Schauspieler als Richard Hartmann auf Wanderschaft
Nach Chemnitz kam Richard Hartmann auf der Walz. Hier startete er sein Großunternehmen mit nur zwei Talern in der Tasche, so die Legende. Bildrechte: MDR/Steffen Keitel/Pro Movie

Lebenslauf Richard Hartmann – Der Lokomotiv-König von Chemnitz

Sie waren die Herzschrittmacher der industriellen Revolution: die Lokomotiven der sächsischen Unternehmer-Legende Richard Hartmann. In Chemnitz, dem deutschen Manchester und früh-industriellen Zentrum, wurden sie gebaut. Bis zu einhundert Tonnen schwer und doch wieselflink zogen Hartmann-Loks den Fortschritt in den hintersten Winkel des Landes. Doch woher stammt ihr geistiger Schöpfer? Wie gelang ihm der märchenhafte Aufstieg vom armen Wandergesellen zum ersten Großindustriellen Sachsens?

von René Römer, MDR KULTUR

Schauspieler als Richard Hartmann auf Wanderschaft
Nach Chemnitz kam Richard Hartmann auf der Walz. Hier startete er sein Großunternehmen mit nur zwei Talern in der Tasche, so die Legende. Bildrechte: MDR/Steffen Keitel/Pro Movie

1832. Seit drei Jahren zieht der gebürtige Elsässer Richard Hartmann von West nach Ost durch die deutschen Lande. Der Sohn eines Gerbers und Schuhmachers ist auf der Walz, beständig auf der Suche nach Lohn und Brot. Der Legende nach trägt Hartmann gerade einmal zwei Taler mit sich, als er sich Chemnitz nähert. Zeugschmied – heute würde man sagen: Werkzeugmacher – hat der junge Mann gelernt. Und in Chemnitz wird er sein Glück machen.

Chemnitz ist ebenso wie das ganze Erzgebirge geprägt von der Textilherstellung. Und an vielleicht keinem anderen Ort weit und breit vollzieht sich der technische Fortschritt so exemplarisch: Eisen und Stahl verdrängen den Werkstoff Holz. Das Agrarland verstädtert. Die Dampfmaschine ersetzt den Pferdegöpel, die Maschine die Muskelkraft. Der Maschinenbau erlebt eine Blüte: Mechanische Webstühle und Spinnmaschinen produzieren massenhaft Stoffe von höchster Güte. Diese Produktivität lässt Chemnitz förmlich explodieren. Zählt das Städtchen um 1800 etwa 10.000 Einwohner, so arbeiten und leben im maschinellen Herz Sachsens um 1900 – nur einhundert Jahre später – 200.000 Menschen.

Fotografie von Richard Hartmann
Fotografie von Richard Hartmann Bildrechte: MDR/Steffen Keitel/Pro Movie

Die Jahre auf der Walz sind für Richard Hartmann Jahre des Lernens. In Chemnitz baut und repariert der versierte Metallarbeiter Textilmaschinen – raffinierte Apparaturen, die aus tausenden Teilen bestehen. Bei verschiedenen Fabrikanten, darunter dem legendären Chemnitzer Industrie-Pionier Carl Gottlieb Haubold, mausert sich der Geselle zum Akkord-Meister, also zu einem Schichtleiter oder Vorarbeiter. "Er taucht dort richtig tief in den konstruktiven Aufbau von Maschinen ein", sagt Uwe Fiedler vom Schlossbergmuseum Chemnitz. "Man kann sagen, dass der Mann ausgesprochene Fähigkeiten hatte, die über das reine Schlossern hinausgingen." Als Zugereister besitzt er kein Chemnitzer Bürgerrecht, darf also kein Gewerbe anmelden. Doch er weiß zwei, drei mögliche Teilhaber, die wie er ins Unternehmertum drängen. Hartmann träumt von einer Fabrik für Textilmaschinen.

Ein Mann will nach oben

1837, er ist 28 Jahre alt, heiratet Richard Hartmann. Bertha ist die Tochter des Gastwirts von "Oppelts Garten", einem bei Handwerkern und Gesellen beliebtem Lokal. Bertha ist seine Eintrittskarte in die bürgerlichen Kreise der Stadt. Sie soll ihren Gatten kaufmännisch an die kurze Leine genommen haben, heißt es. "Es gibt ja die Geschichte, dass sie schon ganz früh direkt nach der Hochzeit verlangt hat, dass er jeden Monat zwei Gulden bei ihr abliefert", erzählt Joachim Breuninger vom Verkehrsmuseum Dresden. "Und die hat sie angeblich in den Sparstrumpf gesteckt. Zum Schluss waren 1.500 übrig. Und das war das Startkapital für das eigentliche Unternehmen."

