Premiere des Stücks "Nackt über Berlin" am Neuen Theater Halle nach der Romanvorlage von Axel Ranisch
Premiere auf der Raumbühne "Babylon": "Nackt über Berlin" von Axel Ranisch Bildrechte: Falk Wenzel, Bühnen Halle

Premiere in Halle "Nackt über Berlin": Viel Klamauk, eine Prise Drama, ein bisschen Musical

Axel Ranischs Roman "Nackt über Berlin" ist ein Pointenfeuerwerk mit Tiefgang. Jetzt wurde die Geschichte über zwei Jugendliche, die ihren Schuldirektor einsperren, auf der Raumbühne der Oper Halle als Theaterstück aufgeführt. Am Anfang unterhaltsam dank greller Komik – zum Schluss jedoch quälend und langatmig, meint MDR KULTUR-Theaterkritiker Matthias Schmidt.

Premiere des Stücks "Nackt über Berlin" am Neuen Theater Halle nach der Romanvorlage von Axel Ranisch
Premiere auf der Raumbühne "Babylon": "Nackt über Berlin" von Axel Ranisch Bildrechte: Falk Wenzel, Bühnen Halle

Axel Ranischs Roman "Nackt über Berlin" ist ein Pointenfeuerwerk mit Tiefgang, eine Art böses "Tschick". Zwei Schüler, Jannik und Tai, die sich selbst gerne "Fetti" und "Fidschi" nennen, finden ihren Direktor sturzbetrunken auf der Straße und beschließen, ihn in seinem Hi-Tec-Apartment einzusperren. Aus dem kleinen Schülerstreich wird dann schnell handfeste Folter, sie drehen ihm Wasser und Strom ab, sein Essensvorrat geht zur Neige, und irgendwann beichtet der Direktor tatsächlich, für den Selbstmord einer Mitschülerin mitverantwortlich zu sein.

Komik trotz böser Geschichte

Wie der Roman auch, feiert die Inszenierung zunächst aber erstmal die Komik der Situation. Jannik, der übergewichtige Musik-Freak kurz vor dem Coming Out, masturbiert zu Rachmaninoff, träumt von Tai, dem vietnamesisch-stämmigen Mitschüler und wird von seiner Mutter dabei überrascht. Tais Familie ist eine comicartig überzeichnete Großfamilie, singende und kochende Klischee-Asiaten mit schwarzen Perücken und lustigem Dialekt. Alles ist auf die Spitze getrieben, zum Schreien komisch. Petra Ehlert und Jörg Simonides als Janniks Eltern sorgen mit deftigem Herum-Berlinern für Lacher, und parallel dazu wird eben auch die im Grunde sehr ernste Geschichte des Schuldirektors erzählt.

Anfangs sieht es wie ein Zufall aus, nach einem Streich, den die beiden Jungs dem Direktor spielen wollen. Aber mehr und mehr wird klar, dass dahinter eine böse Geschichte steckt: Der Direktor hat einen Kollegen gedeckt, nachdem dieser eine Affäre mit einer Schülerin hatte, und sie wiederum hat sich dann umgebracht. Da der Direktor aber gar nicht weiß, wer ihn eingesperrt hat, sucht er nach möglichen Motiven und Tätern. Er zermartert sich den Kopf darüber, welche Leichen er im Keller hat.

Premiere des Stücks "Nackt über Berlin" am Neuen Theater Halle nach der Romanvorlage von Axel Ranisch
In der Geschichte "Nackt über Berlin" sperren die beiden Jugendlichen Jannik und Tai ihren Schuldirektor in seiner Wohnung ein. Bildrechte: Falk Wenzel, Bühnen Halle

Genug für einen Roman

Allein diese Ebene des Romans könnte für ein Drama genügen. Weil sich dabei außerdem herausstellt, dass auch die Jungen unterschiedliche Gründe für die Aktion haben. Jannik ist in Tai verliebt, Tai wiederrum war in die Schülerin verliebt, die sich umgebracht hat. Außerdem treibt ihn eine diffuse Wut auf "die Deutschen", darüber, dass vor Jahren Nazis seinem Vater die halbe Zunge herausgeschnitten haben. Das ist der Kern des Romans, der ein bisschen hinter den bunten Elementen, der derben Jugendsprache, der grellen Komik, versteckt liegt.

Aber: Für eine solche Reduktion hätte das Stück nicht unbedingt auf der Raumbühne stattfinden müssen. Man darf bezweifeln, ob das Opernhaus mit der Raumbühne der richtige Ort für dieses Material ist. Noch bis zur Pause läuft das ziemlich flott durch: Viel Klamauk, ein bisschen Musical, eine Prise Drama, Momente von klassischem Jugendtheater und lautem Boulevard, das passt.

Nach der Pause wird es lang

Premiere des Stücks "Nackt über Berlin" am Neuen Theater Halle nach der Romanvorlage von Axel Ranisch
Szene aus "Nackt über Berlin" Bildrechte: Falk Wenzel, Bühnen Halle

Danach wird es anstrengend. Insgesamt dauert der Abend drei Stunden, und die letzte offenbart, was das Manko der ja eigens für den Abend geschriebenen Stückfassung sein könnte. Sie sucht sich nämlich keinen Fokus, sie will den Roman in ganzer Breite spielen. Sie will möglichst alle Pointen mitnehmen, möglichst alle kleinen Unterdramen in den Biografien der Personen miterzählen – und läuft so auf nichts hinaus, als möglichst vollständig zu sein.

Das fällt besonders bei dem Versuch auf, nacheinander alle wichtigen Handlungsstränge des Romans zu Ende zu erzählen. Das ist dann doch eine relativ quälende Aneinanderreihung zu vieler Enden. Nach dem Motto: Immer noch eins oben drauf! Und um alles wieder zusammenzuführen, kommt schließlich Janniks Vater so fernsehschwankmäßig mit einer Pfanne auf die Bühne und verteilt Schnitzelchen für alle zwölf Schauspieler. Da wurde natürlich nochmal gelacht, aber eigentlich betont es nur, wie sehr der Abend nach der Pause in lauter Einzelteile zerbröselt war.

Weitere Aufführungstermine "Nackt über Berlin", nach dem Roman von Axel Ranisch
22. September sowie 2. und 6. Oktober
Raumbühne "Babylon", Oper Halle

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. September 2018 | 08:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. September 2018, 14:00 Uhr

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