Aufsichtsrat der Bühnen Halle berät über Geschäftsführer Rosinski Hallescher Theaterstreit vor dem Ende?

Am 18. Februar will der Aufsichtsrat der Theater, Opern und Orchester GmbH in Halle – kurz TOOH – entscheiden, ob der Vertrag des Geschäftsführers Stefan Rosinski verlängert wird. Aktuell ist Rosinski noch bis Mitte 2021 im Amt. Die Entscheidung über seine Verlängerung könnte den sogenannten Halleschen Theaterstreit beenden. Oder für neue Unruhe sorgen.

Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur
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von Stefan Petraschewsky, MDR KULTUR-Theaterredakteur

Blick auf die Oper in Halle/S.
Seit Jahren schwelt inzwischen der Streit an den Bühnen Halle. Bildrechte: Falk Wenzel

Zuletzt ging es um die künstlerische Chefetage an den Bühnen Halle. Ariane Matiakh beendete ihren Vertrag als Generalmusikdirektorin. Das sei laut Pressemitteilung der TOOH "einvernehmlich" und "auf ihren Wunsch" hin zum 31. Januar 2020 geschehen. Die Hoffnungsträgerin war also ein halbes Jahr nach Amtsantritt schon wieder weg. Warum? Zu den Gründen wurde Stillschweigen vereinbart.

Mitte Januar gab die TOOH bekannt, wer neuer Opernintendant werden soll: Walter Sutcliffe. Der britische Regisseur folgt ab der Spielzeit 2021/22 auf Florian Lutz, dessen Vertrag als Opernchef in Halle bereits im Februar 2019 nicht verlängert wurde. Der 43-Jährige Sutcliffe hatte sich vor einer Findungskommission gegen 30 Mitbewerber durchsetzen können.

Im November 2019 verlängerte der Aufsichtsrat der TOOH die Verträge von Schauspielchef Matthias Brenner und Christoph Werner, der das Puppentheater leitet. Bernd Wiegand, Oberbürgermeister der Stadt Halle und Vorsitzender im Aufsichtsrat der TOOH, begrüßte die Entscheidung: "Matthias Brenner als auch Christoph Werner bereichern Halles Theaterlandschaft seit vielen Jahren in beeindruckender Konstanz, mit eindrucksvollen Inszenierungen."

Hoffnungen für die hallesche Theaterlandschaft

Dass Brenner und Werner nun bis 2026 eine Perspektive haben, ist gut für eine prosperierende Stadt, die nicht mehr schrumpft, die Studierende und damit junge Leute anlockt. Eine Stadt, die aber auch mit dem Strukturwandel klarkommen muss. Kultur statt Kohle ist da eine Teilstrategie. Medienstadt Halle eine andere. Oder Technikstadt Halle, die sich zeitgemäße Mobilität auf die Fahne schreiben will. Das alles ist schon geplant und angesprochen, u. a. bei den Verhandlungen über die konkreten Perspektiven nach dem Kohleausstieg. An dieser Stelle ist es doppelt schade um die GMD, die gerade auch in London und Stockholm, in Oslo und Berlin als Dirigentin durchstartet.

Dass Ariane Matiakh als Gastdirigentin in Halle weiter Konzerte dirigieren will, macht die Sache besser. Und die Hoffnung, dass es bald viele Bewerber auf die vakante GMD-Stelle geben könnte, ist mit Blick auf die 31 Bewerber für die Opernintendanz deutlich gegeben. Da wird dann vermutlich etwas Passendes dabei sein. Es geht hier auch um 115 Musiker, die eine Perspektive brauchen.