Schauspieler als Richard Hartmann und Bertha Hartmann
Schauspieler als Richard Hartmann und Bertha Hartmann: Dank ihrem finanziellen Geschick, soll der Firmenstart geglückt sein. Bildrechte: MDR/Steffen Keitel/Pro Movie

Für 1.000 Taler kauft Richard Hartmann einem Drechsler aus dem Erzgebirge die Pläne zu einer Baumwollspinnmaschine ab, eine sogenannte Streichgarn-Vorspinnmaschine. Ihr Bau wird zu seinem ersten großen wirtschaftlichen Erfolg. Später sollten seine Maschinen Goldmedaillen auf den Weltausstellungen von London und Paris gewinnen. Doch zunächst wird der Einwanderer aus dem Elsass ein Chemnitzer Bürger: "Richard Hartmann war ja französischer Staatsbürger. Und da war es klug von ihm, eine Chemnitzerin zu heiraten und dann an den richtigen Strippen zu ziehen, dass er schnell das Bürgerrecht bekam. Und dann hat er seine erste Werkstatt und sein Unternehmen gegründet", so Achim Dresler vom Industriemuseum Chemnitz.

Start des Lokomotiv-Baus in Chemnitz

Nachbau von Sachsens erster Schmalspurdampflok 1 K Nr. 54
Nachbau von Sachsens erster Schmalspurdampflok in Steinbach im Erzgebirge. Die letzte Original-Lok wurde 1964 verschrottet. Bildrechte: dpa

In seinem frühen Maschinenbau-Unternehmen beschäftigt Hartmann 30 Arbeiter. Den endgültigen Durchbruch – und bis heute nachglühenden Ruhm – bringt ihm sein Entschluss, ab 1848 Lokomotiven zu bauen. Die sächsische Regierung hat den Schritt zum Eisenbahnbau mit einem zinsfreien Kredit von etlichen zehntausend Talern unterstützt, um importunabhängig eine eigene Lok-Produktion zu entwickeln. "Und vor allen Dingen hat er das drauf gehabt, sich in Dresden vor die Tür zu legen und bei der Regierung und dem König 30.000 Taler rauszuklingeln. So machen das die Unternehmen ja heute auch: staatliche Förderung strategischer Industriezweige", so Dresler vom Industriemuseum. Der Kredit hilft Hartmann, die Chemnitzer und Zwickauer Konkurrenz abzuhängen und mit Firmen wie Maffai in München, Borsig in Berlin und vor allem mit den englischen Lokomotiven zu konkurrieren.

Das ist so wie die Garagengründung von Apple im 20. Jahrhundert. Hartmann ist so ein Firmengründer, der mit praktisch nichts anfängt als zwei Talern in der Tasche. Der hatte es dann drauf, aus sich eine Ausnahmepersönlichkeit zu machen und es auch so darzustellen.

Achim Dresler, Industriemuseum Chemnitz

Die Hartmannschen Loks erweisen sich als gleichwertig gegenüber den führenden englischen Dampfrössern und werden bald weltweit exportiert. Im Verkehrsmuseum Dresden steht die berühmte "Muldenthal". Sie stammt von 1861 und ist die älteste Hartmann-Zugmaschine, die erhalten ist – und gleichzeitig die älteste im Original erhaltene Dampflokomotive Deutschlands. Sie diente 91 Jahre lang als Grubenbahn im Zwickauer Steinkohlenbergbau.

Zeitalter der Eisenbahn: Die Welt wird vernetzt

Schauspieler als Richard Hartmann vor Dampflok
Schauspieler als Richard Hartmann vor einer Dampflok. Bildrechte: MDR/Steffen Keitel/Pro Movie

