Die kolumbianische Sängerin Toto la Momposina
Die kolumbianische Sängerin Totó la Momposina Bildrechte: IMAGO

Länderschwerpunkt Kolumbien Cumbia – Mutter der lateinamerikanischen Musik

Mit indianischen Flöten und afrikanischen Trommeln begann vor ein paar hundert Jahren im heutigen Kolumbien die Geschichte der Cumbia. Im 20. Jahrhundert fand die ländliche Tanzmusik den Weg in die Städte, um in den 1990er-Jahren eine Renaissance als Electro-Cumbia überall in den Clubs zwischen Mexiko und Feuerland zu erleben. Näheres über den "Tanz des Jahres" beim Rudolstadt-Festival 2016 lesen Sie im Beitrag von ARD-Lateinamerika-Korrespondentin Anne Herrberg.

Die kolumbianische Sängerin Toto la Momposina
Die kolumbianische Sängerin Totó la Momposina Bildrechte: IMAGO

Mein Name ist Cumbia, ich bin die Königin.
Wo immer ich auftrete, wo immer ich bin,
da bleibt keine Hüfte still.
Meine Haut ist dunkel wie das Fell meiner Trommeln.
In meiner Kehle habe ich eine feine Flöte,
die Gott mir gab.
Aus Rispenhirse ist sie
und riecht nach Tabak und nach Rum.
Denn ich komme aus Kolumbien,
dem wunderbaren Land, in dem ich geboren wurde.

Ode an die Cumbia von Mario Gareña

Vereinigung zweier versklavter Kulturen

Niemand singt diese Hommage an die Volksmusik ihrer Heimat besser als Totó la Momposina, die "Königin der Cumbia". Die schwarze Lockenmähne immer mit bunten Tüchern hochgesteckt, stets in den traditionellen, weiten Rüschenkleidern ihrer Geburtsstadt Mompox gekleidet, stets dieses ansteckende Lachen im Gesicht. Die inzwischen 75-jährige afrokolumbianische Sängerin ist eine Legende, und die Cumbia immer auch ein Statement.

Die Cumbia ist der musikalische Ausdruck eines Volkes, das überfallen wurde, das erobert wurde – Cumbia ist ein Ausdruck der Liebe zur Natur, aber dabei immer auch eine Art Widerstand. Denn sie ist ein Produkt der Vereinigung zweier versklavter Kulturen, die gemeinsam mit der Musik etwas Eigenes geschaffen haben.

Totó la Momposina, Sängerin und Tänzerin
Musiker vom Indio-Volk der Barasana in Nordwest-Amazonien (Kolumbien) mit Flöte und Panflöte
Musiker vom Indio-Volk der Barasana in Nordwest-Amazonien (Kolumbien) mit Flöte und Panflöte Bildrechte: IMAGO

Es gibt viele Geschichten über die Geburt der Cumbia. Unbestritten ist die Fusion aus indianischen Melodien und afrikanischen Rhythmen während der Zeit der spanischen Kolonialherren in Neugranada, dem heutigen Kolumbien. Vor allem zwei Instrumente machten den Klang der ursprünglichen Cumbia im 17. Jahrhundert aus:

Pito Cabeza e Cera, so heißt die traditionelle Flöte der Indios aus den Küstengebirgen der Karibik, gemacht aus einem Schilfrohr mit einem Aufsatz aus Wachs. Das ist die Mutter der Gaita-Flöte, und sie ist die Stimme des Indios. Die Sklaven hatten Rhythmen, die auf die Gaitas antworteten, wie ein Kontrapunkt, sie haben sie aus Afrika mitgebracht, genauso wie ihre Trommeln, die sie dann hier mit dem Material, das sie vorfanden, nachbauten.

Adolfo Pacheco Anillo, Musiker

Cum, so wurde im afrikanischen Guinea einst eine Trommel genannt, heißt es. Und -ia, bedeutete "sich bewegen". Beides zusammen gibt Cumbia. Immer blieb die Musik in Bewegung. Zu Flöte und Trommel gesellten sich später europäische Instrumente, allen voran das deutsche Akkordeon. Getanzt wird im Viervierteltakt.

Legendär wurde die "Cumbia Sampuesana". Kaum ein Musiker, der sie nicht mindestens einmal interpretiert hat. Die Urversion komponierte um 1930 herum der arme Bauernsohn Juaco Bettín. Der Autodidakt wollte, so die Legende, mit der Melodie das Sirren der Glühwürmchen nachspielen.

