Debütalbum S.G. Goodman "Es geht darum, den Moment festzuhalten"

"Old Time Feeling" ist das erstaunliche Debütalbum von S.G. Goodman, der Musikerin aus Kentucky. Noch ist es ein Geheimtipp. Aber bald ganz sicher nicht mehr. Denn Goodman öffnet die Herzen vom ersten Ton an. Sie hat eine unglaublich traurige, melancholische Stimme, die aber auch positive und hoffnungsvolle Töne transportiert. Musikalisch gehört sie im weitesten Sinne dem Southern Rock an, also der Rockmusik mit den Wurzeln in Blues, Gospel, Country und Folk. Ihre große Kunst ist es, dieses Genre zu erweitern, zu personalisieren und zu erneuern.

S.G. Goodman ist auf dem Land groß geworden, ihre musikalische Erziehung fand in der Kirche statt. In ihrem 3.000-Seelenort gehörten die Kirchgänge zu den großen Ereignissen der Woche, erklärt sie: "Wenn ich nach meinen musikalischen Einflüssen gefragt werde, sage ich immer: Ich war schon als Kind dreimal die Woche auf einem Konzert. Die Art zu singen, die Melodien – da ist einiges vom Gottesdienst hängen geblieben."

Den Moment festhalten

Goodman kann einen Raum in minimaler Besetzung füllen – aber sie kann es auch rocken lassen. Manchmal hört man bei ihr Einflüsse von Sixties-Westcoast-Sound, Jefferson Airplane oder The Birds um Roger McGuinn heraus. Leicht finden sich zudem Neil-Young-Anklänge.

S.G. Goodman, Old Time Feeling, Album-cover
Cover des Albums "Old Time Feeling" von S.G. Goodman Bildrechte: Verve

Gleichzeitig ist Goodman eine eigenständige Künstlerin, die keine Vergleiche zu scheuen braucht. Old Time Feeling ist eines der aufregendsten, aufwühlendsten Alben des Jahres aus den USA. Ein wunderbarer sprichwörtlich ungeschliffener Edelstein – was Goodman auch wichtig war:

Ich mag es nicht, wenn Musik zu poliert klingt. Ich will, dass man den Raum hört, in dem wir aufgenommen haben. Man hört, wie wir da rumpoltern. Es geht nicht um die Studiotechnik. Es geht darum, den Moment festzuhalten. Wenn du einen Song aufnimmst, hältst du ein Stück Zeit in einer Audio-Form fest.

S.G. Goodman

Kein Mainstream

Goodman leidet an Obsessive compulsive disorder (OCD), einer Zwangsstörung, die zu Angstzuständen führt. Kein leichtes Los. Aber vielleicht macht zumindest gerade das die spürbare Intensität ihrer Musik aus.

OCD – Obsessive compulsive disorder – hat durchaus positive Auswirkungen auf meine Art zu komponieren. Viele Menschen, sagen wir, 'verdauen' Musik. Sie brauchen immer wieder neue Musik. Ich kann ein Album endlos oft hören, mich komplett hineinfallen lassen. Ich höre dann jede Nuance. Und ich denke, meine Musik spiegelt das wider.

S.G. Goodman

Ihr Debüt "Old Time Feeling" ist voller Nuancen und vielschichtig. Oft Country aber nie Mainstream. Geboren aus Folk-Traditionen aber auch elektrifiziert. Balladesk aber auch rebellisch.

Kentucky soll die USA verändern

Goodman ist offen lesbisch und lebt damit mitten im erzkonservativen Süden. Aber auf den Süden der USA, in all seiner Schönheit und Vielfalt lässt sie nichts kommen.

Selbstbewusst sagt Goodman, dass die wichtigste Wahl des Jahres genau hier in Kentucky stattfinden wird – mit Auswirkungen auf die ganze Welt: "Die Welt tut gut daran, in diesem Jahr auf Kentucky zu schauen. Denn genau hier werden wir Senator Mitch McConnell von seinem Thron stoßen. Breonna Taylor wurde hier im Schlaf von Polizisten erschossen. McConnell hat das ungestraft geschehen lassen. Er ist der mächtigste Mann Amerikas. Denn er leitet die Geschicke von Trumps Apparat. Amy McGrath ist hier die Kandidatin der Demokraten. Wir werden ihr hier zum Sieg verhelfen und das Land ändern."

Goodman ist eine selbstbewusste, eine kämpferische Stimme aus dem Süden. Ist sie gar auf der Bildfläche erschienen, um uns den Glauben an die USA zurückzugeben? Man möchte es glauben. Sicher ist: Intensiver, authentischer haben die USA schon lange nicht mehr geklungen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Juli 2020 | 07:40 Uhr