Brummtopf aus Erfurt bei der ersten DDR-offenen Folkwerkstatt 1976 in Leipzig
Brummtopf aus Erfurt bei der ersten DDR-offenen Folkwerkstatt 1976 in Leipzig Bildrechte: Harald Mohr

40 Jahre DDR-Folkszene In Leipzig wurde Musikgeschichte geschrieben

Im Herbst 1976 fand sich in einem Leipziger Studentenklub die Folkszene der DDR zusammen. Diese entwickelte sich parallel zum Deutschfolk-Revival in Westdeutschland, jedoch unter ganz anderen Rahmenbedingungen. Im Sommer 2016 ist unter dem Titel "Volkes Lied und Vater Staat" eine Kulturgeschichte des ostdeutschen Folk-Revivals erschienen. Beim Rudolstadt-Festival erlebte sie ihre Buchpremiere.

Brummtopf aus Erfurt bei der ersten DDR-offenen Folkwerkstatt 1976 in Leipzig
Brummtopf aus Erfurt bei der ersten DDR-offenen Folkwerkstatt 1976 in Leipzig Bildrechte: Harald Mohr

Irish Folk und demokratische deutsche Volkslieder

1976 wurde in Leipzig Musikgeschichte geschrieben. Am letzten Oktober-Wochenende jenes Jahres ging im Studentenklub der Hochschule für Grafik und Buchkunst die erste DDR-offene Folkwerkstatt über die Bühne. Zehn Gruppen und mehrere Solisten traten vor 600 Besuchern im "Grafikkeller" auf. Gespielt wurde zu vier Fünfteln internationale Folklore, vor allem Irish Folk. Kein Wunder, kam doch der Anstoß für dieses Folk-Revival nicht wie in den 60ern aus den USA, sondern aus Irland. Während des Leipziger Werkstatt-Wochenendes vom 29. bis 31. Oktober 1976 konstituierte sich die Folkszene des Landes.

Ich glaube, ein Großteil der Leute hat sich dort überhaupt erst kennengelernt. Wir fühlten uns bestätigt, dass wir eine Richtung verfolgt haben, in der auch andere unterwegs waren. Es hat dort viele Anregungen gegeben. Und in der Folge wurden auch neue Gruppen gegründet.

Reiner Luber (1949-2011) von der Band Brummtopf

Ausgehend von dieser Werkstatt in Leipzig entwickelte sich in der DDR ein neues Musikgenre und zugleich eine eigenständige Jugend-Subkultur, die vom "vormundschaftlichen Staat" teils großzügig gefördert, teils misstrauisch überwacht und kleinlich gegängelt wurde. In den 1980er-Jahren umfasste die Szene etwa 120 Bands. Hochburgen waren neben der Hauptstadt Ostberlin die Bezirksstädte Leipzig, Erfurt und Halle.

Bei Deutschlands größtem Festival für Weltmusik, dem TFF in Rudolstadt, tanzen Besucher zur "Unverschämten Wirtshausmusik" vor der Heidecksburg
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Das Rudolstadt-Festival bündelt Erfahrungen aus Ost und West, zeigt lokale Musiktraditionen und holt Bands aus aller Welt nach Thüringen. Grit Friedrich über das Festivals, das als TFF vor mehr als 25 Jahren begann.

MDR KULTUR - Das Radio Di 25.10.2016 18:05Uhr 05:37 min

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Dass heute in Rudolstadt Deutschlands größtes und vielfältigstes Festival für Folk, Roots und Weltmusik stattfindet, hat auch mit der Leipziger Folkwerkstatt von 1976 zu tun. Was schon daran zu sehen ist, dass sowohl der Festivaldirektor Ulrich Doberenz als auch der Chefgrafiker Jürgen B. Wolff schon vor 40 Jahren bei dieser allerersten DDR-Folkwerkstatt auf der Bühne standen.