Hartmann ist ein Kind seiner Zeit: Er profitiert vom sich entwickelnden Eisenbahnwesen. Nach dem Start der Eisenbahnstrecke Leipzig-Dresden 1839, der ersten Ferneisenbahn Deutschlands, beginnen sich insbesondere die drei Großstädte Leipzig, Dresden und Chemnitz in alle Himmelsrichtungen zu vernetzen. Nun geht es Schlag auf Schlag. Die Gleise erreichen über Hof und Nürnberg München, wachsen gen Böhmen und Schlesien. Die Verbindung Riesa-Chemnitz bringt die Anbindung an die Elb-Schifffahrt. Im sich industrialisierenden Erzgebirge verdichtet sich das engmaschigste Schmalspurbahn-Netz seiner Zeit – als Transportband in Tal- wie Kammlagen. "Das verändert einfach das Leben der Menschen radikal, diese Eisenbahn", sagt Joachim Breuninger vom Verkehrsmuseum Dresden. "Wir haben 1835 die erste Eisenbahn und schon wenige Jahrzehnte später 30.000 Kilometer Eisenbahn-Schienen in Deutschland liegen. Das heißt, ich komme von überall überall hin. Sehr günstig und schnell."

Schon ist die Maschinenfabrik Richard Hartmann Hauptlieferant der Königlich-Sächsischen Staatseisenbahnen. 1857 zählt er 1.500 Mitarbeiter. 1870 sind es bereits 2.700 Angestellte. Die Firma wird zur "Sächsischen Maschinenfabrik vormals Richard Hartmann AG" und damit zur Aktiengesellschaft. Sein Unternehmen gilt als Stadt vor der Stadt: Wer einmal um das gesamte Areal laufen will, muss zwei Stunden Fußmarsch einplanen.

Wie schnell das damals alles ging. Also er lässt sich Mitte der 1830er-Jahre in Chemnitz nieder und zehn Jahre später ist er schon ein Riesen-Unternehmer. Und noch mal zehn Jahre später leitet er eines der größten Unternehmen Deutschlandweit. Das sind Karrieren die sind heute fast nicht mehr nachvollziehbar.

Joachim Breuninger, Verkehrsmuseum Dresden

Krankenkasse für die Arbeiter, aber Gewerkschaften unerwünscht

Richard Hartmann war ein Macher – selbst als es zu einem zerstörerischen Brand im Werk kommt, setzt er keinen seiner Maschinenbauer vor die Tür, sondern schult sie zu Maurern um. Eine Win-Win-Situation für Chef und Belegschaft. Das Werk ersteht größer denn je. Weihnachten verteilt er Geschenke an die Witwen von Werksarbeitern. Ab den 1860er-Jahren initiiert er eine Kranken- und eine Pensionskasse für seine Arbeiter. "Er soll sich sehr um seine Leute gekümmert haben", erzählt Joachim Breuninger vom Verkehrsmuseum Dresden: Er soll bis in die 60er-Jahre immer abends am Werktor gestanden haben und seine Leute verabschiedet haben."

Hartmann-Dampfmaschine, Baujahr 1919
Hartmann-Dampfmaschine, Baujahr 1919 Bildrechte: MDR/Steffen Keitel/Pro Movie

Allerdings steht das im krassen Widerspruch zum Bild des sozialen Patriarchen und Hartmanns Allergie gegen Streiks und sich formierende Arbeiterverbände. Die lehnt er ab, ja: bekämpft sie, manipuliert sie mit allen Mitteln, versichert sich mit Bittgängen beim Chemnitzer Bürgermeister der Unterstützung von Polizei und Justiz. "Hartmann denunziert seine Arbeiter dann auch. Da wird auch hammerhart mit Name und Adresse gearbeitet. Und die Aufrührer und die Umstürzler werden beim Polizeipräsidenten angezinkt", so Uwe Fiedler vom Schlossbergmuseum Chemnitz. "Und wer wirklich als Rädelsführer in Erscheinung trat, den hat er dann auch vom Hof gejagt", ergänzt Achim Dresler vom Industriemuseum Chemnitz.

Betriebesausflug nach Leipzig und Freibier gegen Fachkräftemangel

Trotz Dampfmaschinen und Treibriemen wird noch viel mit Muskelkraft bewegt: Ambosse dröhnen. Chemnitzer Gazetten beklagen den ständigen Lärm. Bei Richard Hartmann zu arbeiten, bedeutet einen 13-Stunden-Arbeitstag, nur der Sonntag ist frei. Hartmann holt Arbeiter aus dem Elsass. Dennoch gibt es Fachkräftemangel und Fluktuation unter der Belegschaft. Da spendiert er schon mal – aber nur ihm ergebenen Leuten – einen Betriebsausflug nach Leipzig und lässt Freibier ausschenken.

