Gespräch Leipziger Autorin Ronya Othmann über das Erzählen als Widerstand

Mit gerade einmal 27 Jahren hat die Leipzigerin Ronya Othmann schon einige Literatur-Preise abgeräumt, zuletzt den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs im vergangenen Jahr. Sie schreibt Texte, die zutiefst persönlich und zugleich überaus politisch sind. In Geschichten und Gedichten bearbeitet die Tochter eines kurdisch-jesidischen Vaters Themen wie Flucht, Krieg und Identität.

"Von dem zu erzählen, was da war, empfinde ich auch schon als eine Form von Widerstand". Das sagt die Leipziger Schriftstellerin Ronya Othmann im Gespräch mit MDR KULTUR. Sie bezieht sich damit auf ihre Arbeit, die Themen wie den Bürgerkrieg in Syrien, den Genozid an den Jesiden und Flucht in den Fokus nimmt. In ihrem Debüt-Roman "Die Sommer" gehe es viel ums Erinnern, erzählt Othmann. Sie empfinde es als wichtig, nicht nur von der Auslöschung zu erzählen, sondern auch von den Menschen, von den Häusern, von dem Essen, was sie gegessen haben. Diese Art des Erzählens habe auch eine politische Dimension.

Debüt-Roman "Die Sommer"

In "Die Sommer" erzählt Othmann einfühlsam von der Zerrissenheit zwischen zwei Welten: Protagonistin Leyla verbringt die Sommerferien bei den Großeltern in Nordsyrien, den Rest des Jahres lebt sie mit ihren Eltern in Deutschland. Vom IS-Massaker an kurdischen Jesiden im August 2014 erfährt Leyla aus den Fernsehnachrichten in Deutschland. Auch die Flucht des Vaters in den 80er-Jahren aus Syrien nach Deutschland fügt sich in die Erzählung ein. Wie ihre Protagonistin hat Ronya Othmann kurdisch-jesidische Wurzeln. Mit dem Roman ist ihr eine nahegehende, tief greifende und bleibende Erzählung einer Identitätssuche gelungen.

Preisgekrönte Leipziger Autorin

Ronya Othmann ist 1993 in München geboren und aufgewachsen und studierte am Literaturinstitut Leipzig. Sie erhielt unter anderem den 20. MDR-Literaturpreis 2015, den Caroline-Schlegel-Förderpreis für Essayistik, den Lyrik-Preis des Open Mike und im vergangenen Jahr den Publikumspreis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs. 2018 war Ronya Othmann in der Jury des Internationalen Filmfestivals in Duhok in der Autonomen Region Kurdistan, Irak, und schreibt für die taz gemeinsam mit Cemile Sahin die Kolumne "OrientExpress" über Nahost-Politik.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 19. September 2020 | 11:05 Uhr