Selbstporträt
Ein Selbstporträt von Roger Melis Bildrechte: Roger Melis

Porträt Wie Roger Melis zum Chronisten der Ostdeutschen wurde

Der Fotograf Roger Melis hat es geschafft, das Innerste der Menschen in seinen Bildern einzufangen. Er porträtierte Literaten, den Alltag in der DDR und fotografierte für Modezeitschriften. Seine Bilder sind besondere Zeitdokumente geworden. Am 20. Oktober wäre Melis 79 Jahre alt geworden.

von Pamela Meyer-Arndt, MDR KULTUR

Selbstporträt
Ein Selbstporträt von Roger Melis Bildrechte: Roger Melis

Einer mit zwei Augen, die genau hinsehen. Davor ein gläsernes Auge, mit dem er die Realität auf Zelluloid bannt. Der Fotograf Roger Melis hat einen nüchternen Blick auf die Wirklichkeit. Seine Fotografie soll frei und unabhängig von Ideologie und Zensur sein. Was im Lande nicht gezeigt wird, möchte er ans Licht holen. Ab Mitte der 60er-Jahre fotografiert Roger Melis eine Welt, die es 25 Jahre später nicht mehr geben wird.

Ein Fotograf ist wie ein Literat. Er soll mit seinen Bildern Geschichten erzählen, er soll sich mit der Wirklichkeit auseinandersetzen. Und eine Position beziehen. Also, ich bin ein politischer Mensch.

Roger Melis, Fotograf

Der junge Roger als stiller Beobachter

1940 wird Roger Melis in Berlin geboren. Sein leiblicher Vater verlässt die Familie früh. Als Roger acht Jahre alt ist, wird der berühmte Dichter Peter Huchel zu seinem Stiefvater. Die neue Familie zieht nach Wilhelmshorst in der Nähe von Potsdam. Als Chefredakteur der Literaturzeitschrift "Sinn und Form" ist Huchel in der DDR eine öffentliche Person. Man spricht über ihn und sein Werk. Zuhause bekommt der heranwachsende Roger die hitzigen Diskussionen der Dichter und Schriftsteller über die DDR-Kulturpolitik zu hören. Um ihn und seine Bedürfnisse kümmert man sich wenig. Er wird zu einem stillen Beobachter.

Der Weltentdecker hinter der Mauer

Roger Melis träumt von einer Karriere als Kameramann. Dazu muss er zuerst mal das Fotografenhandwerk lernen. In einem Potsdamer Porträtstudio beginnt er 1958 eine Lehre. Am liebsten würde der junge Melis nach seiner Gesellenprüfung die Welt bereisen. Noch sind die Grenzen offen. Der fertige Fotograf heuert 1960 als Schiffsjunge bei der DDR-Fischereiflotte an und kommt immerhin bis nach Grönland.

Eigentlich gibt es in der Fotografie nichts, was nicht schon da gewesen ist. Deshalb könnte man eigentlich den Beruf aufgeben. Auf der anderen Seite halte ich natürlich den Fotografenberuf für einen der schönsten Berufe, die es überhaupt gibt.

Roger Melis

Als Melis 1961 nach Berlin zurückkehrt, wird gerade die Mauer gebaut. Er plant seine Flucht in den Westen, doch seine Eltern halten ihn zurück – aus Angst vor Repressalien. Auf der Suche nach finanzieller Unabhängigkeit findet er eine Stelle als wissenschaftlicher Fotograf an der Berliner Universitätsklinik. Abends entwickelt er im Fotolabor der Charité seine eigenen Fotos.

Anfang der 60er bereist Melis den Kaukasus. In organisierten Gruppen sind Reisen in die Sowjetunion möglich. Eine erste große Fotoserie entsteht. Ungeschönt zeigt er den Alltag der Menschen.

Von der Charité zum Literatur-Porträt-Fotografen des Ostens

Ein Schwarz-Weiß-Bild des Fotografen Roger Melis, das die Lyrikerin Sarah Kirsch zeigt.
Roger Melis' Porträt der Lyrikerin Sarah Kirsch Bildrechte: Dehli News

Klaus Völker lernt den jungen Roger Melis im Hause Huchel kennen. Der Publizist wohnt in West-Berlin und pendelt dreimal in der Woche in den Osten, ein Wanderer zwischen den Welten. Er bringt Melis auf die Idee, Schriftsteller zu porträtieren.

1962 sind die kulturellen Grenzen des sozialistischen Staates zwar eng gesteckt, aber noch nicht ganz verschlossen. Klaus Völker setzt sich beim Schriftstellerverband für Melis ein, und der bekommt die Genehmigung in den Westen zu reisen. In der DDR wiederum erscheinen seine Schriftstellerporträts in den Tageszeitungen und werden hier zu Sinnbildern des freien Geists der Literatur.

Die Fotos von Müller, von Christa Wolf, von Volker Braun – das mit der Maske, wo Volker Braun die eigene Maske ansieht – das sind gewissermaßen Botschaften. Das sind Zeichen von Menschen, die auch Identifikationsfiguren für uns gewesen sind.