Er ist der klassische Patriarch, wie er im Buch steht: Er kümmert sich um seine Leute, aber die müssen natürlich machen, was er will.

Achim Dresler, Industriemuseum Chemnitz

Im Chemnitzer Schlossbergmuseum, dem Museum für die Geschichte der Stadt, haben die Kontor-Bücher Hartmanns überdauert, die seine Einnahmen und Ausgaben dokumentieren. Sie überführen ihn als fleißigen Theatergänger und Weinliebhaber. Und er ordert große Posten an Zigarren. Wein und edlen Tabak verschenkt er auch – als Netzwerker ist Hartmann rege im Chemnitzer Vereinsleben und in der Freimaurerloge unterwegs: ein gestandener Geschäfts- und Lebemann.

Sohn Gustav zementiert den "Mythos Hartmann"

Schauspieler als Industriellenfamilie Hartmann
Richard und Bertha Hartmann hatten gemeinsam acht Kinder, davon starben zwei im Säuglingsalter. Der zweitgeborene Sohn Gustav übernahm den Familienbetrieb nach dem Tod des Vaters. Bildrechte: MDR/Steffen Keitel/Pro Movie

1869 bezieht Richard Hartmann mit seiner Familie eine standesgemäße Villa in unmittelbarer Nähe zum Werk. Doch noch im selben Jahr stirbt seine Ehefrau Bertha mit nur 56 Jahren. Ein Schicksalsschlag für den Tatmenschen Hartmann.

Er selbst stirbt am 16. Dezember 1878 an einem Gehirnschlag – kurz zuvor war er 69 Jahre alt geworden. Sein Sohn Gustav beauftragt Johannes Schilling, Bildhauer von Weltrang, mit dem Grabmal, das eigentlich ein Denkmal ist. Und Gustav Hartmann, später verheiratet mit einer Krupp, übernimmt dann auch die Geschäfte. Er zementiert den "Mythos Hartmann" – nicht zuletzt die Lebensleistung des Sohnes macht den Namen des Vaters so groß. Gustav Hartmann mischt deutschlandweit ganz oben mit; er ist u.a. Direktor der Dresdner Bank und gründet die Krupp AG mit. 20 Jahre nach seinem Tod geht dann die Aktiengesellschaft infolge der Weltwirtschaftskrise bankrott. 1929 wird der Lokomotivbau in Chemnitz eingestellt.

Liebhaber bis heute

Bis heute gibt es noch Liebhaber der alten Maschinen aus dem Werke Hartmann. Ein Verein in Burghardtsdorf bei Chemnitz hütet eine Dampfmaschine wie einen Schatz und im Eisenbahnmuseum Chemnitz Hilbersdorf ist es eine alljährliche Attraktion, wenn sich beim Sommerfest die drei Lokomotiven aus dem Hartmann-Werk dampfend in Bewegung setzen: Ein Spektakel aus Kohlenruß und öltriefendem Eisen.

Richard Hartmann steht wie wohl kein zweiter Unternehmer für die Blüte von Chemnitz, für den Mythos vom sächsischen Manchester, für das Werden des Fleckens zur ersten Industriestadt und – nach Leipzig – zum zweiten Handelsplatz in Sachsen. Hartmann-Lokomotiven verließen das Chemnitzer Werk in Exportländer wie Italien, Spanien, Portugal, die Schweiz, Norwegen, Argentinien, Indonesien oder Russland. Die ein oder andere Lok dampft vielleicht noch heute unverwüstlich durch den Nahen Osten – und nährt so die Legende von Richard Hartmann, dem Lokomotiv-König von Chemnitz.

Ein Gespann mit 16 Pferden zieht den originalgetreuen Nachbau der ersten sächsischen Schmalspurbahn-Lokomotive I K Nr. 54 durch die Innenstadt von Chemnitz
Ein Gespann mit 16 Pferden zieht den originalgetreuen Nachbau der ersten sächsischen Schmalspurbahn-Lokomotive I K Nr. 54 durch die Innenstadt von Chemnitz. Damit wird die historische Situation nachgestellt: Die Lokomotiven fuhren bis 1908 nicht aus eigener Kraft vom Hof, weil sich ein Nachbar, der Hartmann-Konkurrent Schönherr, weigerte, für einen Schienen-Anschluss Wegerecht einzuräumen. Bildrechte: dpa

Weitere Lebensgeschichten

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 25. April 2019 | 23:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 25. April 2019, 04:00 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren