Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikredakteur
Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikredakteur Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

40 Jahre Rockpalast – eine persönliche Betrachtung "Der Rockpalast hat mich stärker geprägt als mein Studium"

Es gibt so manchen, der behauptet, dass sein Leben ohne den Rockpalast anders verlaufen wäre. Einer davon ist MDR KULTUR-Musikredakteur Stefan Maelck.

Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikredakteur
Stefan Maelck, MDR KULTUR-Moderator und Musikredakteur Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ich bin in einer kleinen Stadt im Nord-Osten aufgewachsen. Wismar liegt genau zwischen Rostock und Lübeck, Westfernsehen war dort kein Problem. Voraussetzung war eine große Antenne auf dem Dach und ein sogenannter Konverter, um die drei Westprogramme zu empfangen. Mein Vater hat unseren selbst gebaut. Und 299 weitere.

1974 war ich 10 - da bekamen wir unseren ersten Farbfernseher mit russischer Bildröhre. Die Farben waren so, als hätte man zu viel LSD genommen, aber es war bunter als schwarz-weiß. Den alten Stassfurt-schwarz-weiß-Fernseher bekam ich in mein Zimmer. Und auf diesem Gerät mit der Bildschirmgröße, die heute von jedem Tablet getoppt wird, sah ich vor allem das, was mich am meisten interessierte: Krimis, Western und Musiksendungen. Es gab "Beatclub", "Hitparade", "Disco mit Ilja Richter", "Rock/Pop" und etliche andere Formate.

"German Television proudly presents ..."

1977 entdeckte ich die Sendung, die für mich prägend werden sollte: Rockpalast Rocknacht - German Television proudly presents. "Liebe Freunde, heute bei uns zu Gast im Rockpalast: ...!" Das war die Begrüßung von Albrecht Metzger nach der Eurovisonshymne. Die erste Rocknacht gab es vom 23. auf den 24. Juli 1977 und der erste Musiker, der auftrat, hatte lange Haare, trug Jeans und ein kariertes Hemd und spielte scheinbar um sein Leben. Rory Gallagher, Ire, damals 29 Jahre alt, die Gitarre eine Stratocaster, die Stimme rau und gehetzt. Ich war elektrisiert. Später erfuhr ich, dass Cream, die Stones und Deep Purple versucht hatten, ihn als Gitarristen zu gewinnen. Vergeblich. Gallagher spielte nach seiner ersten erfolgreichen Band Taste bis zum Ende seines Lebens nur noch unter seinem Namen.

In dieser Nacht stand für mich fest: Sollte es weitere Rocknächte geben, wollte ich auf jeden Fall am Bildschirm sein. Es waren nicht nur die Konzerte, es waren auch die Interviews, die Alan Bangs, ein Brite, der in Westdeutschland lebte, mit den Musikern führte. Das schien mir das Paradies zu sein: Der Mann lebte davon, dass er super Konzerte präsentierte und mit den Musikern beim Bier nach den Auftritten reden konnte. So manches Interview ging auch schief. Daran erinnerte ich mich erst, als ich selbst schon beim Radio war und die Erfahrung machte: Immer besser vor dem Konzert das Interview machen, danach sind die meisten so auf Adrenalin, dass sie nur Blödsinn erzählen. Das taten sie bei Alan Bangs auch, aber er übersetzte dann einfach, was er alles wusste über die Band, auch wenn die Musiker das gar nicht erzählt hatten.

Durch den Rockpalast gleich mehrere Lieben fürs Leben gefunden

Auf jeden Fall war ich angefixt. Trotzdem verpasste ich die zweite Rocknacht, aus welchen Gründen auch immer, bei Nummer drei war ich wieder dabei – dort gab Peter Gabriel eines seiner ersten Solokonzerte, ich war Genesis-Fan, hatte Gabriels Ausstieg dort bedauert und war überrascht, wie sich seine Solosongs von dem Progressive Rock von Genesis unterschieden. Danach habe ich keine Rockpalast-Nacht verpasst. Und in jeder Rocknacht entdeckte ich mindestens einen Künstler, der bis heute für mich zum Kanon zählt: Patti Smith, The Police oder am 19. April 1980 die Musikerin Joan Armatrading.

