Neuer Roman "Jenseits der Erwartungen" Richard Russos Blick in die amerikanische Gegenwartsgesellschaft

Drei Freunde bewundern die faszinierende Jacy – doch diese verschwindet bei einem Inselausflug plötzlich. Hat einer der Freunde damit zu tun? Und wie verändert sich ihr Verhältnis zueinander dadurch? Der Autor Richard Russo führt die Freunde in seiner Geschichte Jahrzehnte später erneut auf der Insel zusammen. In ihren Biografien zeigt er auch Innenansichten der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft.

USA, Massachusetts, Marthas Vineyard.
Die Insel Martha's Vineyard wird zum Angelpunkt dieses Romans. Bildrechte: imago/UIG

Richard Russo, Jahrgang 1949, ist ein Meister darin, seine Romanfiguren mit ungelebten Sehnsüchten und nie verkrafteten Enttäuschungen zu konfrontieren. Sein neuer Roman "Jenseits der Erwartungen" führt im Spätsommer 2015 drei alte College-Freunde, die sich Jahre nicht gesehen haben, wieder zusammen: Mickey, ein urwüchsiger Mann, der seine Brötchen als Musiker und Toningenieur verdient, Teddy, ein auf spirituelle Literatur spezialisierter Kleinverleger und Lincoln, der als Immobilienmakler ein gutes Auskommen hat.

Treffpunkt Insel

Schauplatz ihres Treffens ist die noble, vor der Südküste von Cape Cod, Massachusetts, gelegene Insel Martha’s Vineyard. Kein Zufall ist es, dass die drei Männer, alle Mitte sechzig, dort zusammenkommen, denn zum einen besitzt Lincoln in einem der Inselörtchen ein Haus, und zum anderen hat sich auf Martha’s Vineyard vierundvierzig Jahre zuvor, am Memorial Day 1971, Entscheidendes zugetragen.

Martha’s Vineyard
Martha’s Vineyard gibt es wirklich, hier wurde unter anderem der Film "Der weiße Hai" gedreht. Bildrechte: imago/Danita Delimont

Kennengelernt haben sich die drei auf einem edlen College. Alsbald bildeten sie eine verschworene Gemeinschaft, überschattet nur vom bedrohlichen Vietnam-Krieg. Bei einer Einberufungslotterie, deren Ergebnis Vorentscheidungen darüber fällt, wer alsbald nach Asien als Soldat gehen muss, zieht Mickey das schlechteste Los und überlegt, ob er die Flucht nach Kanada ergreifen soll.

Mysteriöses Verschwinden

Trotz all diesem Schrecken sprühen die Freunde vor Lebenslust und sind gleichermaßen fasziniert von ihrer atemberaubenden, unkonventionellen Kommilitonin Jacy. Diese stammt aus reichem Haus, und obwohl sich alle drei Chancen ausrechnen, bei ihr zu landen, ist klar, dass sie "standesgemäß" heiraten wird.

Richard Russo, Jenseits der Erwartungen, Cover
Cover des Romans "Jenseits der Erwartungen" von Richard Russo Bildrechte: DuMont

Als sich eine solche Verbindung anbahnt, beschließt das Quartett, den Auftakt der Sommersaison 1971, den Memorial Day, auf Martha’s Vineyard zu verbringen und, ein letztes Mal womöglich, weder an Einberufungen noch an Vernunftehen zu denken.

Diese Tage enden jedoch ganz anders als geplant. Jacy macht sich, ohne von den Freunden Abschied zu nehmen, auf und davon – und ist von diesem Moment an spurlos verschwunden. Keiner von den dreien scheint zu wissen, was Jacy widerfahren ist. Und keinem gelingt es, die Erinnerung an diese ungewöhnliche Frau auszulöschen.

So macht Richard Russo aus diesem Verschwinden einen Kriminalfall, den keiner der Freunde zu den Akten legen will. Mit einem Mal ist das Feld für allerlei Spekulationen bereitet, und die Freunde beginnen einander zu misstrauen. Hat einer mit Jacys Untertauchen zu tun? Hat einer sie möglich getötet?

Spannender Originaltitel

Richard Russo, 2008
Der Schriftsteller Richard Russo 2008 Bildrechte: imago images / Leemage

"Jenseits der Erwartungen" zeigt Russo wieder einmal als versierten, dialogsicheren Autor, der drei Männer auf nur scheinbar sicherem Grund zeigt. Ganz nebenbei liefert Russo dabei Innenansichten der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft. Die Fragilität, die die Biografien mal stärker, mal schwächer prägt, ist die Fragilität eines zerrissenen Landes.

Im Original heißt der Roman "Chances are ...", eine Reminiszenz an Johnny Mathis’ gleichnamigen Song, der in den Fünfzigern ein Nummer-Eins-Hit war. "Chances are you believe the stars that fill the skies are in my eyes" heißt es da in einer Liedzeile und dieses "Gut möglich, dass ..." gilt auch für das Finale des Romans, das zumindest ein Hoffnungssignal sendet: Nicht alle Selbst- und Enttäuschungen, nicht alle (Lebens-)Lügen sind für immer und ewig unverrückbare Hindernisse. Die Chancen stehen nicht immer schlecht.

Angaben zum Buch Richard Russo: "Jenseits der Erwartungen"
Aus dem Englischen von Monika Köpfer
432 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-8321-8115-4
DuMont Verlag, Köln 2020

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Juli 2020 | 08:10 Uhr