Stefan Rosinski, 2016
Stefan Rosinski vor der Oper Halle Bildrechte: dpa

Dass es 115 sind, dafür hatte sich Stefan Rosinski stark gemacht. Der Geschäftsführer der TOOH hätte eigentlich einen Theatervertrag einhalten sollen, in dem vereinbart war, dass die Orchesterstärke auf 99 Musiker sinkt. Aber Rosinski hatte argumentiert, dass 115 Musiker sinnvoll seien, weil dann parallel in der Oper oder im Konzert und auf Gastspielreise gespielt werden könne. Damit setzte sich Rosinski durch. Es war aber auch die Zeit, die hier deutlich mitgespielt hat. Eine Zeit, in der Politiker die Theater plötzlich wieder wertschätzten.

Vorher ging es um Haustarifverträge, Stellenstreichungen und – notfalls – Spartenschließungen. Dieses Folterbesteck klapperte lange Zeit im Hintergrund. Der Theatervertrag zwischen der Stadt Halle und dem Land Sachsen-Anhalt kam dann über die Daumenschraube Stellenstreichung maßgeblich zustande. Das Land zog sich ein Stück weit aus der Verantwortung zurück. Dann wurde umgesteuert. Eine 180-Grad-Wende. "Seit dem Herbst 2018 wird der volle Flächentarif gewährt" und "2019 geschieht der letzte große Personalabbau, das Orchester wird auf 115 Stellen reduziert", stellte Rosinski als "Jahresergebnis 2018" auf der Spielzeitkonferenz 2019 vor. Diese Erfolge schreibt sich der Geschäftsführer auf die Fahne.

Betriebsklimakatastrophe an den Bühnen Halle

Die andere Seite der Medaille ist ein fortwährender Streit. Seit März 2017 schildern die Intendanten Matthias Brenner und Florian Lutz, später verschiedene Mitarbeiter, der Betriebsrat und der Freundeskreis der Oper und des Balletts einen zermürbenden Zustand hinter den Kulissen (Siehe Chronologie). Die Vokabeln könnten drastischer nicht sein: Betriebsklimakatastrophe, Mobbing, Rufschädigung, usw. Auch Geschäftsführer Rosinski beklagt die Situation im April 2019 als "flächendeckend kontaminiert": "Alle wünschen sich, dass das aufhört, dass Frieden einkehrt."

Doch wie hört man hier auf? Wer ist schuld? Muss die Schuldfrage überhaupt geklärt werden? Zumindest fällt es schwer, sie außen vor zu lassen. Ein Brief vom 29. Januar 2020 von Mitarbeitern der Staatskapelle an Bernd Wiegand, der MDR KULTUR vorliegt, listet schwerwiegende Vorwürfe gegen Stefan Rosinski und den Vorsitzenden des Orchestervorstands Fabian Borggrefe auf. Von "Erpressungsmaßnahmen", "Instrumentalisierung" der ehemaligen GMD, "rufschädigenden Aussagen" über Mitarbeiter und "dringendem Handlungsbedarf" ist die Rede. Derzeit sollen Gespräche stattfinden, um die Vorwürfe zu klären.

Gibt es einen Zwang an Rosinski festzuhalten? Wie groß wäre das Bewerberfeld bei einer Neuausschreibung der Geschäftsführerstelle? Wäre es an der Zeit, die Bedingungen, unter denen in Halle Theater produziert wird, nachhaltig zu ändern? Das Sein bestimmt das Bewusstsein, wusste ja schon Marx. Christoph Werner, der Intendant des Puppentheaters, hat mit Stefan Rosinski auch künstlerisch zusammengearbeitet. Rosinski hat die Musikauswahl für eine "Hamlet"-Inszenierung ausgewählt. Die Premiere war im Oktober 2017. Christoph Werner wünscht sich heute, "dass der Konflikt nicht verlängert wird und es einen Neustart gibt. Ein Neuanfang gibt uns die Möglichkeit, wieder konstruktiv miteinander zu arbeiten und die Lagerbildung zu beenden."

Sarah Maria Sun 55 min
Bildrechte: Thomas Schloemann
Sarah Maria Sun 55 min
Bildrechte: Thomas Schloemann

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Februar 2020 | 20:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 15. Februar 2020, 04:00 Uhr

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