Neuer Roman von David Schalko Aufstieg und Fall der mafiösen Wiener Unterwelt

David Schalko ist in seiner österreichischen Heimat nicht nur als Autor bekannt, er steht als bekannter Fernsehmacher auch für schwarzhumorige Fernsehsendungen wie "Sendung ohne Namen", für Kinofilme wie den Pathologen-Zweiteiler "Aufschneider" mit Josef Hader und giftige Kult-Serien wie "Braunschlag" oder "Altes Geld". Nun ist sein vierter Roman "Schwere Knochen" erschienen, eine Abrechnung u. a. mit dem österreichischen Selbstbetrug, das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen zu sein. Schalko betrachtet die Geschichte seines Landes dabei aus Ganovensicht.

von Andrea Gerk, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

"Schwere Knochen" ist eine Art Sittengemälde der österreichischen Nachkriegszeit - und damit auch die Vorgeschichte der verkommenen Gesellschaft, die David Schalko so böse wie amüsant in seinen Fernsehserien vorführt.

David Schalko
Nicht nur Autor: David Schalko hatte auch die Idee zu der populären Late-Night-Show "Willkommen Österreich" Bildrechte: IMAGO

Er knüpft mit diesem Buch direkt an seine Serien "Braunschlag" und "Altes Geld" an und schließt seine sogenannte "Trilogie der Gier und Korruption" ab. "Braunschlag" war eine fiese Provinzposse, in der eine klamme Gemeinde als Ufo-Landeplatz mit gefälschten Marien-Erscheinungen vermarktet werden soll. In "Altes Geld" ging es um einen perversen Geld-Adels-Clan.

Im aktuellen Buch widmet sich Schalko der Vorgeschichte um eine Bande von Nachkriegs-Kriminellen, die es zum Teil tatsächlich gab und wofür Schalko den Stoff wohl seit zehn Jahren recherchierte und eigentlich verfilmen wollte, das Projekt aber als unbezahlbar verworfen hat.

Der Roman zeigt den Autor in Höchstform - hintersinnig, präzise und genau und sehr originell.

Andrea Gerk, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Als Kleinganoven ins KZ

Alles beginnt am Tag des Anschlusses Österreichs, dem 15. März 1938, als Hundertausende auf dem Heldenplatz dem Führer zujubelten und eine jugendliche Bande Kleinkrimineller die Gunst der Stunde nutzt, um die Wohnung des verhassten Nazi-Huber auszuräumen.

Adolf Hitler 1938 in Wien
Adolf Hitler 1938 in Wien Bildrechte: dpa

Aber der Krutzler, der Sikora, der Praschak und der Wesseley werden erwischt und wandern ins KZ-Dachau - wo sie erst zu richtigen Verbrechern werden, denn sie werden zu Kapos, Handlangern der KZ-Aufseher, entwickeln diamente Härte und Brutalität und unauflösliche Seilschaften. Dort war "genaugenommen das spätere Österreich entstanden", heißt es einmal böse.

Nach dem Krieg kommen die Kriminellen zurück nach Wien und teilen die Stadt wie die Alliierten unter sich auf. Dabei bekommen sie es aber nicht nur mit den falschen Frauen zu tun (jedem wird eigentlich eine zum Verhängnis), sondern auch noch mit einem Polizeichef, der nicht mehr mit ihnen, der "Erdberger Spedition", zusammenarbeitet, sondern mit den Jugoslawen.

Der sympathische Mörder

Die Geschichte ist ein Unterwelts-Epos, der im Kriminalmilieu spielt, aber zugleich ein historischer Roman ist. Es geht um Kleinganoven, die ins KZ hineingehen und als Schwerverbrecher rauskommen und es geht um Aufstieg und Fall einer mafiösen Verbindung.

Buch David Schalko: Schwere Knochen
David Schalkos "Schwere Knochen" ist 576 Seiten stark Bildrechte: Kiepenheuer & Witsch

Schalko findet dabei, ganz wie in seinen Filmen, seinen typischen schwarzhumorigen Ton. Der ganze Text ist in Legendenform geschrieben und hat vom Tonfall her etwas Raunendes - als ob jemand vor 30 Jahren dabei war und jetzt, vielleicht schon etwas angetrunken, im weinseligen Vertrauen diese unglaubliche Geschichte mit diesen schrägen Typen erzählt.

Die vier Ganoven sind großartige literarische Figuren: Allein die Hauptfigur, Ferdinand Krutzler, gab es so in etwa wohl tatsächlich in der Unterwelt des Nachkriegs-Wiens, da hieß er "Notwehr-Christer", ein Ungetüm von Mann, der elfmal wegen angeblicher Notwehr freigesprochen worden war. Der Krutzler ist zwar ein Mörder, aber durchaus sympathischer Typ, der bei aller Brutalität einen Moralkodex hat, der die Nazis hasst wie die Pest - und eine Vorstellung von Ehre. Das war wohl im "Milieu" bis in die 40er-Jahre üblich, ist dann aber verkommen, verroht und immer brutaler geworden.

Diese Geschichte eines Verfalls erzählt David Schalko grandios.

Andrea Gerk, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Schalko zeigt, warum seine Figuren so brutal und verroht sind. Das beginnt mit der Nazizeit, die auch in der Unterwelt ihre Spuren hinterlassen hat. Diese Leute sind quasi empathiefrei aufgewachsen, "in einer Gesellschaft, die Menschen zu Tieren macht, um sie zu jagen, und umgekehrt die Tiere zu Menschen, um sie zu lieben."

Tiere spielen auch eine Rolle in diesem Panoptikum der Grausamkeit. Die Äffin Honzo zum Beispiel, die als Prostituierte abgerichtet wurde und eines Tages zur Waffe greift und um sich schießt. Von solchen bizarren Einfällen wimmelt es. Dazu ein groteskes Personal, von dem Schalko aber mit großer Empathie und viel Humor erzählt, unglaublich pointiert und oft so gut gesetzt, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

Österreichische Vergangenheitsbewältigung

Und Schalko räumt einmal mehr mit der großen Lüge der Österreicher auf, sie seien das erste Opfer des Nationalsozialismus gewesen. Schalko schreibt Sätze wie: "Genau genommen war das spätere Österreich damals im KZ entstanden." Oder er beschreibt, wie nach dem Krieg nur die Hakenkreuze aus den Fahnen getrennt wurden "und schon war Österreich fertig".

Es geht also auch um die Geschichte eines Landes, das es sich ziemlich leicht gemacht hat mit seiner Vergangenheitsbewältigung und womöglich auch deshalb heute politisch da steht, wo die Österreicher jetzt sind.

Andrea Gerk, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Angaben zum Buch David Schalko: "Schwere Knochen"
576 Seiten, gebunden, 24 Euro
ISBN: 978-3-462-05096-7
Auch als E-Book erhältlich, 19,99 Euro
ISBN: 978-3-462-31756-5
Kiepenheuer & Witsch

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Buch der Woche | 12. Juni 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2018, 08:08 Uhr

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