SPD-Politiker singen zusammen mit dem Bergmannschor auf dem SPD-Bundesparteitag das Arbeiterlied
"Wann wir schreiten Seit' an Seit'" zum Abschluss des SPD-Bundesparteitags 2008 Bildrechte: imago/photothek

Festival-Schwerpunkt Arbeiterlied - vom Kampfgesang zum Protestsong

Im Mittelpunkt des Rudolstadt-Festivals stand neben dem Länderschwerpunkt Estland und dem Deutschen Weltmusikpreis RUTH in diesem Jahr das Arbeiterlied. 2014 nahm die deutsche UNESCO-Kommission das "Singen der Lieder der deutschen Arbeiterbewegung" ins bundesweite Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes auf. Diesem Liedgenre, das in Vergessenheit zu geraten droht, widmet das Festival mehrere Veranstaltungen: Experten diskutierten darüber, es gab eine "brachialromantische Grablegung", einen Gesangs-Workshop, eine Ausstellung und ein Konzert mit Künstlern aus sechs Ländern.

SPD-Politiker singen zusammen mit dem Bergmannschor auf dem SPD-Bundesparteitag das Arbeiterlied
"Wann wir schreiten Seit' an Seit'" zum Abschluss des SPD-Bundesparteitags 2008 Bildrechte: imago/photothek

Wissenschaftliche Konferenz

Dem Arbeiterlied war am Freitag die internationale Fachtagung "Labour Songs Across the Globe" gewidmet. Wissenschaftler aus Deutschland, Schweden, Serbien, Großbritannien, Kanada und den USA referierten über die Entwicklung dieses Liedgenres, das sich mit der Industrialisierung seit 150 Jahren von Europa aus international verbreitete. Zwar spielt es in seiner traditionellen Form aktuell im Alltag kaum noch eine Rolle. Doch sein Erbe hat das politisch engagierte Lied von heute wesentlich mitgeprägt. Oder umgekehrt: Arbeiterlieder waren die Protestsongs des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Ausstellung

Arbeiterlied - Brecht/Eisler: Stempellied, Titelblatt
"Stempelllied" von Brecht/Eisler, Titelblatt Bildrechte: Rudolstadt-Festival/Ausstellung

Die Geschichte des Arbeiterliedes in Deutschland lassen Maren Köster und Thomas Neumann während des Festivals und danach bis noch zum 29. Juli in ihrer Ausstellung auf der Heidecksburg lebendig werden. Von den Anfängen um die Mitte des 19. Jahrhunderts über Höhepunkte während der Weimarer Republik bis zur Zerstörung der proletarischen Liedkultur durch die Nazis nach 1933. Das reicht vom jenem Lied aus dem schlesischen Weberaufstand von 1844, das durch Polizeiprotokolle überliefert ist und das Gerhard Hauptmann später in sein Theaterstück "Die Weber" übernahm, über die kämpferischen Agitprop-Songs von Bertolt Brecht und Hanns Eisler aus den 1920er-Jahren bis zur Verfälschung des Arbeiterliedes "Brüder, zur Sonne zur Freiheit" durch die Nazis nach 1933.

Arbeiterchor, 20er-Jahre
Arbeiterchor, 20er-Jahre Bildrechte: Rudolstadt-Festival/Ausstellung

Zu sehen sind Autographen weit verbreiteter Arbeiterlieder, Chorbücher proletarischer  Gesangvereine, die Signaltrompete des Roten Frontkämpferbundes Rudolstadt oder Schellackplatten mit Arbeiterliedern aus Deutschland und dem Ausland. Alles zusammen ergibt ein buntes Bild voller Widersprüche, das auch mit mancherlei Legenden aufräumt.

Songposium

Rudolstadt am Freitag, Impressionen
Songposium zum Arbeiterlied Bildrechte: MDR/Holger John

Um Arbeiterlieder ging es am Freitag auch im "Songposium", einer ganz besonderen Aufführungsform des Rudolstadt-Festivals, bei der mit musikalischen, theatralischen und multimedialen Mitteln Liedgeschichte wissenschaftlich genau und zugleich höchst unterhaltsam präsentiert wird – durch das Duo Sonnenschirm, durch Lied-Experten und durch Schauspieler von Rudolstädter Theater, diesmal verstärkt durch Jens-Paul Wollenberg & Pojechaly sowie das Stahlquartett. "Arbeiterlied – eine brachialromantische Grablegung. Oder Totgesagte leben länger" hieß das Motto.

Konzert

Am Sonntag, dem Abschlusstag des Festivals, treten Künstler aus sechs Ländern auf, die ihre Kunst auch als politisches Ausdrucksmittel verstehen: "Bella Ciao" bringt  Arbeiter- und antifaschistische Widerstandsliedern aus Italien auf die Bühne, Hańbaǃ polnische Lieder aus den 20er-Jahren im folk-punkigen Gewand. Dabei sind auch Ramy Essam aus Ägypten, bekannt geworden als "Stimme des Arabischen Frühlings", Lankum aus Irland, Clark D. "Bucky" Halker aus den USA sowie Wenzel und Band. Von Wenzel stammt auch das Motto des Konzerts "Die Welt ist da für dich und mich", seine Adaption des Folksongs von Woody Guthrie "This Land Was Made For You And Me".

Rudolstadt am Freitag, Impressionen
Wenzel beim Rudolstadt-Festival 2018 Bildrechte: MDR/Holger John

Das Arbeiterlied ist eine Kunstform, die versucht hat, eine Stimme für die Schwachen in dieser Welt zu sein. An diese Tradition anzuschließen, finde ich einen sehr wichtigen Impuls, gerade in diesen Zeiten, wo wir dabei sind, unsere Menschlichkeit abzuschaffen und nicht mehr daran zu glauben, dass alle Menschen gleich sind.

Hans-Eckardt Wenzel MDR KULTUR

Workshop, CD, Buch

Ob, und wenn ja, wie man Arbeiterlieder heute selbst singen kann, dazu gab es einen Workshop. Dem Programmheft des Festivals lag eine CD mit historischen Aufnahmen bei. Und der Musikwissenschaftler Eckhard John präsentierte beim Festival sein Buch "Brüder, zur Sonne zur Freiheit: Die unerhörte Geschichte eines Revolutionsliedes", erschienen im Christoph Links Verlag Berlin.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR-Spezial | 05. Juli 2018 | 18:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 09. Juli 2018, 19:51 Uhr