Hände von Richard Strauss
Die Totenhände des Komponisten Richard Strauss Bildrechte: dpa

Buchvorstellung: "So sterben wir" Was passiert vor dem Tod mit Körper und Geist?

Dass wir Sterben werden, ist eine der wenigen Gewissheiten, die wir haben. Doch der Tod wird häufig ausgeblendet. Der Journalist Roland Schulz hat für sein Buch "So sterben wir" akribisch recherchiert, was in der Zeit vor dem Tod mit Körper und Geist passiert. Dabei schreibt er schonungslos und spricht den Leser ganz direkt an: "Es ist DEIN letzter Atemzug". Das ist hart - und wichtig zugleich.

Hände von Richard Strauss
Die Totenhände des Komponisten Richard Strauss Bildrechte: dpa
Roland Schulz im Gespräch zu seinem Buch "So sterben wir":

MDR KULTUR: Sie schreiben im Nachwort ihres Buches "So sterben wir", Sie hätten die zwei Stockwerke der Bibliothek der medizinischen Fakultät München nach Informationen über das Sterben durchforstet und ganze neun Seiten in einem Lehrbuch für Palliativmediziner gefunden. Wen haben Sie dann für Ihre Recherchen befragt?

Aus diesem Wrack haben zwei Ersthelfer einen Autofahrer gerettet.
Vom Tod sind wir täglich nur eine Unachtsamkeit entfernt Bildrechte: MDR THÜRINGEN

Roland Schulz: Ich habe angefangen, Ärzten Fragen zu stellen, dann Pflegern, dann war ich in Hospizen. Und Schritt für Schritt versuchte ich, mich dem Sterben anzunähern. Und das war gleichzeitig aber auch ein bisschen ein Zurücktreten. Denn ein Arzt begreift unter Umständen Ihr Sterben als wirklich sprichwörtlich "die letzten Tage" oder "die letzten Stunden". Wenn er aber dann zum Beispiel einen Totenschein ausfüllt, dann wird er da Ihr Grundleiden darauf vermerken, also jene Krankheit, die vor Jahren begonnen hat und die dann zu Ihrem Tod geführt hat. Und aus Sicht des Statistikers beginnt Sterben schon dann, mit diesem Grundleiden. Und so habe ich gemerkt, dass es verschiedene Sichtweisen auf diesen Prozess des Sterbens gibt.

Das heißt, man kann gar keine richtige Definition finden. Alle reden mehr oder weniger über dasselbe und zugleich über etwas anderes, wenn sie über das Sterben reden.

Krebspatient im Palliativzentrum der Uniklinik Koeln
Krebspatient im Palliativzentrum der Uniklinik Köln Bildrechte: IMAGO

Also man kann natürlich schon eine Definition finden. Aber wenn die Frage zum Beispiel ist, wann beginnt denn das Sterben, dann lautet die Antwort: kommt darauf an, wen Sie fragen. Einen Arzt, einen Statistiker oder vielleicht einen Soziologen, der dann sagen würde: naja, es gibt auch so etwas wie einen sozialen Tod, nämlich schon lange vor dem Körperlichen. Wenn du nicht mehr in der Lage bist, deine Arbeit auszuführen. Wenn du nicht mehr in der Lage bist, die Rollen auszufüllen, die du im Leben ausfüllst. Sei es, dass du eben der Vater warst, der sich immer gekümmert hat, die Mutter, die sich um die Familie gekümmert hat. Das ist ja alles nicht mehr möglich. Und da ist sozusagen der soziale Tod vor dem Tod, den jetzt ein Arzt so nennen würde, das ist sozusagen eine andere Sphäre. Und das fand ich sehr, sehr spannend, diese Sphären und diese verschiedenen Sichtweisen kennenzulernen.

Das heißt, es geht nicht nur um die letzten Atemzüge eines Menschen und sein letztes bewusstes Wahrnehmen der Umgebung, das Ende von Herzschlag und Gehirntätigkeit in Ihrem Buch, sondern um das Sterben als Prozess?

Genau, das Sterben als Prozess. Das beginnt an jenem Tag, wenn dir eröffnet wird, dass deine Krankheit so schwer ist, dass das nicht gut ausgehen wird und bis hin dann zum Zeitpunkt des Todes, der ja auch nicht so ganz hundertprozentig festzunageln ist. Es wird in den Leichenschauscheinen dann eine konkrete Uhrzeit auf die Minute genau verzeichnet werden. Aber ein Leichenbeschauer, der den Tod sicher feststellt, der wird sagen, ihr Angehöriger ist gestorben, ja, im Menschensinn, aber um aus Ärztesicht sicher feststellen zu können, dass derjenige tot ist, muss ich erstmal drei, vier Stunden warten, bis sich die sicheren Todeszeichen zeigen.

Sie bleiben mit ihrem Buch ja nicht im Allgemeinen. Es heißt nicht "Wenn man stirbt" oder "Wenn einer stirbt". Sie sprechen den Leser mit "Du wirst …" oder "So wird es Dir gehen", also ganz direkt an und halten es nicht allgemein. Warum haben Sie das so direkt gemacht?

Am Anfang meiner Beschäftigung mit Sterben und Tod bin ich ins Archiv gegangen, um einfach zu gucken, was es denn für journalistische Geschichten darüber gibt. Und da gibt es schon einige, die sich meistens, fast ausschließlich um konkrete Fälle drehen. Diese Geschichten habe ich gelesen und war berührt. Das war traurig. Aber in dem Moment, wenn ich aufgehört habe zu lesen, hatte ich das Gefühl, da setzt so eine Art von gnadenloser Reflex ein. Nämlich dieses: "Ach, na bin ja nicht ich. Geht mich ja nichts an."

Roland Schulz, So sterben wir, Buchcover
Roland Schulz: "So sterben wir. Unser Ende und was wir darüber wissen sollten"
240 Seiten, gebunden, 20 Euro
ISBN: 978-3492055680
Piper Verlag
Bildrechte: Piper Verlag

Die Wahrheit ist aber: Doch! Ich bin das. Ich werde sterben. Ich weiß nicht, was in einer Woche ist, in einem Monat oder in einem Jahr. Die einzige Gewissheit, die ganz sicher ist, ist: Ich werde sterben.

Und meine Überlegung war dann, im Schreiben dieses Buches, wie schaffe ich es, diese Hürde, diesen Reflex ein bisschen zu überlisten. Und meine Lösung war dann, ich spreche dich direkt an und sage: DU bist es! Es ist DEIN letzter Atemzug. Es ist DEIN Körper, den der Leichenbeschauer dann untersuchen wird. Es ist DEIN Leib, den die Bestatter in den Sarg betten. Es ist DEIN Körper, der ins Muffelgewölbe einfährt im Krematorium. Es ist DEIN Haar, was da verbrennt. Um deutlich zu machen, es geht um DICH.

Das Interview führte Stefan Maelck für MDR KULTUR

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. November 2018 | 18:10 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 26. November 2018, 15:24 Uhr

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