Robert Harris
Der Bestseller-Autor Robert Harris Bildrechte: dpa

Dystopie Roman "Der zweite Schlaf" ist Robert Harris' Brexit-Kommentar

In seinem neuen Roman "Der zweite Schlaf" beschreibt der englische Bestseller-Autor Robert Harris eine post-apokalyptische Welt. 800 Jahre nach dem Untergang unserer Zivilisation herrschen in England Dumpfheit, Unterdrückung und Armut. Man kann das Buch als Kommentar auf die Verwundbarkeit unserer digitalisierten Welt, aber auch auf den zunehmenden Irrationalismus und Populismus in der politischen Kultur interpretieren, findet MDR KULTUR-Redakteur Stefan Nölke. Er hat mit Robert Harris auf der Frankfurter Buchmesse gesprochen.

von MDR KULTUR-Redakteur Stefan Nölke

Robert Harris
Der Bestseller-Autor Robert Harris Bildrechte: dpa

Die Leser von Robert Harris' Büchern sind Untergangszenarien gewohnt. In einem seiner ergreifendsten Romane hat er beschrieben, wie das antike Pompeji durch den Ausbruch des Vesuvs in Schutt und Asche gelegt wurde. Jahre später ging es in seiner Cicero-Trilogie um den Untergang der Römischen Republik. Und schließlich zeichnete Harris zuletzt in seinem Roman über die Konferenz von München im Jahre 1938 nach, wie das Ende des alten Europas eingeläutet wurde. Nun aber, im neuen, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse erschienenen Buch ist der Untergang der technischen Zivilisation bereits Geschichte.

Robert Harris: Der zweite Schlaf
Cover des neuen Robert Harris-Romans Bildrechte: Heyne

Genauer gesagt setzt die Erzählung im Jahre des Herrn 1468 ein. Dass sich diese Jahreszahl auf die Zeit nach der Apokalypse bezieht, bleibt dem Leser allerdings zunächst verborgen. Und so fühlt der sich zunächst an Umberto Ecos "Der Name der Rose" erinnert, als ein junger Priester, Christopher Fairfax mit Namen, in mittelalterlicher Zeit einem möglichen Mordfall auf die Spur kommt. Der mächtige Bischof von Exeter hat Fairfax in ein kleines Dorf im Westen Englands entsandt, um einen gewaltsam zu Tode gekommenen, älteren Priester zu beerdigen. Dessen Leidenschaft war es, in seiner Gegend nach archäologischen Artefakten zu suchen. Höhepunkt seiner Sammlung: Ein rätselhaftes, etwa sieben Zentimeter breites und 15 Zentimeter langes Fundstück, auf dem ein angeknabberter Apfel als Logo abgebildet ist. Spätestens an dieser Stelle wird dem Leser klar, dass es sich nicht um einen historischen Roman, sondern um Science Fiction handelt. Eine Welt allerdings, in der die Dunkelheit vergangener Jahrhunderte zurückgekehrt ist.

Dystopie als Brexit-Kommentar

"Die Grundidee des Romans, dass Menschen aus der Vergangenheit auf uns heute schauen, hatte ich bereits vor sechs oder sieben Jahren", erklärt Robert Harris im Gespräch mit MDR KULTUR, "aber erst seit dem Brexit-Referendum wurde mir klar, dass das Buch danach verlangte, geschrieben zu werden." Wie kann in einem so gebildeten Land wie England, so etwas Irrationales und Befremdliches geschehen? Das war die Ausgangsfrage des Bestseller-Autors, der bis heute auf ein zweites Referendum und den Verbleib seines Landes in der Europäischen Union hofft. Und wenn in dem Roman eine Welt beschrieben wird, in der in einer ärmlichen und entvölkerten Gegend die englische Sankt Georgs-Fahne weht, in der es keine Ausländer, wohl aber einen endlosen Krieg zwischen England und Frankreich gibt, dann darf der Leser dies durchaus als Kommentar zum Brexit interpretieren.

Seit dem Brexit-Referendum wurde mir klar, dass das Buch danach verlangte, geschrieben zu werden.

Robert Harris, Bestseller-Autor

Wie und woran ging die alte Welt, die doch so große Errungenschaften wie fliegende Maschinen hervorgebracht hatte, zugrunde? Dieser Frage gehen der junge Fairfax zusammen mit ihrer Ladyschaft Sarah Durston und ihrem Verehrer Captain Hancock auf die Spur. Wie immer bei Robert Harris ist die Story spannend und unterhaltsam. Aber eben auch mit einer deutlichen politischen Botschaft versehen: Tatsächlich scheiterte unsere Zivilisation im Jahre 2025 durch eine Art von Cyber-Attacke, in deren Folge die gesamte Versorgung zusammenbrach. Nichts funktionierte mehr: Kein Handel, kein Geld, keine Lebensmittel.

Verwundbarkeit einer digitalen Welt

"Ich glaube, es ist nicht die Rolle des Schriftstellers als öffentlicher Mahner aufzutreten", sagt Harris, "aber ich wollte mit dem Buch meine eigene Besorgnis ausdrücken. Im Laufe der letzten 20 Jahre wurde so viel von unserer Lebenswelt in die digitale Welt überführt. Unsere Bilder, unsere Korrespondenz, unsere Erinnerungen: Das alles erscheint nun verwundbar, wenn das Internet zusammenbrechen sollte. Und wir wissen ja, dass Staaten wie China, Russland und die USA an der Cyber-Kriegsführung arbeiten."

Und so habe ich mir eine Welt vorgestellt, in der das Internet zusammengebrochen ist, mit allen Konsequenzen, die damit verbunden sind.

Autor Robert Harris

Diese post-apokalyptische Welt verfällt in Harris' Roman, bildlich gesprochen, in einen "zweiten Schlaf", in der mit dem Ende der technischen Zivilisation auch die Errungenschaften der Aufklärung, wie Meinungsvielfalt und Wissenschaft untergegangen sind. Stattdessen wird die auf sechs Millionen Einwohner geschrumpfte Bevölkerung Englands von Kirche und König mit Fake-News gefüttert. Die Wahrheit über die Umstände der Katastrophe im Jahre 2025 darf nicht ans Licht kommen. Es sind die Ungeheuerlichkeiten unserer Gegenwart, die Robert Harris in seinem neuen Roman auf bissige Weise kommentiert. Es ist sein bislang zeitkritischstes Buch.

Womöglich wird eine TV-Serie folgen, denn ein großes Medienunternehmen habe bereits bei ihm angefragt, ob man die von ihm erschaffene Welt nicht weiter auserzählen sollte. Ein Ansinnen, dem der Autor sehr offen gegenübersteht. Die Geschichte weiter zu verfolgen, dürfte spannend werden, denn tatsächlich hat der Kampf um die Wahrheit in der Zukunft erst begonnen.

Angaben zum Buch Robert Harris: "Der zweite Schlaf"
Heyne Verlag, 2019
416 Seiten, 22,- Euro
ISBN: 978-3-453-27208-8

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Oktober 2019 | 06:30 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2019, 14:26 Uhr

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