Ein ländlicher Tanz erobert die Städte

Der Rio Magdalena in Kolumbien, historischer Stich
Der Fluss, von den Spaniern Río Magdalena getauft, ist über 1.000 Kilometer schiffbar und seit jeher Kolumbiens Hauptverkehrsader. Alexander von Humboldt hat ihn 1801 als erster kartiert. Bildrechte: IMAGO

Wie der Blues den Mississippi hochwanderte, so begab sich die Cumbia auf die Reise entlang des Magdalena-Flusses, der Lebensader Kolumbiens. Über die heutigen Regionen Bolívar und Sucre im Landesinneren erreichte sie die Metropolen. In Barranquilla an der Karibikküste wurde sie zum Soundtrack des berühmten Karnevals, der seit 2003 zum immateriellen UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Später erreichte sie die Hauptstadt Bogotá und vor allem Medellín. Dort entstand Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts das Zentrum der Musikproduktion mit legendären Studios wie Disco Fuentes. In die Volksmusik vom Lande mischten sich urbane Rhythmen der Mittelklasse, Swing, Jazz und der von Kuba inspirierte Sound der Big Bands. Trotzdem blieb die Cumbia eine Musik des Volkes, der ärmeren Gesellschaftsschichten.

Cumbia wird elektronisch und zum Sound Lateinamerikas

Parade beim Karneval von Barranquilla in Kolumbien
Parade beim Karneval von Barranquilla Bildrechte: IMAGO

Es war schließlich der Marihuana-Boom der 1960er und 1970er, der die Verbreitung der Cumbia über Landesgrenzen hinaus vorantrieb, denn die Drogenbarone finanzierten Plattenproduktionen, Auftritte und Vertrieb. Aus der Cumbia wurde eine Popmusik, gespielt von Schnauzbartträgern auf umgehängten Keyboards. Und sie eroberte ganz Lateinamerika.

Heute ist sie lebendiger und vielfältiger denn je – und dank des Internets längst zum angesagten Hipster-Sound geworden. DJs und Soundbastler begannen damit, die Flöten und Trommeln durch elektronische Filter zu jagen, sie mit Beats und Loops zu mischen – die Elektro-Cumbia war geboren. Vorreiter dabei war die 2005 gegründete Band Bomba Estéreo aus Bogotá.

Die Band wurde aus der Notwendigkeit heraus geboren, einen urbanen Elektro-Sound zu finden, der aber eine klare Identität hat, nach uns klingt, nach Kolumbien, nach Lateinamerika. Und Lateinamerika klingt nach Cumbia. Das ist das Rückgrat, das sich heute durch alle Länder zieht, von Mexiko über Peru bis Argentinien – jedes Land hat seine Art der Cumbia, aber alles ist Cumbia, das ist der Sound von Lateinamerika.

Simon Mejia, Gründer von Bomba Estéreo

Die kolumbische Sängerin Liliana Saumet mit der Band "Bomba Estereo" auf der Bühne.
Die kolumbische Sängerin Liliana Saumet mit der Band "Bomba Estereo" auf der Bühne. Bildrechte: IMAGO

Zuletzt aktualisiert: 05. Juli 2017, 17:01 Uhr

Rudolstadt-Festival | 07.-10. Juli 2016 Künstler im Länderschwerpunkt Kolumbien

Künstler im Länderschwerpunkt Kolumbien

Carmelo Torres y su cumbia sabanera
Edmar Castañeda
Grupo de baile Otrora Boyacá
Las Áñez & Martha Hincapie
M.A.K.U. Soundsystem
Paíto y los Gaiteros de Punta Brava
Profetas
Rancho Aparte
retroVISOR
Sidestepper

Tanz des Jahres Cumbia tanzen beim Rudolstadt-Festival

Cumbia tanzen beim Rudolstadt-Festival

Workshop mit Tanzmeister Ailton Silva: Fr 17 Uhr Sommerschule; Sa 14 Uhr Tanzzelt / Tanz mit Coca Candy: Fr 22 Uhr Sommerschule; Sa 24 Uhr Tanzzelt / Carmelo Torres y su Cumbia Sabanera: Sa 20 Uhr Tanzzelt.