Premierenkritik Rossinis "Il viaggio a Reims" an der Semperoper: ein Fest der Musik

An der Semperoper in Dresden gibt es eine eher unbekannte Seite des italienischen Komponisten Gioacchino Rossini zu entdecken. Seine Oper "Il viaggio a Reims" wird bei Regisseurin Laura Scozzi zur Reise ins Europaparlament. Musikalisch ist das hervorragend, etwa ein Dutzend Solopartien belegen das Potential des Hauses. Eine Empfehlung unseres Kritikers, auch wenn der Humor bei einem Strip der britischen Queen die Grenzen mancher Zuschauer überschritten hatte und es "Peinlich"-Rufe gab.

Il viaggio a Reims, Semperoper,Dresden
Die Inszenierung von Rossinis "Il viaggio a Reims" an der Semperoper Dresden Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Als Dresdner Erstaufführung zeigt die Semperoper die Oper "Il viaggio a Reims" von Gioacchino Rossini. Sollten Sie als Opernliebhaber diesen Titel noch nie gehört haben ist das kein Grund zum Verzweifeln. Denn erstens ist das Stück gar keine richtige Oper, zweitens wird es nur höchst selten gespielt und drittens kann durchaus die Frage gestellt werden, was dieses Werk heute noch soll.

Geschrieben hat Rossini seine "Reise nach Reims" als eine Art szenische Kantate. Bezeichnet wird sie als Opera buffa, also als komische Oper oder als Dramma giocoso, also lustiges Drama. Viel Komik und auch einiges an Lust steckt tatsächlich drin in diesem Stück, dessen Musik Rossini später wiederverwendet hat und dessen Handlung kaum zu beschreiben ist. Dabei passiert hier eine ganze Menge, schon im Original bei Rossini und erst recht in der Dresdner Inszenierung von Laura Scozzi – was übrigens zwei grundverschiedene Dinge sind.

Zahlreiche Solopartien

Rossini hat diese "Reise" für die Krönung des französischen Königs Karl X. 1825 komponiert. Bei ihm geht es darum, dass eine Reihe des europäischen Hochadels eben zur Krönung des französischen Königs nach Reims reisen will, in die berühmte Krönungskathedrale. Sie stranden aber in einem Hotel, wo alles getan wird, um die Weiterreise vorzubereiten – am Ende fehlen aber die Pferde.

Il viaggio a Reims, Semperoper,Dresden
Die Reise geht ins Europa von heute Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Und während des Wartens kommt es zu diversen Abenteuern. Da werden Avancen gemacht, Amouren geplant und vereitelt, die Liebeleien und Streitereien der adligen Herrschaften stehen gleichnishaft für die Beziehungen und Aversionen zwischen den Staaten, aus denen sie stammen. Zum Schluss reist die Gesellschaft nach Paris und feiert dort den neuen Herrscher.

Soweit das Original von Rossini in Kurzform, doch die Umsetzung der Regisseurin Laura Scozzi zeigt sich davon grundverschieden – und das ist beinahe noch milde ausgedrückt. Denn Rossini hat seine ziemlich handlungsarme Kantate sowohl für den König wie auch für eine große Handvoll sehr namhafter Sängerinnen und Sänger geschrieben, ein gutes Dutzend Solopartien darf hier glänzen und sich in feinstem Belcanto produzieren.

Reise ins Europa von heute

Die italienisch-französisch europäisierte Laura Scozzi hat "Die Reise nach Reims" jedoch in die Europa-Bürokratie von heute verlegt. Das sich ständig drehende Bühnenbild von Natacha Le Guen lässt in die Glaspaläste von Strasbourg und Brüssel blicken, wo graue Mäuse in den Kostümen von Fanny Brouste ohne Ende eine Europapolitik betreiben, die aber sehr national bis nationalistisch grundiert ist. Das wird von Tänzerinnen und Tänzern vorgeführt, die mit Masken der europäischen Führungsriege für Lacher im Publikum sorgen. Von Angela Merkel über Boris Johnson und Nicolas Sarkozy bis hin zu Wladimir Putin und der britischen Queen ist da so ziemlich alles vertreten.

Il viaggio a Reims, Semperoper,Dresden
Gelbwesten versammeln sich hinter der Flagge Frankreichs Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Laura Scozzi, die das Stück schon in Nürnberg inszeniert hatte, der bisherigen Wirkungsstätte des Semperoper-Intendanten Peter Theiler, wollte offenbar im Einvernehmen mit ihm ein politisches Stück, ein Bekenntnis zu Europa in Szene setzen. Dazu erklang auch mal die sogenannte Europa-Hymne, Beethovens "Ode an die Freude", dazu wurden vor allem die nationalen Eigenheiten und Gegenseitigkeiten vorgeführt.