Literaturwissenschaftler Erdmut Wizisla

Roger Melis über das Offenlegen von Persönlichkeiten im Porträt

"Das sind Menschen, die mir eine Zeitlang ein Theater vorspielen. Ich muss das jetzt so ganz pauschal sagen, nicht auf prominente Persönlichkeiten bezogen, da spielt mir am Anfang jemand etwas vor wie er gerne sein möchte. Ein Rollenspiel. Er fällt in ein Rollenspiel. Nach ganz kurzer Zeit hört er auf die Rolle zu spielen. Es findet ein Gespräch, das glaube ich ist ganz wichtig, zwischen dem Fotografen und der abzubilden Personen statt. Und das lässt ein menschliches Interesse entstehen. Also eine Aufgeschlossenheit, und wenn man dann den Fotoapparat hoch nimmt, dann liegt die Person eigentlich völlig offen. Man braucht sie nur einzufangen. Ich habe jetzt in der letzten Zeit so eine Beobachtung gemacht, also wenn ich über den Zeitraum von zwei Stunden jemanden fotografiere, dann ist das am Anfang von einer ungeheuren Mobilität und bis wieder zu dem Punkt des Belästigt-Seins, des Müde-Seins des Sich-Zur-Schau-Stellens, zwischen diesem Gespielten und der Müdigkeit gibt es den Punkt der Möglichkeit der gradlinigen Annäherung."

Von Mode- und verbotenen Alben-Coverfotos

In einer Nacht im Jahr 1968 lernt Roger Melis eine junge Frau kennen. Dorothea Bertram ist Redakteurin bei der Modezeitschrift "Sibylle" und sucht nach neuen Fotografen. Er zeigt ihr seine Kaukasus-Serie und trifft damit den Nerv der jungen Frau – sie verliebt sich, zunächst in die Bilder, dann in den Fotografen. Dorothea Bertram bringt ihren Sohn Mathias mit in die Beziehung.

Er war sofort der Meinung, dass wir eine richtige Familie bilden müssten und er nahm sofort und ganz umstandslos die vakante Vaterrolle ein.

Mathias Bertram

Die Familie wohnt nahezu Tür an Tür mit Wolf Biermann. So entstehen seine berühmten Coverfotos.

Das ist ja überhaupt seine, aus meiner Sicht, vielleicht seine wichtigste Heldentat in dieser Zeit. Denn ich war ja verboten. Und die Platte erschien ja im Westen beim Klassenfeind.

Wolf Biermann, Liedermacher und Lyriker

Arbeit unter der Willkür der SED-Kulturbürokraten

1982 fotografiert Roger Melis das Waldsterben im Erzgebirge für die GEO. Die Texte dazu stammen von Erich Loest, der inzwischen im Westen lebt. Roger Melis erwartet eigentlich keine Probleme, als er zu seiner Redaktion beim Berliner Verlag kommt – "kein Auftrag mehr", heißt es von der Chefredaktion. Wegen seiner Zusammenarbeit mit dem "konterrevolutionären" Erich Loest bekommt er bis 1989 keine Aufträge mehr vom Berliner Verlag.

Roger Melis ist als Fotograf – wie alle Künstler – der Willkür der SED-Kulturbürokraten ausgesetzt. Wann etwas verboten oder gestattet wird, ist nicht vorhersehbar. Zwar darf er ab 1982 nicht mehr für den Berliner Verlag arbeiten, andererseits genehmigt man ihm noch im selben Jahr eine Paris-Reise über den "Verband Bildender Künstler".

Einen Monat fotografiert er dort fieberhaft und es gelingt ihm, den lebendigen Alltag in der französischen Hauptstadt einzufangen. Die Fotos werden in dem Bildband "Paris zu Fuß" veröffentlicht – in der DDR ein Verkaufsschlager. Die Menschen im sozialistischen Einheitsstaat hungern nach realen Eindrücken ihrer Sehnsuchtsorte im Westen.

In den letzten Jahren der DDR fotografiert Roger Melis immer wieder junge Leute und rückt ab von der für ihn so typischen Nüchternheit der Darstellung. Ja, es darf auch posiert werden. Der Freiheitsgeist der Jugend wirkt ansteckend.

Chronist mit Kamera

Dann fällt die Mauer. Mit dem Zusammenbruch des SED-Staats brechen die Auftraggeber weg und damit auch die Einnahmen. In der DDR hatte Melis es sich zur Aufgabe gemacht zu zeigen, was nicht offiziell war. Plötzlich ist alles erlaubt und alles kann fotografiert werden.

Kalanderfahrer
Roger Melis fotografierte auch den Alltag in DDR-Betrieben. Bildrechte: Roger Melis

Dass sich jemand in den 2000er-Jahren für seine Bilder vom Alltag in der DDR interessieren würde, kann sich der Fotograf kaum vorstellen. 2007 bringen Roger Melis und Matthias Bertram den Fotoband "In einem stillen Land" heraus. Das Buch wird ein Überraschungserfolg, die erste kleine Auflage ist sofort vergriffen, es gibt Anfragen für Ausstellungen und Interviews. Roger Melis steht plötzlich in der Öffentlichkeit – und ist verblüfft.

2009 stirbt Roger Melis nach einer schweren Krebserkrankung. Zehn Jahre später findet in Berlin eine große Retrospektive statt. Gleichzeitig erscheint der Fotoband "Die Ostdeutschen".

Da bin ich an der Stelle, was ja immer die edelste Passion eines Fotografen sein müsste, Chronist seiner Zeit zu sein, und dann war ich eben ein Chronist von 1960 an.

Roger Melis

Freiheit 89 – 30 Jahre Friedliche Revolution

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Lebensläufe | 17. Oktober 2019 | 23:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 17. Oktober 2019, 04:00 Uhr

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