Die Sonne geht zwischen den Bäumen auf
Der Wald ist ein beliebter Ort des Rückzugs und der Erholung - und er braucht Schutz. Darum geht es auch im Buch "Die Wurzeln des Lebens" von Richard Powers. Bildrechte: Simank-Film, Stefan Simank

Buchrezension Richard Powers beschwört die Macht der Bäume

Der US-Autor Richard Powers betrachtet in seinem aktuellen Buch "Die Wurzeln des Lebens" den Widerstand gegen die Abholzung eines Waldes. Dabei beleuchtet er auch die enge Verbindung von Mensch und Natur. Ein Plädoyer gegen die Zerstörung der Natur.

von Jörg Schieke, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Die Sonne geht zwischen den Bäumen auf
Der Wald ist ein beliebter Ort des Rückzugs und der Erholung - und er braucht Schutz. Darum geht es auch im Buch "Die Wurzeln des Lebens" von Richard Powers. Bildrechte: Simank-Film, Stefan Simank

Richard Powers war mit seinem neuesten Roman "Die Wurzeln des Lebens" für den Booker Prize nominiert. Das Buch liest sich zugleich wie ein Kommentar auch zur deutschen Gegenwart - zu den Ereignissen im Hambacher Forst nämlich.

Dabei erinnert Powers Roman an Tugenden, die wir doch eher mit der Romankunst des 19. oder 20. Jahrhunderts verbinden: Der Roman als eindringliches Plädoyer, als zutiefst moralische, auch pädagogische und vehement gesellschaftskritische Streitschrift, die den Menschen als den großen Zerstörer der Natur anprangert.

Zurück zur Natur

Richard Powers, 2015
Richard Powers Bildrechte: dpa

Powers schreibt gelehrt, spannend und virtuos - und lässt sich manchmal von seinem Naturbewahrer-Pathos auch ein wenig davontragen. Dabei zeichnet der Autor in weiten Bögen zunächst einmal mehrere amerikanische Biografien nach: ein Vietnamkriegs-Veteran ist dabei, eine Frau aus einer chinesischen Einwandererfamilie, zwei Wissenschaftler (er Psychologe, sie Botanikerin) und eine junge Frau, die sogar schon einmal klinisch tot war.

All diese Menschen eint, dass sie in ihren so verschiedenen und sehr plastisch erzählten Biografien an einem entscheidenden Punkt Trost oder so etwas wie eine geheime Schönheits- oder Nützlichkeitslehre von einem Baum empfangen haben: Der Kriegsveteran etwa wurde während eines Einsatzes im Hubschrauber abgeschossen und hat überlebt - weil er in einen Baum gestürzt ist.

Und so entwickelt Powers eine der zentralen Botschaften seines Buches: Mensch und Baum sind zutiefst verwandt, und zwar bis in ihr Genmaterial hinein. Und mehr noch: Nach Powers’ Folgerungen stellt der Wunderapparat Wald alle Ressourcen und Modelle bereit, mit denen wir Menschen unsere ökologischen oder Nahrungsprobleme lösen könnten - wenn wir eben der Vernunft folgen würden und nicht dem kurzfristigen Streben nach Gewinn und mehr und mehr Wohlstand.

Baumbesetzung gegen die Staatsmacht

Im letzten Drittel des Romans laufen die zuvor erzählten Biografien dann zusammen und verbinden sich im Kampf gegen Spekulanten, die Bäume fällen lassen, die älter als der amerikanische Staat sind. Die Öko-Aktivisten verschanzen sich auf Bäumen, ketten sich an Forstmaschinen an, werden brutal bekämpft und verfolgt - und Powers beschreibt, wie korrupt der Staat sich dabei auf die Seite der Spekulanten schlägt.

Richard Powers, Die Wurzeln des Lebens, buchcover
Richard Powers: "Die Wurzeln des Lebens" Bildrechte: S. Fischer

Als die Hauptfiguren des Romans immer radikaler agieren, werden sie - zumindest aus der Perspektive des Staates - zu Schwerverbrechern. Mag sein, dass Powers hier ein wenig kitschig und allzu befangen im Freund-Feind-Schema denkt, aber genau dazu bekennt er sich auch: Für ihn sind Bäume sprechende, fühlende Wesen, und mit kapitalistischer Nüchternheit kann man eben gerade nicht erfassen, was uns hier verloren geht.

Powers verteidigt seine zu Straftätern gewordenen Romanfiguren und er bündelt seine Verteidigung in einer radikalen Denkfigur: Wer Forstmaschinen anzündet oder in die Luft sprengt, begeht Notwehr - denn der Wald ist ein lebendiges Wesen, das von anderen Wesen, von Menschen, angegriffen und sozusagen ermordet wird. Dem muss man sich entgegenstellen, auch wenn der Wald wohl gar nicht mehr zu retten ist: Ja, eigentlich können wir Menschen nur noch hoffen, dass der Wald einige von uns rettet, ihnen die Augen öffnet für das, was Leben einmal war und den Menschen überhaupt erst hervorgebracht hat!

Angaben zum Buch Richard Powers: "Die Wurzeln des Lebens"
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
624 Seiten, gebunden, 26 Euro
ISBN: 978-3-10-397372-3
S. Fischer Verlag

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 23. Oktober 2018 | 07:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2018, 04:00 Uhr

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