''Wolli'' spricht vor diesem Stripteaselokal auf der Reeperbahn in Hamburg-St. Pauli Leute an, um sie zu bewegen, sich hier eine ''Live-Show'' anzusehen (Aufnahme vom 27.1.1997).
Kiezfigur ''Wolli'' 1997 in Hamburg-St. Pauli Bildrechte: dpa

Buchkritik Rocko Schamonis neuer Roman: Kiez & Puff & Rock'n'Roll

Der Hamburger St. Pauli-Kiez war schon immer besonders. Das dachte sich wohl auch Rocko Schamoni und hat mit "Große Freiheit" einen Roman über die legendäre Kiezgröße "Wolli" geschrieben, der Camus las und Puff-Boss war. Auch erlebte der aus Sachsen stammende Wolfgang Köhler die Anfänge der Beatles in den Hamburger Clubs. Viel Stoff für eine spannende Geschichte.

von Gerrit Bartels, MDR KULTUR-Literaturkritiker

''Wolli'' spricht vor diesem Stripteaselokal auf der Reeperbahn in Hamburg-St. Pauli Leute an, um sie zu bewegen, sich hier eine ''Live-Show'' anzusehen (Aufnahme vom 27.1.1997).
Kiezfigur ''Wolli'' 1997 in Hamburg-St. Pauli Bildrechte: dpa

Der Titel "Große Freiheit" sagt es: Im weitesten geht es in Rocko Schamonis neuem Roman tatsächlich um die Große Freiheit, die Straße und das Rotlicht-Milieu in Hamburgs Stadtteil St. Pauli in den 60er-Jahren. Vor allem aber porträtiert Schamoni den Bordellbetreiber Wolfgang Köhler, genannt "Wolli", der als einer der legendärsten und außergewöhnlichsten Bordellbetreiber und Kiezgrößen gilt und vor zwei Jahren im Alter von 85 Jahren verstarb.

Dieser Köhler, das ist auch eine Art literarische Vorgeschichte, wurde schon Ende der 60er- bis Mitte der 70er-Jahre von dem Schriftsteller Hubert Fichte mehrmals interviewt, von 1969-1977. Daraus ist auch ein Buch entstanden, das "Wolli Indienfahrer" heißt und 1978 erschien. Darin antwortet Wolli, der eben auch mal in Indien war, auf die Frage, was er denn am liebsten machet: "Haschisch rauchen, Liebe machen und Musik hören".

Dieser Wolli Köhler war mehr als ein Puff-Boss (so bezeichnete er sich, immer im Abstand zu einem Zuhälter – und legte Wert darauf). Er hatte vielfältige Interessen wie Kunst und Literatur und war letztendlich auch ein Kind seiner Zeit, der Flower-Power-Zeit.

Aus sächsischer Provinz nach St. Pauli

Schamonis Roman beginnt damit, dass Köhler 1950 als Siebzehnjähriger von zu Hause abhaut. Zu Hause ist das sächsische Örtchen Waldheim, das nur dadurch bekannt ist, das es das größte Zuchthaus in Sachsen hat. Wolli schlägt sich dann zehn Jahre lang mit Jobs als KFZ-Mechaniker oder beim Zirkus durch, bis er 1960 nach Hamburg auf den Kiez kommt. Schamoni erwähnt dann auch gleich, dass Köhler in seiner Freizeit Camus und Genet liest, Marquis de Sade oder das kommunistische Manifest, letzteres angeblich drei Mal.

Ein Mann und eine Frau sitzen sich auf einer Bühne der Buchmesse gegenüber und führen ein Gespräch. 29 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Bildungsroman über Puffboss

Zu sehen ist: Ein Buchcover. Darauf steht mit Neonbuchstaben "Grosse Freiheit" . Darüber ist ein Mund mit rauchender Zigarette zwischen den Lippen abgebildet.
Rocko Schamoni: "Große Freiheit" Bildrechte: Carl Hanser Verlag

Schamonis Buch endet 1966, und zwar genau mit dem Angebot einer anderen Kiezgröße an ihn, zwei Etagen eines Bordellbetriebs zu mieten – und da beginnt eigentlich erst der eigentliche Aufstieg von Köhler als großer und außergewöhnlicher "Puffboss".