Illustrierte Zeitgeschichte 40 Jahre DDR-Folkszene im Bild

Das Deutschfolk-Revival im Osten begann später als im Westen – und entwickelte sich unter anderen Bedingungen. Das zeigt das Buch "Volkes Lied und Vater Staat" auch mit Fotos, Plakaten, Plattencovers. Hier eine Auswahl.

Gitarrenkoffer mit Aufklebern von DDR-Folkbands
Schätzungsweise 120 Bands gehörten zwischen Mitte der 70er-Jahre und 1990 zur Folkszene der DDR. Am Anfang dominierte das Lied, dann holte man den Volkstanz von der Bühne wieder auf den Tanzboden, schließlich wurden Bordun-Instrumente selbstgebaut und weiterentwickelt. Bildrechte: Sammlung Wolfgang Leyn
Plakat der ersten DDR-Folkwerkstatt 1976 in Leipzig, gestaltet von Jürgen Wolff
Plakat der ersten DDR-Folkwerkstatt im Oktober 1976, gestaltet von Jürgen Wolff, damals Student der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, Chef der Band Folkländer und Spiritus rector der Werkstatt. Bildrechte: Sammlung Wolfgang Leyn
Jack & Genossen Berlin bei den Folklretagen in Erfurt 1979
Jack & Genossen - hier 1979 während der Folkloretage in Erfurt - wurde 1973 von dem an der Ostberliner Humboldt-Universität lehrenden Anglistik-Dozenten Jack Mitchell gegründet (rechts im Bild). Mit ihren Interpretationen irischer Folklore waren sie zu Beginn vorbildgebend für die DDR-Folkszene. Bildrechte: Jürgen Hohmuth/zeitort
Liedehrlich Gera beim 3. Berliner Folklorefest 1980
1980 trat Liedehrlich aus Gera beim Folklorefestival in Berlin auf. Spezialität des Trios mit Stephan Krawczyk (rechts im Bild) waren Volkslieder, mit denen man "durch die Blume" aktuelle Zustände kritisieren konnte. Bildrechte: Harald Mohr
Almut Kokott von Wacholder in Cottbus spielt Brummtopf
Eines der beliebtesten Musikinstrumente in der Frühzeit der DDR-Folkszene war der Brummtopf (hier spielt ihn Almut Kokott von Wacholder). Natürlich waren die Brummtöpfe selbstgebaut. Bildrechte: Jürgen Hohmuth/zeitort
Plakat 2. Folklorewerkstatt in Leipzig, Gestaltung Jürgen Wolff
Plakat der 2. zentralen DDR-Folklorewerkstatt 1981 in Leipzig, gestaltet von Jürgen Wolff. Diese geselligen Werkstattwochenenden waren Neuigkeitenbörsen, Familientreffen und Stimmungsbarometer der Szene. Bildrechte: Sammlung Wolfgang Leyn
Volkstanzschule Leipzig, um 1984
Viele wollten tanzen, aber (fast) niemand wusste, wie's ging. Nach dem Vorbild der Táncház-Bewegung in Ungarn gaben Tanzmeister und Vortanzpaare Hilfestellung. Beim Folkklub in Leipzig wurde 1984 die einzige Volkstanzschule dedr DDR gegründet (hier Tanzlehrerin Sigrid Doberenz beim Gassentanz). Bildrechte: Archiv Folkklub Leipzig
Gitarrenkoffer mit Aufklebern von DDR-Folkbands
Schätzungsweise 120 Bands gehörten zwischen Mitte der 70er-Jahre und 1990 zur Folkszene der DDR. Am Anfang dominierte das Lied, dann holte man den Volkstanz von der Bühne wieder auf den Tanzboden, schließlich wurden Bordun-Instrumente selbstgebaut und weiterentwickelt. Bildrechte: Sammlung Wolfgang Leyn
