Mick Jagger, Bill Wyman, Bill Wyman und Keith Richards und das neue Bandmitglied Mick Taylor
Vom Blues beeinflusst: The Rolling Stones Bildrechte: dpa

Kompilation mit Blues-Klassikern "Confessin' the Blues": Die Lieblingssongs der Rolling Stones

Wie kaum eine andere Rockband haben sich die Rolling Stones immer zum Blues bekannt. Schon der Bandname geht auf einen Songtitel des großen Bluesmusikers Muddy Waters zurück. Und der Legende nach haben sich Mick und Keith das erste Mal überhaupt gesprochen, weil der eine wartend am Bahnsteig eine Bluesplatte unterm Arm hatte. Auch das letzte Album "Blue and lonesome" ist ein Bekenntnis zu ihren musikalischen Wurzeln. Jetzt haben die Stones mit Originalaufnahmen von Bluessongs ihre eigene Geschichte auf einer Doppel-CD versammelt. MDR KULTUR-Musikredakteur Jan Kubon stellt "Confessin the Blues" im Gespräch vor.

Mick Jagger, Bill Wyman, Bill Wyman und Keith Richards und das neue Bandmitglied Mick Taylor
Vom Blues beeinflusst: The Rolling Stones Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Taugt das Doppelalbum "Confessin the Blues" als Basislexikon in Sachen Blues?

Jan Kubon: Wozu es allemal taugt: Es macht allen Menschen, die sich mit  Blues bisher noch nicht so beschäftigt haben, einen Kosmos auf. Der reicht vom elektrischen Blues eines Muddy Waters oder Bo Diddley über Countryblues, Deltablues und Folkblues von Mississippi Fred McDowell, Robert Johnson oder Little Walter an der Bluesharp – der mit seinen unglaublichen Fähigkeiten für Jagger sicher einer der größten Einflüsse war – bis hin zum Piano Boogie von Big Maceo. Man taucht also förmlich in ein Universum ein, das noch ganz viele unentdeckte Flecken hat, auch wissenschaftlich gibt es gerade beim Blues noch irrsinnig viel zu erforschen. Jack White zum Beispiel hat gerade mit seinem Projekt "American epic" einen wichtigen Beitrag geleistet: ein opulentes Konvolut an historischen Fieldrecordings, das mittlerweile  in einem Atemzug genannt wird mit den Arbeiten von WC Handy und Allan Lomax, den beiden großen Musikethnologen auf dem amerikanischen Kontinent. Soweit geht es allerdings bei dieser Stones-CD nicht.

Aber wenn die Stones so eine CD zusammenstellen, was sagt das über ihre eigene Geschichte?

Das genau ist der Punkt. "Love in Vain"  von Robert Johnson ist zum Beispiel ein Titel auf der CD, der später zum Stones-Klassiker wurde. Von solchen Verbindungen lassen sich anhand der CD einige herstellen. Dort findet sich beispielsweise "Little Queenie" von Chuck Berry, das war mal eine Single-B-Seite, "Dust my Broom" von Elmore James ist ein Klassiker von Jaggers Soloshows, "I gotta go" von Little Walter ist auf der "Blue and Lonesome" drauf, "Crawdad" von Bo Diddley war seit 1965 immer ein Liveklassiker der Band. Die Kompilation ist also eigentlich die Playlist der Lieblingsklassiker der Stones, aber auch der Titel, an denen sie als Musiker gereift sind.

Wie meinen Sie das?

Es gibt ein sehr schönes Keith Richards Zitat über den Blues, das in etwa so geht:

Der Blues ist alles. Wenn du anfängst Gitarre zu spielen und nicht weißt, was Blues bedeutet, kannst du es vergessen. Du wirst niemals richtig Rock’n‘Roll spielen, wenn du nichts über den Blues weißt.

Keith Richards
Keith Richards von den Rolling Stones
Keith Richards Bildrechte: imago/Future Image

Und das meinten die Stones auch wirklich ernst. Alte Bluesplatten zu hören – Big Bill Bronze, Sonny Terry, Brownie McGhee und solche Sachen – und diese Songs dann auch zu lernen war für sie essentiell, egal ob man sie live spielte oder nicht. Neben dem Schreiben von Songs und der Entwicklung eines Images  war das Studium des Blues eine große, wichtige Sache für die Band.

"Confessin' the blues“, die Doppel-CD mit alten Bluesklassikern zusammengestellt von den Stones, ergibt also Sinn als Eingangspforte in den Blues und ist ein klingendes Geschichtsbuch der Stones-Genese. Ist sie denn auch als audiophiles und haptisches  Schmuckstück geeignet?

Confessin the Blues (Various Artists, Rolling Stones)
Albumcover "Confessin the Blues" Bildrechte: BMG

Ja, ganz klar, die Aufnahmen klingen sehr gut. Gerade bei historischen Aufnahmen, bei denen einige aus den dreißiger Jahren und dann wieder andere aus den Neunzigern sind, ist es schwierig, dass alles auf ein Lautstärke-Level zusammenzubringen. Auch von der gefühlten Lautstärke, denn der Blues von Big Bill Broonzy nur mit Waschbrett, Harp und Akustikgitarre klingt in der Breite anders als zum Beispiel Slim Harpos "King Bee", das mit voller Band aufgenommen wurde. Da hat das Mastering-Team ganze Arbeit geleistet. Haptisch ist es eine schöne Doppel-CD mit einem dicken Booklet, in dem Kurzbiografien der einzelnen Musiker abgedruckt sind. Gleich auf der ersten Innenseite prangt ein großes Foto vom Bluesvater und dem ersten wissenschaftlichen Erforscher und Sammler des Blues, WC Handy. Sehr zu loben ist der kurze Abriss zum Blues auf den ersten acht Seiten des Booklets, auf denen man viel lernt über den ersten Bluesboom in den 20er-Jahren, über die Benennung des Blues als Race Music, die noch bis in die 50er-Jahre Bestand hatte, und darüber, wie der Blues sein zweites Revival in den Sechzigern hatte und Bands wie Cannes Heat oder die Stones nicht nur beeinflusst, sondern tatsächlich auch geprägt hat. Das ist lebhaft erzählte Popgeschichte, zu der man dringend auch die CD hören sollte.

Also ist "Confessin' the Blues" nicht nur für Bluesliebhaber eine lohnende Anschaffung, sondern auch für Freunde historischer Aufnahmen aus den Anfangstagen der Populärmusik?

Absolut. Und man tut auch etwas Gutes mit dem Kauf der CD. Ein Teil der Erlöse geht an die Willie Dixon´s Heaven Blues Foundation.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. November 2018 | 17:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 16. Dezember 2018, 15:24 Uhr

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