kaube schreibt etwa: "Fußball ist reine Wahrnehmungspräsenz im Stadion und das 'Weißt du noch als …'-Gedächtnis, er ist das Staunen über Virtuosität und das elende Gekicke, das trotzdem nicht zum Abbruch der Beziehungen führt, er ist 7:1 und die Schande von Gijon, Meisterschaft und Abstieg, Zinédine Zidane und Carsten Ramelow, Athletik und Statistik, Laktatwerte und Zirkus. Wer ihn loben will, muss die Einheit all dieser Gegensätze loben."

Fußball - eine Welt, in der jeder alles erreichen kann

Zinedine Zidane (Real,vorn) wird beobachtet von Michael Ballack
Zinedine Zidane (vorn) und Michael Ballack beim Champions League Finale in Glasgow 2002 Bildrechte: IMAGO

Fußball unterscheidet sich von allen anderen Sportarten, weil er nichts nachahmt. Es gibt keine Tätigkeiten außerhalb des Spielfelds, an die jene Fähigkeiten, die Spieler brauchen, erinnern.

Fußball [...] ist ein Spiel, das Leistungen verlangt, die überhaupt nur in diesem Spiel einen Sinn haben, nirgendwo sonst.

Jürgen Kaube, Auszug aus seinem Essay "Lob des Fußballs"

Dazu gehört, wie Kaube schön ausführt, dass es keine bestimmten körperlichen Voraussetzungen gibt, um diesen Sport zu betreiben: kleine, eher pummelige Spieler wie Maradona können ebenso zu Weltstars werden wie der hagere, schlaksige, ungelenk wirkende Thomas Müller. Die materielle Voraussetzungsarmut ist ebenfalls frappierend: Es genügt ein Ball, manchmal sogar eine Dose – und schon kann man auf dem Hinterhof herumkicken.

Klaus Augenthaler beim Kopfball, daneben Diego Maradonna
Klaus Augenthaler gegen Diego Maradona (München 1989). Bildrechte: dpa

Fußball ist ein Spiel, das von den Akteuren und vom Zuschauer 90 Minuten lang Aufmerksamkeit erfordert – anders als in anderen Sportarten, kann in jeder Sekunde und an jeder Stelle des Spielfelds etwas Entscheidendes passieren. Es lässt sich kaum vorausberechnen; auch eine schwächere Mannschaft kann, weil eben nur wenige Tore fallen, gegen die objektiv stärkere gewinnen.

Fußball dehnt die Zeit, komprimiert sie, alles geht ganz langsam, dann ganz schnell. In kaum einer anderen Sportart gibt es ununterbrochene Aktionen, die mehrere Minuten dauern können.

Jürgen Kaube, Auszug aus seinem Essay "Lob des Fußballs"

22 Spieler, 22 Variablen, unendliche Möglichkeiten

Natürlich geht es beim Fußball um Leistungsvergleich, um Rangfolgen, um Tabellen. Aber es fehlt eine messbare Eindeutigkeit. 22 Spieler – das sind 22 Variablen. Unendlich viele taktische Möglichkeiten. Unglaublich viele Entscheidungen, die über Sieg und Niederlage entscheiden können. Vieldeutig und vielgestaltig, nennt Kaube den Erfolg im Fußball, der sich eben nicht nur im Meistertitel manifestiert. Sondern auch in der Feier eines Nichtabstiegs. Der Fußball ist offen und rätselhaft. Weshalb er zu endlosen Diskussionen Anlass gibt, zu Identifikation einlädt, zu Analyse und dem Abgleich von gesellschaftlicher und fußballerischer Entwicklung. Und natürlich zu Heldensagen.

Das Archivbild vom 04.07.1954 zeigt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft vor Anpfiff des Finales der Fußball-WM 1954 gegen Ungarn im  Wankdorf-Stadion in Bern (Schweiz), das mit einem 3:2-Sieg endete
Heldensage: Der Sieg der deutschen Mannschaft bei der Fußball WM 1954 hat sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Bildrechte: dpa

Der Held […] liefert nicht einfach eine Leistung ab, sondern er spielt mittels seines Charakters.

Jürgen Kaube, Auszug aus seinem Essay "Lob des Fußballs"

Kaube schreibt weiter: "Wie in anderen komplexen Sportarten – man kann erneut an Tennis oder Boxen denken –, so führen auch im Fußball die Vielfalt der Handlungsformen, die kommunikativen Möglichkeiten im Spiel, die Erzählbedürftigkeit des Geschehens dazu, dass wir in den großen Spielern Konflikttypen und Bewegungscharaktere erkennen."

Woher kommt sie, die Leidenschaft? - Kaube sucht Antworten

Rezension: "Lob des Fußballs" von Jürgen Kaube (Buchcover)
Rezension: "Lob des Fußballs" von Jürgen Kaube (Buchcover) Bildrechte: C.H. Beck Verlag

Das Spiel als Abbild unserer Gesellschaft – es ist nicht besser, aber auch nicht schlechter als das, was um uns herum vor sich geht. Jürgen Kaube will mit seinem Essay der Rätselhaftigkeit des Fußballs und seiner eigenen Leidenschaft auf die Spur kommen. Er verschweigt dabei nicht die kaum zu übersehenden Schattenseiten, Skandale, den Größen- und Medienwahnsinn.

Die anstehende WM etwa bereitet dem Fan angesichts der politischen Gemengelage verbunden mit mafiösen Fifa-Strukturen ja durchaus Unbehagen. Kaube scheint sich aber dennoch ein großes Vertrauen in die Magie dessen bewahrt zu haben, was immer wieder auf dem Platz geschehen kann. Sein schmales Bändchen – in zwei Mal 45 Minuten kann man es gut lesen – sucht nach dem Kern dieses Sports, der trotz allem nicht so leicht zu zerstören ist.

Angaben zum Buch: Jürgen Kaube: "Lob des Fußballs. Mit zwölf Zeichnungen von Philip Waechter", erschienen bei C.H. Beck/München 2018, 126 Seiten, 15 Euro.

Jürgen Kaube
Bildrechte: dpa

Über den Autoren Jürgen Kaube: Jürgen Kaube, Jahrgang 1962, ist in große Fußstapfen getreten: Seit 2015 ist er einer der vier Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zuständig fürs Feuilleton, und damit der Nachfolger des verstorbenen Frank Schirrmacher. Lange betreute der studierte Philosoph, Germanist, Kunsthistoriker und Wirtschaftswissenschaftler bei der F.A.Z. das Ressort "Geisteswissenschaften". Wie sein Vorgänger Schirrmacher zeichnet sich Kaube auch durch eine rege Publikationstätigkeit aus. Mit seinem Buch über den Soziologen Max Weber stand er auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis. Er veröffentlichte einen Essay zur Krise des Bildungssystems und über die Lebenslügen der Wissenschaftspolitik. Oder ein Sachbuch mit dem Titel "Die Anfänge von Allem", in dem er an vielen Beispielen erläutert, wie unsere menschliche Kultur entstand. Die Vielseitigkeit Jürgen Kaubes zeigt sich auch an seinem neuesten Essay "Lob des Fußballs". Er kommt genau recht zur anstehenden Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Juni 2018 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 13. Juni 2018, 04:00 Uhr

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