Ruth Wolf-Rehfeldt Kunst mit Schreibmaschinen: Wie eine 87-jährige Ostdeutsche plötzlich Erfolg hat

Mit fast 90 Jahren erlebt die ostdeutsche Künstlerin Ruth Wolf-Rehfeldt nach Jahrzehnten unerwartet ihren Durchbruch und wird weltweit zum Star: Mit ihrer Mail Art und Schreibmaschinen-Kunst, die sie längst nicht mehr macht. Während sie in der DDR kaum beachtet wurde und die Stasi ihre Briefe mitlas, hat sie es nun bis zur Documenta und ins Albertinum nach Dresden geschafft.

von Detlef Suske, MDR KULTUR

Es ist eine ganz eigene, versunkene Welt – die Welt der Schreibmaschinengrafiken. Seltsame grafische Gebilde, aus Buchstaben, Satz- und Sonderzeichen: Ruth Wolf-Rehfeldt hat sie geformt, doch fast 30 Jahre lagen sie vergessen bei ihr zu Hause in der Schublade. Die Blätter tragen Titel wie "Auslichtung" oder "Try and Error" und bestehen nur aus wenigen Buchstaben.

Mail Art aus den Siebzigern

Die Galeristin Jennifer Chert hat die inzwischen 87-jährige Künstlerin entdeckt, die die Kunst des Typewritings entwickelt hat, mit der Schreibmaschine, die heute museal wirkt und mit der Sekretärinnen normalerweise emsig die kreativen Ergüsse der männlichen Vorgesetzten abtippten. Wolf-Rehfeldt benutzte sie als Malwerkzeug – allein das war schon Provokation und poetische Umwidmung zugleich. Mail Art nannte man diese Werke, die in den 1970er Jahren in einer Kunstszene Mode wurden und die man sich weltweit gegenseitig zuschickte.

Unerwarteter später Erfolg

Als die Galeristin Chert nach Recherchen Wolf-Rehfeldts Arbeiten in Archiven in Südamerika begegnet, ist sie begeistert. "Vor allem waren wir sehr angetan von der einfachen Ästhetik, die aber sehr speziell und ungewöhnlich ist", sagt Chert. "Wie sie konkrete Poesie visuell umsetzt, fast wie in der Malerei, wie sie mit der Idee von Illusion und Dreidimensionalität arbeitet!"

Der Rest klingt fast wie ein Märchen. 2015 gibt es eine Ausstellung in der Galerie von Jennifer Chert in Berlin. 2017 folgt die Documenta in Kassel und damit der internationale Durchbruch. Im übernächsten Jahr ist eine Schau in Berkeley in den USA geplant. Der späte Erfolg hat die Künstlerin völlig überrascht. "Ich staune doch, dass Sachen, die eigentlich nicht aktuell sind, so eine Aktualität auf einmal bekommen haben", sagt Ruth Wolf-Rehfeldt. "Staunen ist eigentlich das einzige Wort, was ich immer wieder sagen kann."

Von Wurzen in die Berliner Kunstszene

Ruth Wolf wird 1932 im sächsischen Wurzen geboren, macht eine Industriekauflehre und geht Anfang der 1950er Jahre nach Berlin, wo sie den Grafiker Robert Rehfeldt kennenlernt. Der verdient sein Geld mit Zeichenaufträgen für staatliche Publikationen, arbeitet aber auch als Künstler und nimmt an Ausstellungen teil. Die beiden heiraten. Ruth Wolf kommt mit der Berliner Kunstszene in Kontakt und beginnt zu malen, doch sie sucht nach neuen künstlerischen Wegen.

Die Stasi liest mit

Ruth Wolf-Rehfeldt
Ruth Wolf-Rehfeldt Bildrechte: imago/Rolf Zöllner

An der Schreibmaschine ausgebildet, beginnt sie Anfang der 1970er Jahre ihre Grafiken. In der DDR liegt sie damit jenseits staatlicher Kunstnormen, kann nicht wirklich davon leben und arbeitet zeitweise in Nebenjobs. Weil es Spaß macht und internationalen Austausch bringt, verschicken Wolf und Rehfeldt ihre Arbeiten mit der Post in alle Welt. Repressionen erfahren die beiden Künstler wenig, denn die Bilder sind nie offenkundig politisch, kein direkter Protest. So können sie ihre Kontakte nach Italien, Kanada oder Brasilien nahezu ungehindert aufbauen. Die Stasi aber liest mit. "Wir hatten eine Menge Post", erinnert sich Ruth Wolf-Rehfeld. Sie sei dann zu  verschiedenen Briefkästen gegangen und habe sie verteilt. "Das war aber Quatsch. Die (gemeint ist die Stasi, Anm. d. Red.) haben das gesammelt und doch alles angesehen." In der DDR werden die Arbeiten nur selten ausgestellt. Und nach der Wende endete auch die Blütezeit der Mail-Art. Neue Technologien entstanden, die Kommunikation per Post wird altmodisch in dieser Zeit. Und so gibt Wolf-Rehfeldt ihre künstlerische Arbeit um 1990 auf.

Einige ihrer Grafiken sind heute im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden. Weltweit ist das Interesse an Ruth Wolf-Rehfeldt inzwischen groß. Doch warum kommt der künstlerische Erfolg so spät? "Ruth Wolf-Rehfeldt teilt das Schicksal mit vielen Künstlerinnen, die eben erst ein bestimmtes Alter erreichen müssen, um Erfolg zu haben, um wahrgenommen zu werden, um ernst genommen zu werden", sagt Kuratorin Kathleen Reinhardt, die Wolf-Rehfeldts Werk im Albertinum betreut.

Schreibmaschinen-Strukturen wie Strickmuster

Rund 1000 Werke gibt es heute von Wolf-Rehfeldt. Schreibmaschinen-Strukturen, die manchmal an Strickmuster erinnern, manchmal an brutalistische Buchstaben-Wohnblöcke. Manchmal kippt die Ordnung ins Chaos – mit wilden Über- und Aneinanderreihungen von Sonderzeichen. So baut sie mit simplen Schrifttypen virtuose grafische Kompositionen, die sehr hermetisch wirken und zugleich sehr kommunikativ sind. "Es ist natürlich auch Kunst von Kunstschaffenden, die sehr bewusst hinter dem Eisernen Vorhang agiert haben, wie eben Ruth Wolf-Rehfeldt und Robert Rehfeldt, und trotzdem natürlich auch unabhängig geblieben sind", sagt Kuratorin Reinhardt. "Und das ist im öffentlichen Interesse eine besonders spannende Kombination."

Auch wenn jetzt die Anerkennung für ihr Werk endlich da ist, neue Arbeiten wird es von Ruth Wolf-Rehfeldt wohl nicht mehr geben. "Das ist einfach eine andere Zeit und ich habe mich irgendwie so geändert und die Zeiten haben sich geändert und das geht nicht mehr", sagt die Künstlerin. "Es gibt so viel Kunst, da brauch' ich nicht auch noch welche machen!", hat Wolf-Rehfeldt auf Nachfrage bescheiden geantwortet. Zum Glück hat sie in jungen Jahren viel davon gemacht. Im Ausstellungsprogramm der Galerie ChertLüdde in Berlin-Kreuzberg sind heute zahlreiche Arbeiten von ihr regelmäßig zu sehen.

Ruth Wolf-Rehfeldt
Briefumschlag aus Buchstaben: Eines der Werke von Ruth Wolf-Rehfeldt Bildrechte: imago/Rolf Zöllner

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | artour | 28. November 2019 | 22:05 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. Dezember 2019, 10:14 Uhr

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