Interview mit Geschäftsführer Olaf Zimmermann "Keine Sekunde verzichtbar": Kulturrat stellt sich hinter öffentlich-rechtlichen Rundfunk

Sachsen-Anhalt will als einziges Bundesland dem Medienstaatsvertrag nicht zustimmen. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten klagen dagegen vor dem Bundesverfassungsgericht. An dem Vertrag hängt auch die Erhöhung des Rundfunkbeitrags um 86 Cent. Seit 2013 war der Beitrag stabil. Wenn die Erhöhung nicht zum 1. Januar 2021 kommt, geraten ARD, ZDF und Deutschlandfunk in finanzielle Probleme. Der Deutsche Kulturrat fürchtet negative Folgen für die Medienlandschaft – und für die Kultur, wie Geschäftsführer Olaf Zimmermann im Gespräch erklärt.

Olaf Zimmermann, Geschaeftsfuehrer Deutscher Kulturrat. 8 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mi 09.12.2020 06:00Uhr 08:12 min

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MDR KULTUR: Herr Zimmermann, wieso ist der Kulturrat so entschieden Lobby für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk?

Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist einer unserer wichtigsten Partner. Einerseits ist er selbst Kulturproduzent: Er betreibt Chöre und Orchester, produziert Hörspiele, Fernsehspiele und Musik - und verbreitet das alles. Andererseits berichtet er natürlich auch über Kultur. Das macht niemand so intensiv wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk. Deswegen gibt es dort eine enge Partnerschaft, die uns gerade im Kulturbereich sehr nützt.

Sie sind also für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, gehören aber nicht dazu. Das macht Sie genau zum richtigen Ansprechpartner, um einmal alle Gegenargumente durchzusprechen. Wir legen los mit dem Reformstau, der ARD & Co vorgeworfen wird. Was sagen Sie dazu?

Ja, den gibt es. Das sind riesige Tanker, die natürlich eine gewisse Unbeweglichkeit haben. Da sie unabhängig sind, muss die Reform aber von innen kommen. Das ist mir ganz wichtig dabei: Diese Reform ist nicht die Aufgabe der Politik, auch nicht in Sachsen-Anhalt. Das müssen die öffentlich-rechtlichen Einrichtungen selber machen. Da sind sie laut Verfassung autonom. Ich bin jetzt nicht permanent nur begeistert vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk und finde dort alles super. Es gibt eine Menge zu tun. Aber die Arbeit lässt sich nur machen, wenn die Öffentlich-Rechtlichen auch vernünftig weiter existieren können. Deswegen bekommt man keine Reform hin, indem man den Geldhahn zudreht.

Da nennen sie zwei wichtige, oft diskutierte Stichworte: Autonomie und Unabhängigkeit. Was ist mit dem "Staatsfunk"-Vorwurf?

Ich glaube, dass der wirklich Quatsch ist. Gerade jetzt bei der ganzen Corona-Debatte haben wir noch einmal gesehen, dass die Öffentlich-Rechtlichen natürlich nicht weisungsgebunden sind. Und das ist gut so. Das ist der Kern unserer Demokratie. Wir wollen keinen Rundfunk, der Anweisungen vom Staat erhält. Deswegen gibt es auch immer wieder Auseinandersetzungen, sind auch Politikerinnen und Politiker manchmal unglücklich darüber, wie der öffentlich-rechtlichen Rundfunk berichtet.

Nächster Vorwurf: zu viele Programme. Wer braucht die alle?

Wir im Kulturbereich. Für uns ist das ganz wichtig. Alle Landesrundfunkanstalten haben ihre Kulturprogramme, wodurch die Vielfalt in unserem Land abgebildet wird. Wir wollen keine einheitliche Berichterstattung haben, weil es nicht die eine Kultur in Deutschland gibt. Es gibt ganz verschiedene Kulturen. Und ich finde es super, dass die in dieser Vielfalt abgebildet werden. Dafür brauchen wir eben auch viele Programme. Durch Reduzierung der Programme würden wir nur mehr Einfalt erzeugen.

Aus Sachsen-Anhalt kommt sehr stark die Kritik, dass der Osten inhaltlich zu wenig vorkäme - und wenn, dann sehr stereotyp als Problemregion. Wie sehen Sie das?

Das tut jeder: Auch wir im Kulturbereich sagen immer, dass wir viel zu wenig vorkommen. Das ist richtig, sicher auch beim Thema Osten. Aber wir sind jetzt 30 Jahre nach der Wende. Der Osten hat zwei Rundfunkanstalten für sich allein, den MDR und den RBB - und dann quasi noch ein Drittel des Norddeutschen Rundfunks. Da arbeiten viele Menschen - allein 3.700 Planstellen bei MDR und RBB. Da bin ich mir sicher, dass die hinkriegen, dass es auch eine angemessene Berichterstattung aus dem Osten gibt.

Kommen wir zu den Gehältern der Intendantinnen und Intendanten. Finden Sie auch, dass die zu viel verdienen?

Im Vergleich zu meinem Einkommen und höchstwahrscheinlich zu dem der meisten anderen Nutzer des öffentlich-rechtlichen Angebots, verdienen sie sehr viel. Wenn man das aber mit einer ähnlichen Position in der freien Wirtschaft vergleicht, verdienen sie noch verhältnismäßig wenig. Wir müssen immer schauen, was wir wollen: Natürlich stockt auch mir ein wenig der Atem, wenn ich die Intendantengehälter sehe. Aber wir brauchen für diese großen Einrichtungen auch wirklich die Besten der Besten. Die bekommt man im Wettbewerb nur, wenn man sie auch angemessen bezahlt. Und deswegen verdienen sie so viel.

Wie gut erfüllt der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk Ihrer Meinung nach seinen Kulturauftrag?

Ich glaube unzureichend. Das sagen wir als Kulturrat auch immer wieder. Es gibt viele Lücken in der Kulturberichterstattung. Man könnte gerade jetzt in der Corona-Krise noch mehr machen, damit der Kulturbereich sichtbarer wird. Die Frage, ob der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinen Auftrag voll umfänglich wahrnimmt, ist berechtigt. Die muss man auch stellen. Diese Debatte ist notwendig. Das bedeutet aber nicht, dass wir auch nur eine Sekunde auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verzichten können.

Das Gespräch führte Carsten Tesch.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Dezember 2020 | 12:10 Uhr

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