Illustration aus einer Ausgabe des Romans "Robinson Crusoe" zeigt ein Segelschiff
Eine Illustration aus einer Ausgabe des Romans "Robinson Crusoe". Bildrechte: imago images / United Archives International

Vor 300 Jahren erschienen Neuübersetzung: Lohnt sich "Robinson Crusoe" heute noch?

Daniel Defoes "Robinson Crusoe" gilt als der Abenteuerroman schlechthin. Darin beschreibt er das Leben und die Abenteuer eines Seefahrers, der nach einem Schiffbruch 28 Jahre lang allein auf einer einsamen Insel vor der Küste Amerikas lebt. Die Geschichte des Schiffsbrüchigen war Steilvorlage für Filme wie "Cast Away" mit Tom Hanks oder auch die Serie "Lost". Doch zuletzt wurde dem Roman eine "rassistische Logik" vorgeworfen. Lohnt sich die Lektüre heutzutage noch?

von Rainer Moritz, MDR KULTUR-Literaturkritiker

Illustration aus einer Ausgabe des Romans "Robinson Crusoe" zeigt ein Segelschiff
Eine Illustration aus einer Ausgabe des Romans "Robinson Crusoe". Bildrechte: imago images / United Archives International

Wenigen Autoren nur gelingt es, mit ihren Werken selbst Mythen zu schaffen, Figuren zu erfinden, die ins kollektive Bewusstsein einziehen und noch Jahrhunderte später zu Fortführungen, Umschreibungen und Adaptionen aller Art inspirieren. Dem Engländer Daniel Defoe ist so ein Kunststück geglückt, mit seiner legendären Abenteuergeschichte "Robinson Crusoe", die er vor genau 300 Jahren als sein Romandebüt veröffentlichte. Dieses fand sofort eine breite Leserschaft, zumal Defoe geschickt mit einer Herausgeberfiktion spielte und so tat, als habe der Schiffbrüchige seinen Bericht selbst verfasst.

Die ersten deutschen Übersetzungen folgten umgehend. Was dem Bremer Kaufmannssohn Robinson Crusoe im Detail freilich alles widerfuhr, ist inzwischen fast in Vergessenheit geraten – überblendet von den zahlreichen Verfilmungen und den Jugendbuchversionen, die den Text einkürzten und auf seinen simplen Abenteuergehalt reduzierten. Nachdem auf dem deutschen Buchmarkt zuletzt vor allem die in die Jahre gekommenen Übersetzungen von Lore Krüger oder Franz Riederer zugänglich waren, legt der Mare Verlag mit Rudolf Masts Neuübertragung nun eine frische, wohltuend lesbare Fassung vor, die das Faszinierende des Defoe'chen Erzählens verdeutlicht.

Weniger Abenteuer als in Verfilmungen

Robinson Crusoe in der Illustration aus dem 19. Jahrhundert
Robinson Crusoe-Illustration aus dem 19. Jahrhundert Bildrechte: imago images / United Archives International

Mit knappen Kommentaren des Übersetzers und einem ebenfalls nicht sehr opulenten Nachwort von Günther Wessel versehen, eröffnet diese Fassung die Möglichkeit, das Raffinement des Textes genau zu studieren – und darüber zu staunen, dass sich das "Abenteuerhafte" dieser Ur-Robinsonade sehr in Grenzen hält. Denn nur zu Anfang, als Crusoe die Ratschläge seines Vaters missachtet und, anstatt ein ruhiges englisches Mittelklasseleben zu führen, sein Glück auf hoher See sucht, und am Ende, als er nach fünfunddreißig Jahren wieder in seine Heimat zurückkehrt und anschließend bei einer Pyrenäen-Überquerung mit Wölfen zu kämpfen hat, herrscht Hochspannung und dürfen die Leser um das Leben des Protagonisten zittern.

Robinson Crusoe von Daniel Defoe, übersetzt von Rudolf Mast
"Robinson Crusoe" von Daniel Defoe, neu übersetzt von Rudolf Mast, ist erschienen im Mare Verlag. Bildrechte: mareverlag

Dazwischen, als es Crusoe Mitte des 17. Jahrhunderts für achtundzwanzig lange Jahre auf eine menschenleere Karibikinsel verschlägt, erleben wir einen verzweifelten Mann, der sich früh an seinen britischen Ordnungssinn erinnert und versucht, seinem Leben eine heilsame Struktur zu verpassen. Drohenden Depressionen will er auf diese Weise Herr werden, und so ist Defoes in diesen Passagen betont langsam voranschreitendes Erzählen eine Spiegelung der Reglementierungen, die sich seine Hauptfigur auferlegt, ja auferlegen muss. Fünfzehn Jahre wird Crusoe Unterschlüpfe bauen, jagen und Ziegen züchten, bis es mit seiner vollständigen Einsamkeit ein Ende hat: Er findet Fußspuren von Kannibalen, die sich gelegentlich zu Gelagen auf der Insel treffen, und er nimmt jenen jungen "Wilden" zu sich, der ebenfalls in den Figurenschatz der Weltliteratur eingegangen ist: "Freitag".

Als Erstes erklärte ich ihm, dass er künftig Freitag heißen würde, weil ich ihm an diesem Tag das Leben gerettet habe, und in Erinnerung daran gab ich ihm diesen Namen.

aus "Robinson Crusoe", übersetzt von Rudolf Mast

Vorwurf der "rassistischen Logik"

Mit dem Untergebenen Freitag, der Crusoe als "Herr" anzureden hat, zeigt sich natürlich, dass der Autor Defoe seiner Zeit verhaftet ist. In dem Roman freilich, wie es die Bayreuther Anglistin Susan Arndt kürzlich tat, vor allem eine "rassistische Logik" und ein Sklavenhalterdenken zu sehen und sich darüber zu wundern, warum Defoe immer noch Leser finde, verkennt die zeitlosen Qualitäten dieses brillanten Buches. Denn Crusoes Überlebensgeschichte ist auch eine große Reflexion über Grundfragen menschlicher Existenz: über die Kluft von Natur und Zivilisation, über die Bedeutung von Geld und Besitz, über Gottes Wirken oder Nicht-Wirken und über den Umgang mit Einsamkeit. Das macht "Robinson Crusoe" auch nach 300 Jahren zu einer so anregenden Lektüre.

Angaben zum Buch: "Robinson Crusoe" von Daniel Defoe
(Originaltitel: "The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe")
Roman
Aus dem Englischen von Rudolf Mast
erschienen bei Mare (2019)
400 Seiten, gebunden im Schuber
ISBN: 978-3-86648-291-3

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Darstellung des Seemannes Robinson Crusoe, der in Daniel Defoes Roman 28 Jahre auf einer einsamen Insel verbringt. "Robinson Crusoe" ist ein Klassiker der Weltgeschichte. Bildrechte: IMAGO, KenxWelsh

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Mai 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2019, 04:00 Uhr

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