Inzwischen las ich auch alles, was ich über Rockmusik lesen konnte, sprich vor allem Bücher aus dem Westen, die von Verwandten im kleinen Grenzverkehr mitgebracht wurden. Gerade hatte ich den Aufsatz "Frauen im Rock sind Frauen in Hosen" von Pike Biermann gelesen – worin es vor allem um Joan Armatrading ging. Dann kam die Frau in den Rockplast. Wieder eine Liebe fürs Leben. Später hatte ich die Chance, Joan Armatrading selbst zu interviewen, zuletzt auf ihrer Abschiedstour von großen Bühnen.

Die wichtigste Rocknacht für mich fand am 3. April 1982 statt. Dort sah ich einen kleinen rundlichen Iren, den ich zwar schon im Film "The Band –The Last Waltz" wahrgenommen hatte, der aber ob der Fülle der Stars im Band-Abschiedskonzert, für mich etwas untergegangen war: die Rede ist vom Belfast Cowboy – Van "the Man" Morrison. Solche Musik hatte ich noch nie gehört. Van präsentierte sein damals brandneues Album "Beautiful Vision". Keltische Hymnen, die mich voll erwischten. Caledonion Soul, so erfuhr ich später, nannte Van Morrison das. Keine Musik hat es mir bis heute so angetan wie die von Van "the Man".

Der Rockpalast zieht sich durch mein Leben

Sänger Van Morrison (George Ivan)
Sänger Van Morrison (George Ivan) Bildrechte: IMAGO

Als ich meinen Grundwehrdienst bei der nationalen Volksarmee leistete, kauften meine Eltern mir das Album "Beautiful Vision" im Intershop. Inzwischen habe ich Van Morrison 60 mal Live gesehen. Zum Glück lebt er noch. Am 14. Juni 1995, dem Tag als die Todesnachricht Rory Gallaghers kam - ich war inzwischen bei MDR Sputnik - telefonierte ich in der Sendung "Rock it!" mit eben jenem Alan Bangs, der mit Gallagher gut befreundet gewesen war.

Der Rockpalast zieht sich durch mein Leben. Er hat mich stärker beeinflusst als Abitur und Hochschulstudium. Rocknächte fanden ab 1979 für mich nicht mehr allein vor dem Fernsehgerät statt, sondern mit Freunden. Rocknächte waren Partynächte. Oft wurde auch vorgefeiert. Peter Rüchel, der Erfinder des Rockpalasts, erzählte mir 2009, auf welchen Rockpalast er am meisten stolz war: 28. März 1981 – Rocknacht mit The Who und Grateful Dead. Für mich der einzige Rockpalast, von dem ich aufgrund zu heftigen Vorfeierns wenig mitbekommen habe. Die Bedeutung von The Who erschloss sich mir erst später und für Grateful Dead hatten wir einfach nicht die richtigen Drogen in der DDR. Wir feierten diese Nacht bei meinem Freund Fredi, der heute in seiner Freizeit Sänger und Gitarrist einer Tom Waits-Coverband ist. Immer wenn ich mal aufwachte, hatte ich das Gefühl, Grateful Dead würden immer noch denselben Song spielen. Wahrscheinlich taten sie das auch. Das habe ich natürlich Peter Rüchel nie erzählt.

Über dieses Thema berichtet MDR KULTUR auch im: Radio | 14.07.2017, 18:05 Uhr | 14.07. 20:00 - 15.07.2017 06:00 Uhr
Fernsehen "artour" | 13.07.2017 | 22:05 Uhr

Mehr zum "Rockpalast"

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Juli 2017 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. Februar 2019, 19:02 Uhr

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