Musiker musizieren
Session mit Irish Folk mit Musikern aus Berlin, Greifswald und Leipzig während der ersten DDR-Folkwerkstatt 1976 im Leipziger Grafikkeller. 600 Besucher erlebten die "Geburtsstunde" der Szene mit. Bildrechte: Harald Mohr
Folkländer während der ersten DDR-Folkwerkstatt im Oktober 1976 in Leipzig
Die gastgebende Band Folkländer bot während der Folkwerkstatt ein rein irisches Programm. Später gründete sie mit weiteren Bands aus Berlin, Erfurt, Potsdam und Greifswald das basisdemokratische Folklore-Initiativkomitee, das sich aber schon 1977 wieder auflösen musste. Bildrechte: Harald Mohr
2. Berliner Folklorefest 1979 im Hof des Hauses der jungen Talente
Von 1978-1982 fanden im Haus der jungen Talente, dem größten Jugendklubhaus in Ostberlin, Folklorefestivals statt, die wichtigsten damals in Ostdeutschland. Bildrechte: Harald Mohr
Wacholder
Wacholder aus Cottbus 1980 beim Folklorefestival in Hoyerswerda. Die Gruppe, die vor allem aus Bauingenieur-Studenten bestand, glänzte durch eigene Kompositionen und dramaturgisch gestaltete Programme, zum Beispiel mit Liedern der Revolution von 1848. Bildrechte: Thomas Neumann/www.neumgraf.de
Manoli Melidonie, Konzertina, "Bruder Anton" Freiberg 80er-Jahre
Noch stärker soundprägend in der ostdeutschen Folkszene waren Konzertina und Bandoneon. Mindestens 30 Bands spielten eines der beiden Instrumente (hier Manoli Melidonie von Bruder Anton aus Freiberg). Bildrechte: Foto privat
Konzertina-Workshop mit Walther Gläsel, DDR-Folk-Werkstatt Leipzig 1981
Konzertina-Workshop mit Walther Gläsel (ganz rechts im Bild) während der zentralen DDR-Folk-Werkstatt 1981 in Leipzig. Bildrechte: Peter Uhlmann
Folksblatt Nr. 2/1982
Als Informationsblatt für die Teilnehmer der zentralen DDR-Folkwerkstätten erschien 1981 erstmals das Leipziger Folksblatt (hier die Nummer 2 von 1982, gestaltet von Jürgen Wolff). Die Autoren kamen aus der Szene, immer wieder griff die Zensur ein. Ab 1984 wurde das Folksblatt ein DDR-weites Szeneblatt, ähnlich dem westdeutschen folk-MICHEL. Bildrechte: Sammlung Wolfgang Leyn
Plakat des (verbotenen) Folklorefestivals 1981 in Friedrichswalde
Plakat des (verbotenen) Folklorefestivals 1981 in Friedrichswalde, einem Dorf nördlich von Berlin. Das de facto privat organisierte Festival wurde sechs Wochen vor Beginn abgesagt, wohl aus Angst vor der nicht kontrollierbaren Zusammenballung von mehreren tausend Jugendlichen. Bildrechte: Klaus Bädicker
Die Folkband Folkländer aus Leipzig beim Festival des politischen Liedes 1982
Zum alljährlichen internationalen Festival des politischen Liedes in Ostberlin wurden ab 1975 auch DDR-Folkbands eingeladen, hier 1982 die Band Folkländer. Das Festival bot die seltene Gelegenheit, Musiker aus den westlichen Ausland persönlich kennenzulernen und gemeinsam mit ihnen zu spielen. Bildrechte: Thomas Neumann/www.neumgraf.de
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 Lieder mit doppeltem Boden

