Theaterkritik "Romeo und Julia" am DNT Weimar: Eine vertane Chance

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
Bildrechte: MDR/Robert Kühne

"Romeo und Julia", der Klassiker schlechthin, wenn es um eine Liebestragödie geht, hatte am 1. Februar im Deutschen Nationaltheater Weimar (DNT) Premiere. Aber: diese Tragödie hängt auch an den beiden verfeindeten Familien, denen Romeo Monatgue und Julia Capulet angehören. Permanenter Streit ist angesagt. Erst verbal, dann mit dem Messer. Klingt aktuell. Wie aktuell ist "Romeo und Julia" am DNT?

Romeo und Julia, Deutsches Nationaltheater Weimar, Theater
Der Fokus der Inszenierung liegt weniger auf Liebe als mehr auf Freiheit. Bildrechte: Candy Welz, DNT

"Romeo und Julia" wird gerade gern auf die Bühne gebracht. Die Bürgerbühne Dresden und das Theater in Bautzen zeigten Inszenierungen, in denen sich Deutsche und Migranten gegenüberstanden. Hier bekommt die Tragödie in einer globalen Welt einen neuen Akzent. Ich erinnere mich auch, dass Regisseur Jan Neumann exakt vor einem Jahr hier am Deutschen Nationaltheater Schillers "Wilhelm Tell" zur Premiere gebracht hatte. Das fällt mir auf, weil die Inszenierung damals ein starkes Schlussbild hatte: da saßen die Schweizer allesamt wie in einer Wagenburg zusammen, blökten wie die Schafe auf der Alm, und empfanden diese Abschottung nun als neue große Freiheit. Aber was ist diese Freiheit wert?

Das war die große Frage am Ende. Und am Samstag in Weimar nun ein Bühnenbild, das wieder so einen abgeschotteten Ort zeigt: einen leeren Platz, so groß wie die Bühne, umgeben von etwa sechs Meter hohen Betonmauern; innen noch ein vergitterter Umlauf an der Mauer entlang, mit einem Gittertor ganz hinten; alles in ein fahles Licht getaucht. Dieses Bild erinnert natürlich auch an die Mauer in Jerusalem und war ein starker Eindruck zu Beginn – auch als Parallele zum "Wilhelm Tell". Übrigens hat Oliver Helf beide Bühnenbilder entworfen.

Freiheit als Kern der Inszenierung

Romeo und Julia, Deutsches Nationaltheater Weimar
Rosa Falkenhagen und Nahuel Häfliger als Julia und Romeo. Bildrechte: Candy Welz, DNT

"Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern / In keiner Not uns trennen und Gefahr. / Wir wollen FREI SEIN, wie die Väter waren!" – so lautet der Rütli-Schwur in Schillers "Wilhelm Tell". Hier wollen "Romeo und Julia" in ihrer Liebe frei sein. Aber sie werden gehindert. Können es nicht, weil die Verhältnisse und später tragisches Pech es nicht zulassen. Liebe oder Freiheit?

Der Fokus der Inszenierung in Weimar liegt eindeutig auf: Freiheit. Der gesamte Gestus dieser Inszenierung ist auf die Freiheit des Handelns angelegt. Auf das Spiel mit der Freiheit. Liebe ist eher Beiwerk; etwas, das hier nie eine große Kraft entwickelt. Das liegt wohl auch an der Textfassung. Hier wird die Übersetzung von Thomas Brasch gespielt, der in seiner Version eine große, heutige Sprachkraft entwickelt hatte. Diese Wortgefechte, diese Lust am Wortwitz zwischen den verfeindeten Familien sind bei Brasch genial aktualisiert. Jan Neumann setzt noch einen drauf und macht daraus hier und da einen Rap. Allerdings nur im Rhythmus. Die schlagfertigen Wortgefechte sind die Vorstufe zum Kampf mit Messer und Schwert. Und folgerichtig bricht dieser dann auch aus. Es gibt mehrere Tote. 

Ein postmigrantisches Theater

Jan Neumann zeigt tolle Kämpfe und auch Bühnenblut. Das ist für mich die große Stärke dieser Inszenierung: diese Lust, den anderen zu reizen; dieses Spiel damit, wer zuerst das Messer zieht. Dahinter scheint bei Neumann auch immer das dazugehörige völlig unproduktive Tun hervor. Dieses sinnlose Reizen bringt die Menschheit ja nicht weiter. Zusammen mit der Kostümbildnerin Cary Gayler erfindet Neumann hier sehr passende Kostüme: edle Stoffe, Goldgehänge und Bauch-Täschchen mit Hundegesichtern. Dabei wird das alles in einem globalen Stil zwischen Samurai und Indianerdecke vorgestellt. Nichts ist mehr echt, sondern nur noch Dekoration und Mode, bis auf einen kleinen, echten Schoßhund, der es, von Julias Mutter auf dem Arm getragen, ein paar mal auf die Bühne schafft. Auch Mann oder Frau spielt keine Rolle mehr. Frauenkleider und Bart, alles ist möglich.