Schamoni konzentriert sich auf die Lehr- und Entwicklungsjahre Köhlers. Er erzählt einen Bildungsroman aus den Jahren 1960 und 1966. In diesen Jahren lernt Köhler sein Gewerbe von der Pieke auf, wie er sich im Milieu zu bewegen hat. Er arbeitet an den Theken bestimmter Etablissements, auch als sogenannter "Porter" und "Kieberer", das heißt, er spricht die Leute draußen an, damit sie hereinkommen. Er wird Geschäftsführer bestimmter Stripteaselokale. Und am Schluss ist er Filmvorführer und Sex-Kinobetreiber, da zeigt er in seiner sehr großen Wohnung Sex-Filme.

Die Beatles waren mit dabei

Köhler ist zwar die Hauptfigur dieses Romans – doch Schamoni geht es natürlich auch um das Milieu und die gesellschaftlichen Umstände, um den Trouble, den viele der Bar- und Clubbetreiber immer wieder mit dem Ordnungsamt und der Polizei haben, es sind die frühen sechziger Jahre!

Vor allem aber geht es Schamoni auch um den aufkommenden Rock’n‘Roll. Die Beatles, könnte man sagen, sind die zweite Hauptfigur dieses Romans. Ihr erster Auftritt in einem Striplokal geschieht im "Indra", dann in Läden wie dem "Kaiserkeller", dem "Top-Ten" und natürlich dem "Star-Club", wo sie mitunter 30, 40, 50 Abende hintereinander spielten. Wolli Köhler ist oft mit dabei, er beobachtet das Treiben und trifft auch die Beatles und ihre Freunde. Aber eben nicht nur auf die: auch Hubert Fichte ist dabei oder der Boxer Norbert Grupe, der tatsächlich mit Köhler befreundet war.

Ein Bild, das die Beatles bei ihrem ersten Auftritt im Club Indra in Hamburg zeigt.
Die Beatles bei ihrem ersten Auftritt im Club "Indra" in Hamburg. Bildrechte: dpa

Stoff für viele Romane

Dieser Roman beruht auf wahren Begebenheiten. Schamoni hat in den letzten Jahren viel mit Köhler und seiner Frau Linda gesprochen. "Große Freiheit" ist eine Mischung aus dokumentarischem Roman und erzählendem Sachbuch, übrigens durchweg im Präsens erzählt.

Vor allem die Dialoge und manche Begebenheiten in den Bars und Clubs dürften jedoch frei erfunden sein, Schamoni hat sich sicher seine Freiheiten genommen. Die stärksten Passagen sind die, in denen es in Wollis Inneres geht, in denen Schamoni seinen doch aufrechten Charakter beschreibt, seinen Freiheitsdrang, seine literarischen Vorlieben. Im Gefängnis liest er einmal Goethe, Brentano und Schiller.

In den Passagen über die Zeitläufte wird es manchmal floskelhaft, "da öffnen oder schließen sich die Pforten" eines Clubs, da ist vom "kometenhaften" Aufstieg der Beatles die Rede, "da nimmt das Schicksal seinen Lauf".

Ob Schamoni die Geschichte von Köhler weiter erzählt? In einem Interview sagte er, Wollis Lebensgeschichte ursprünglich bis 1982 nachzeichnen zu wollen, in Nullkommanix aber sei er beim Schreiben auf einer Buchlänge von 250 Seiten gewesen und erst im Jahr 1962. Er deutete dann an, eine Köhler-Reihe zu schreiben. Ein Scherz, klar, aber man kann davon ausgehen, dass es noch eine Fortsetzung gibt.

Angaben zum Buch Rocko Schamoni: "Große Freiheit"
288 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN 978-3-446-26256-0
E-Book ISBN 978-3-446-26316-1, 15,99 Euro
Hanserblau Verlag

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Februar 2019 | 12:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. Februar 2019, 04:00 Uhr

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