Interview Leipzigerin Ronya Othmann über persönliche Parallelen zu ihrem Roman "Die Sommer"

In ihrem Debüt-Roman "Die Sommer" erzählt die junge Leipziger Autorin Ronya Othmann einfühlsam von der Zerrissenheit zwischen zwei Welten: Protagonistin Leyla verbringt die Sommerferien bei den Großeltern in Nordsyrien, den Rest des Jahres lebt sie mit ihren Eltern in Deutschland. Wie ihre Protagonistin hat Ronya Othmann kurdisch-jesidische Wurzeln. Im Interview mit ihr sprechen wir über diese biografischen Parallelen, Perspektiven in der Literatur, Leipzig und natürlich ihr Debüt.

Ronya Othmann
Ronya Othmann studiert am Leipziger Literaturinstitut und veröffentlicht gerade ihren ersten Roman. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

MDR KULTUR: In "Die Sommer" geht es um eine junge Frau, Leyla, die mit ihrem jesidisch-kurdischen Vater und einer deutschen Mutter in Deutschland lebt. In den Ferien fährt sie oft nach Nordsyrien, um ihre Verwandten zu besuchen. Da gibt es viele Parallelen zu Ihrer eigenen Biografie. Wie viel Leyla steckt denn in Ronya?

Ronya Othmann: Ja, sie wäre schon meine Schwester oder wie eine Zwillingsschwester. Denn wir sind ungefähr gleich alt, ihre Familiengeschichte ist ähnlich wie meine. Ich erzähle über etwas, was ich kenne, aber nicht über mich. Es sind Realitäten, mit denen ich zu tun habe. Von denen wollte ich erzählen. Beispielsweise das Gefühl, das auch andere jesidische Menschen 2014 hatten (während des Genozids durch den IS, Anm. d. Red.), als sich sehr viele gefragt haben: Was kann man machen, man kann nicht nur zuschauen.

Im Roman erfahren Leserinnen und Leser viel über die Zerrissenheit, die die Protagonistin Leyla spürt. Eine Zerrissenheit zwischen der jesidischen Welt ihrer Verwandten in Nordsyrien und der ihres deutschen Alltags. War es Ihnen auch ein Anliegen, dass diese zwei Welten, die ja irgendwie auch Ihre zwei Welten sind, zu beschreiben?

Ja, genau, es ging mir darum, das zu erzählen. Leyla und ihr Vater pendeln zwischen so extrem unterschiedlichen Welten. In beiden Welten hat man kein oder wenig Verständnis für die jeweils andere Welt. Also, beispielsweise im Dorf in Nordsyrien ist die Vorstellung von Deutschland, dass die Leute natürlich reich sind, dass sie Villen haben, weil man ja Fernsehen empfangen kann. Es sind ja auch Dörfer, in denen die Menschen keinen syrischen Pass haben, die Menschen können nicht reisen, sie sind arm. Und deswegen kennen die nicht viel außerhalb ihrer Welt. Und in Deutschland wiederum, wo Leyla in die Schule geht, ist ja auch kein Verständnis da, von dieser anderen Welt, in der sie auch zu Hause ist.

Hat Ihnen als Heranwachsende eine jesidische oder jesidisch-deutsche Perspektive in der Literatur gefehlt?

Ich persönlich habe schon Texte gehabt, ich habe zum Beispiel über Diktatur bei Herta Müller gelesen. Beim Heranwachsen hatte Diktaturerfahrung, weil ich während meiner Kindheit und Jugend immer dort (in Nordsyrien, Anm. d. Red.) war. Ich hatte mit dem Geheimdienst zu tun, weil beispielsweise mein Vater bei der Einreise einmal festgenommen wurde. Ich hatte also mit Angst zu tun, mit Spitzeln, damit, dass überall Assads Bild hing.
Und da habe ich mit 15, 16 Jahren Herta Müller über die rumänische Diktatur gelesen und konnte damit etwas anfangen, das hat mir geholfen. Ich glaube, es gibt schon viele Texte, die von Zerrissenheit erzählen. Aber das muss ja nicht immer diese spezifische Zerrissenheit sein.

Sie sind 1993 geboren und haben schon jetzt verschiedene Preise gewonnen. Unter anderem den MDR Literaturpreis sowie den Publikumspreis beim Bachmann Wettbewerb 2019. "Die Sommer" ist jetzt Ihr Debüt. War das ein großer Druck?

Eine Tastatur ist mit arabischen Schriftzeichen beklebt, jemand tippt darauf
Schon an Ronya Othmanns Tastatur wird ihr Leben in zwei Welten erkennbar. Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Tatsächlich nicht. Ich habe seit ein paar Jahren, seit 2014, an dem Buch rumgeschrieben. Zwischendurch habe ich lange Pause gemacht, um andere Sachen zu machen. Ich habe manchmal gedacht, weil ich so lange daran geschrieben habe, dass ich noch 20 Jahre daran schreibe, ohne dass es fertig wird. Jetzt wird mir langsam bewusst, dass es wirklich veröffentlicht wird und das fühlt sich gut an.

Würden Sie Ihren Roman "Die Sommer" eher als persönlich oder als politisch beschreiben?

Keines von beidem. Manche würden ihn als persönlich, andere als politisch einordnen. Ich glaube, gerade solche Biografien wie die von Leyla oder ihrem Vater, die sind stark bedingt durch politische Ereignisse. Das Private ist davon durchsetzt. Gerade, wenn man in einer Diktatur lebt, wie Syrien, dann ist ein Schulbesuch schon durchpolitisiert, oder allein jesidisch zu sein. In solchen Kontexten werden persönliche Biografien einfach politisch, gezwungenermaßen.

Zum Beispiel denke ich da auch an Nadia Murad, die als Jesidin 2018 den Friedensnobelpreis bekommen hat. Sie hat einmal gesagt, dass sie eigentlich nur Friseurin werden wollte und dann wurde sie zur Überlebenden eines Genozids und hat später für ihre Arbeit einen Nobelpreis bekommen. Das ist bei vielen Biografien so.

Sie sind in Bayern aufgewachsen und studieren seit 2014 am Literaturinstitut in Leipzig. Wie ist die Stadt für Sie?

Für mich gibt es positive wie negative Seiten. Als ich gerade hergezogen war, war gerade Legida aktuell. Da dachte ich erst einmal "Oh Gott". Positiv ist für mich, dass Leipzig eine Stadt ist, die nicht so stressig ist. Aber andererseits auch nicht so klein. Man hat einfach das Gefühl von Platz, es fühlt sich nicht beengt an, weil es große Straßen und große Plätze gibt. Als ich hingezogen bin, hatte ich noch mehr das Gefühl. Damals gab es noch mehr Leerstand. Ich habe das Gefühl, in Leipzig wird man nicht so beäugt. Man kann so sein, wie man ist. Und das interessiert dann auch nicht so viele Leute. Alle machen so ihr Ding.

Das Interview führte Pia Uffelmann für MDR KULTUR.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. August 2020 | 08:10 Uhr