Romeo und Julia, Deutsches Nationaltheater Weimar, Theater
Das Konstümbild erinnert an einen globalen Stil zwischen Samurai und Indianerdecke. Bildrechte: Candy Welz, DNT

Es ist auch ein Ensemble, das hier multikulturell zusammensetzt ist und die Unterschiede auch immer wieder mitspielt. Postmigrantisches Theater sozusagen, das uns eine Gesellschaft zeigt, die schon global zusammengewachsen ist. Jeder hat seine neue Rolle schon gefunden. Man kann schon lachen über das, was uns in der Realität heute noch trennt. Das ist auch ein Unterschied zu den Inszenierungen in Dresden und Bautzen. Mode und Status zählen mehr als Herkunft und Heimat. Oft treten die neu zusammengewachsenen Familienclans hier in Weimar hinten aus dem Gittertor direkt an die Rampe, spielen dann frontal ins Publikum und werfen sich in Posen. Das Ganze erinnert an einen Laufsteg und findet die ironische Brechung vielleicht in der Figur des Paters Lorenzo, der hier vervielfacht vom ganzen Ensemble gegeben wird. Diese ganze Ebene, vom Hahnenkampf-Gepose bis zum blutigen Ende ist konsequent und nachvollziehbar in Bilder gesetzt.

Die Liebe als enttäuschender Part

Andererseits – die Ebene der Liebe – eher schwach. Das hat zwei Gründe. Zum einen liegt das in der Personen-Regie. Hier vergibt sich Jan Neumann einige Möglichkeiten des Spiels. Da wird oft der Text in den Vordergrund gestellt bzw. bleibt dort im Vordergrund, weil wenig mit dem Text ausprobiert wird: wo die Brüche sind, wo sich Haltungen ändern, wo und wie lang auch Pausen sind, in denen ja im Kopf Denkprozesse ablaufen. Zum anderen spielt Rosa Falkenhagen ihre Julia eindimensional, findet offenbar auch wenig Unterstützung in der Regie. Da fehlt dann automatisch die eine Seite der Liebesgeschichte, was die andere dann nicht ausgleichen kann.

Nicht alle Figuren überzeugen

Romeo und Julia, Deutsches Nationaltheater Weimar
Das Ensemble des Stücks liefert unterschiedliche Leistungen am Abend. Bildrechte: Candy Welz, DNT

Nahuel Häfliger spielt seinen Romeo hingegen sehr ansehnlich und kann seine Figur deutlich vielschichtiger und glaubhafter entwickeln. Gut gefielen mir auch Krunoslav Šebrek als Mercutio und Janus Torp als Tybalt, die großartig agil sind und den Wortwitz herauskitzeln. Herausragend für mich war Lutz Salzmann als Amme der Julia. Salzmann spielt eine Frau, mit Bart, und ist dabei unglaublich präsent und weiß auch die Bühne zu bespielen. Beispiel: Es gibt vom Text her eine zentrale Szene, die viel über die Figurenkonstellation der Capulets aussagt. Und auch über das – ich nenne es mal so – Gewordensein dieser Figuren. In dieser Szene rastet Julias Vater aus. Autoritär, mit Gewaltandrohung macht er klare Ansagen. Die Gattin bzw. Mutter wird vor Julias Augen total beschädigt. Julia wird verdonnert, den Grafen Paris zu heiraten. Hier zeigt sich, wie die wahren Machtverhältnisse hinter den Kulissen sind.

Die Amme ist hier mit auf der Bühne. Und während diese ganze Szene doch ziemlich verpufft, weil sie zu wenig erspielt und zu sehr über den Text abgeliefert wird, rettet sich die Amme ganz hinten im Raum auf den Gitterumlauf. Sie sucht also die größtmögliche Distanz zum autoritären Familienoberhaupt und Arbeitgeber. Hier, in dieser Szene, wird mir im Spiel von Lutz Salzmann etwas klar über seine Figur! Schade, dass Julia nach dem Abgang des Vaters nicht zu ihr hinaufkriecht um sich anzukuscheln; schade, dass sie vorher der Mutter nicht noch einen verächtlichen oder traurigen Blick zuwerfen kann. Hier sind Chancen vertan, um die emotionalen Verbindungen, die Liebesbeziehungen in der Familie im Spiel transparent zu machen.

Aktuell erzählt, aber es fehlt an der Personenregie

Unterm Strich, mit Blick auf eine Empfehlung für diese Inszenierung, ist es die Frage: für wen eigentlich? Natürlich ist das hier eine Möglichkeit, den Klassiker in aktueller Gestalt zu entdecken – die ganze Protzerei, dieses ganze Gehabe, das dann in Kampf umschlägt. Das  ist gut erzählt. Und Jan Neumann findet dafür passende Bilder. Schon der Anfang, wenn sich die Leute mit einem leisen "Arschloch" provozieren, was sich dann zu einem Chorcrescendo aufschaukelt, das ist gut gemacht. Auch die Parallelszene dazu nach der Pause: Romeo und Julia in der ersten Liebesnacht.

Das alles ist dramaturgisch gut gebaut und findet mit dem implementierten, postmigrantischen Globalisierungs-Link eine zweite Ebene, die auch trägt. Es fehlt leider an der Personenregie, die uns zeigt, salopp gesagt: wie und warum die Figuren so ticken, wie sie ticken. Wenn ich sehe, dass Graf Paris die ganze Zeit einen vergoldeten Rugby-Helm herumträgt, ihn einmal auch etwas zerknautscht, aber ansonsten nicht benutzt, dann ist das am Ende nur ein Requisit, das sinnlos über die Bühne getragen wird. Das macht es für Zuschauer, die etwas über die Figuren erfahren und ihre Motivation verstehen wollen, dann doch eher schwer.

Romeo und Julia, Deutsches Nationaltheater Weimar, Theater
Am Ende bleibt leider eine nachvollziehbare Motivation der Figuren auf der Strecke. Bildrechte: Candy Welz, DNT

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 02. Februar 2020 | 13:15 Uhr

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