Plakat 2. Folklorewerkstatt in Leipzig, Gestaltung Jürgen Wolff
Bildrechte: Sammlung Wolfgang Leyn

Auf der Suche nach ursprünglichen, deftigen, kämpferischen Liedern, ähnlich den irischen, wurden die Bands fündig in Wolfgang Steinitz' Sammlung "Deutsche Volkslieder demokratischen Charakters aus sechs Jahrhunderten" (Ostberlin 1954/1962). Dieses zweibändige Werk wurde eine Art "Bibel" für die Folkszene in beiden deutschen Staaten. DDR-Bands konnten mit diesen "neuen alten Liedern" außerdem ungefährdet realsozialistische Zustände kritisieren – Zensur, mangelnde Reisefreiheit oder den Wehrdienst in der Nationalen Volksarmee. So erhielten die Lieder im Osten einen "doppelten Boden, den sie im Westen nicht hatten (aber auch nicht brauchten).

Wer hätte nach Biermanns Abgang ein singbares Auswandererlied schreiben können? Oder besser dürfen. Die Folkies durften und konnten. Denn sie mussten es nicht selber schreiben, sondern nur finden und spielen. Das Etikett 'traditionell' gab freies Geleit. Die Folkbands wurden Meister im Jonglieren mit Anspielungen, Witzen und Parabeln.

Jürgen B. Wolff,  1976 Mitbegründer von Folkländer

Die neue Lust am Volkstanz

Blick von der Bühne auf der Heidecksburg beim TFF Rudolstadt 2015
Bildrechte: Foto: Silvia Hauptmann

Im Unterschied zu Schweden oder Ungarn war das Folk-Revival in der DDR zunächst ausschließlich auf das Lied fixiert. Volkstanz war seit den 50er-Jahren eine Domäne der nach sowjetischem Muster entstandenen Volkskunstensembles. Deren auf der Bühne präsentierte Trachtenfolklore fand beim jugendlichen Publikum wenig Anklang.

Ganz anders, als dann in den 1980ern Folkbands zum Tanz aufspielten, wobei nach dem Vorbild der ungarischen Tanzhaus-Bewegung Tanzmeister und Vortanzpaare erklärten und zeigten, wie's geht. Sie hatten im Nu einen Riesenerfolg – in Leipzig, Berlin, Erfurt, Halle, Plauen. Selbst Briten und Schweden staunten bei den Tanzhausfesten ab 1986 über die tausend Tänzer in der Leipziger Kongresshalle.

Volkstanzabende versprachen meist volle Säle, ein begeistertes Publikum und zufriedene Beobachter, denn der Volkstanz hatte natürlich nicht die politische Brisanz der Lieder. Deshalb wurde er auch von einigen Folkgruppen als 'verwässernd' abgelehnt, denn die Brisanz in ihren Texten nahm zu diesem Zeitpunkt zu.

Sigrid Römer, 1980 Tanzmeisterin bei Folkländers Tanzgruppe Kreuz & Square

Mangel macht erfinderisch

JAMS aus Berlin beim Dudelsacktreffen in Slepo/Schleife 1984
JAMS aus Berlin beim Dudelsacktreffen in Slepo/Schleife 1984 Bildrechte: Alexander Neumann

Wer in der DDR Dudelsack oder Drehleier spielen wollte, musste die Instrumente selbst bauen, im Handel gab es sie nicht. Die wohl erste Eigenbau-Drehleier entstand Ende der 70er-Jahre aus einem Soldatenspind der Nationalen Volksarmee.

Wenig später wurden auch Dudelsäcke gebaut, mit Bordunpfeifen aus Spatenstielen von der Bäuerlichen Handelsgenossenschaft. Im sorbischen Dorf Slepo/Schleife trafen sich 1984 und erneut 1988 die Dudelsackspieler und –bauer des Landes. Beim zweiten Mal waren auch Kollegen aus der Tschechoslowakei, aus der Bundesrepublik, aus Schweden und Belgien dabei. In den späten 80ern wurden dann jene Marktsackpfeifen entwickelt, die heute deutschlandweit die Mittelaltermärkte beherrschen und in Schweden "tyska säckpipa" genannt werden.

Die Marktsackpfeife, auch 'A-Schwein' oder 'Osthupe' genannt, avancierte nach 1990 in Deutschland neben der schottischen Great Highland Pipe zum bekanntesten Dudelsacktyp. Ihre Wurzeln hat sie vor allem in der DDR.

Ralf Gehler, Dudelsackspieler und Volkskundler, Schwerin