Um ein Beispiel zu nennen: Wenn der Problemfall Polen nach vielem Hin und Her endlich die Ehe mit Europa eingehen will, sitzt ein reichlich dandyhafter Putin auf der Hochzeitsschleppe. Oder wenn der britische Lord Sidney seine Auftritte hat, klingt mehr und mehr der Frevel des Brexit mit an. Das setzt sich fort mit den Straßenkämpfen der Gelbwesten in Paris, mit Videoeinblendungen von realen Nachrichten und fiktiven Talkshows, mit einer riesigen Europakarte, die mehr und mehr von dunklen Wolken und Gewittern überzogen wird, mit der Bedrohung des zerstrittenen Europa durch China, Russland und die USA.

Humor ging bisweilen über Geschmacksgrenze

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Der britische Reisende wirkt hier etwas einsam Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Es gab viel Klamauk auf der Bühne und reichlich Heiterkeit im Saal. Das Andeuten, auch wenn es mal drastisch und mit dem Holzhammer geschah, hatte Witz und wurde durchaus goutiert. Statt der fehlenden Pferde des Originals bestieg die verhinderte Reisegesellschaft eine Gangway, wo aber das Flugzeug gefehlt hat. Stattdessen gab es dann aber ein paar Zauberkunststücke mit weißen Tauben und einem Kaninchen, die aus Nationalfahnen und der Europaflagge gezaubert worden sind.

Bei einem Strip der britischen Queen allerdings schien die Schamgrenze überzogen, da wurde "Peinlich" gerufen, verließen die ersten Gäste das Haus. Und als zum Schluss das Inszenierungsteam auf der Bühne erschien, gab es neben heftigem Beifall auch lautstarke Buhrufe.

Musikalisch ohne Fehl und Tadel

Il viaggio a Reims, Semperoper,Dresden
Europäische Büroatmosphäre Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Musikalisch gab es für die Dresdner Aufführung ausschließlich Zustimmung – und zwar völlig zu Recht. Mehr als ein Dutzend Solistinnen und Solisten, was auch Ausdruck für die musikalische Qualität des Hauses ist; hier darf ich entweder niemanden oder müsste sämtliche Damen und Herren beim Namen nennen, sie waren allesamt ohne Fehl und Tadel. Ebenso ein vorzüglicher Opernchor, fast schon der Abschied des Chordirektors Jörn Hinnerk Andresen. Eine grandiose Staatskapelle, mal mit schmetterndem Blech, mal mit innigem Holz, einem eingehenden Rossini-Solo der Klarinette, zumeist mit flirrenden Streichern und sowieso mit starke Akzente setzendem Schlagwerk – das war ein Fest der Musik. Schade nur, dass der italienische Dirigent Francesco Lanzilotta immer mal wieder Ungereimtheiten zwischen Oben und Unten zugelassen hat. Gerade bei Rossini darf es so ein Klappern nicht geben.

Das klingt zwar insgesamt zwar nach einer ganzen Menge an Widersprüchlichem und Fragwürdigem, dennoch ist diese "Reise nach Reims", die wohl eher eine Reise ins Europaparlament ist, eine Empfehlung. Allem Klamauk zum Trotz. Musikalisch ist das wirklich ein Fest, die überzogenen Albernheiten muss man nicht mögen, über einige Kunststückchen und Überraschungen, die es auch gibt, kann man sich freuen und staunen. Und nicht zuletzt steht ja als ganz wesentliche Botschaft das Ja zu Europa. So unvollkommen es momentan auch noch sei, dazu gibt es keine Alternative.

Angaben und Besetzung zur Aufführung in Dresden

Il viaggio a Reims / Die Reise nach Reims
Oper von Gioachino Rossini, Dramma giocoso in einem Akt
Libretto von Giuseppe Luigi Balochi
In italienischer Sprache mit deutschen und englischen Übertiteln

Dresdner Erstaufführung, Gesamtdauer: 2 Stunden 40 Minuten
Inszenierung: Laura Scozzi
Bühnenbild Natacha Le Guen de Kerneizon
Kostüme Fanny Brouste
Choreografie Olivier Sferlazza
Chor Jörn Hinnerk Andresen

Corinna – Elena Gorshunova
Marquise – Melibea Maria Kataeva
Gräfin von Folleville – Tuuli Takala
Madame Cortese – Iulia Maria Dan
Chevalier Belfiore – Daniel Umbelino
Graf von Libenskof – Edgardo Rocha
Lord Sidney – Georg Zeppenfeld
Don Profondo – Maurizio Muraro
Baron von Trombonok – Martin-Jan Nijhof
Don Alvaro – Bernhard Hansky
Don Prudenzio – Tilmann Rönnebeck
Don Luigino / Zefirino – Beomjin Kim
Delia – Anna Kudriashova-Stepanets
Maddalena – Menna Cazel

Sächsischer Staatsopernchor Dresden
Sächsische Staatskapelle Dresden
Musikalische Leitung: Francesco Lanzillotta

Aufführungen am 3., 6., 9., 20. und 25. Oktober sowie am 4. November.

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