Besucher vor dem Cafe de Flore in Paris, 2000
Bildrechte: IMAGO

Sachbuch "An den Ufern der Seine": Die magischen Jahre von Paris

Agnès Poirier lebt und arbeitet in London und Paris und schreibt für Zeitungen wie "Le Monde", den "Guardian" und die "Times". Ihr jüngstes Buch handelt vom Paris der 40er-Jahre. "Left Bank" lautet der Originaltitel. Damit ist das linke Ufer der Seine gemeint, wo das Quartier Latin, die Umgebung der Kirche St. Germain-des-Prés, das Montparnasse-Viertel und die Sorbonne-Universität zu finden sind. Hier tummeln sich die Intellektuellen und Künstler. "An den Ufern der Seine" beschreibt, wie sich das Geistesleben in Paris während der deutschen Besatzung und unmittelbar nach dem Krieg entwickelt hat – und welche Impulse von ihm ausgegangen sind.

von Ulrich Rüdenauer, MDR KULTUR

Besucher vor dem Cafe de Flore in Paris, 2000
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1944 – Frankreich wird befreit von den Nazis, erlöst von den Besatzern. Kaum ist der Krieg vorbei, blüht in Paris auf, was in den letzten Kriegsjahren bereits gesät worden war: Galerien und Verlage, Zeitschriften und Zeitungen werden zu Bühnen lustvoller theoretischer Auseinandersetzungen. Literatur, Musik, Theater – damals noch junge, aber vom Krieg zutiefst erschütterte Menschen holen nach, was ihnen während der deutschen Okkupation und des Widerstands versagt geblieben war.

Der Jazztrompeter Miles Davis
Der Jazztrompeter Miles Davis ließ sich in den 40er-JAhren in Paris nieder. Bildrechte: imago/Leemage

Der intellektuelle Aufbruch geht einher mit einer sexuellen Freizügigkeit, der kulturelle mit einer Befreiung in allen Lebensbereichen – zumindest gilt das für eine kleine privilegierte Schicht, die sich am linken Ufer der Seine einen neuen Ideen-Kosmos schaffen. Die Zentralgestirne sind natürlich Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir und Albert Camus. Aber es gibt etliche Planeten, die um diese Sonnen kreisen und auf ihren Umlaufbahnen selbst viel Sternenstaub aufwirbeln: Boris Vian, Simone Signoret oder Juliette Gréco, um nur ein paar davon zu nennen. Auch viele Amerikaner und Briten kommen wieder in die Metropole des Geistes, der Mode, der Musik und des Sex: Saul Bellow und Janet Flanner, Arthur Koestler und Samuel Beckett. Einige Afroamerikaner wie Richard Wright, James Baldwin oder Miles Davis lassen sich in Paris nieder und entfliehen dem bedrückenden Rassismus in ihrer Heimat. Paris war bereits ein Mythos. Aber in den vierziger Jahren erfährt er eine Aktualisierung, die bis heute unser Bild von der Weltstadt und ihrem Geistesleben prägt.

Agnès Poirier: An den Ufern der Seine (Cover) 5 min
Bildrechte: Klett-Cotta Verl

MDR KULTUR - Das Radio Mi 24.04.2019 07:40Uhr 05:23 min

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"Dichter und Dramatiker verabschiedeten sich allmählich vom Realismus und erfanden das absurde Theater; angehende Maler überwanden den sozialistischen Realismus, testeten die Grenzen der geometrischen Abstraktion aus und verschrieben sich dem Action Painting. Philosophen gründeten neue Denkschulen wie den Existenzialismus und gleichzeitig eine politische Partei. Aufstrebende Schriftsteller fanden im Kontakt mit der Pariser Gosse und den schäbigen Studentenbuden von Saint-Germain-des-Prés zu ihrer Stimme, andere entwickelten den Nouveau Roman." (Auszug aus "An den Ufern der Seine")

Weder akademische Analyse noch literarische Fiktion

Agnès Poirier: An den Ufern der Seine (Cover)
Agnès Poirier: An den Ufern der Seine (Cover) Bildrechte: Klett-Cotta Verl

Die französische Journalistin und Autorin Agnès Poirier, die seit einigen Jahren in London lebt, beschäftigt sich in ihrem neuen Buch mit diesen Jahren und dieser Generation. "An den Ufern der Seine" ist, das schickt sie vorsichtshalber voraus, weder akademische Analyse noch literarische Fiktion. Vielmehr eine erzählerische Annäherung an die Pariser Bohème zwischen 1940 und 1950. In der Tat basiert ihre Collage auf vielen Quellen und Lebenserinnerungen der damaligen Protagonisten. Und die Autorin nimmt sich durchaus literarische Freiheiten. Zuweilen streift sie haarscharf am Klischee vorbei. Aber doch entwickelt diese Geschichte einer kurzen Epoche einen schönen Erzählfluss.

Man erhält ein atmosphärisches Bild der Zeit, hat Teil am Esprit und der Lebensgier der Dichter und Denker. Das Dichten und Denken selbst kommen hingegen ein bisschen kurz: Wer Näheres über den Existenzialismus, über die feministische Theorie de Beauvoirs oder die Werke von Camus wissen will, ist mit diesem Buch eher schlecht bedient. Auch Poiriers These, dass in diesem Nachkriegs-Paris ein Dritter Weg zwischen Kommunismus und Konsumismus erdacht wurde, der zur Europäischen Union führen sollte, wird mehr angetippt als wirklich mit Argumenten ausgeführt.

Poirier nimmt den Leser mit in Cafés, Hotels und Betten

Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir
Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir Bildrechte: IMAGO

Über den Nährboden, auf dem neue Gedanken und Werke gedeihen konnten, lässt sich bei Agnès Poirier allerdings einiges erfahren. Man durchstreift mit ihr die einschlägigen Cafés und Hotels, und besonders interessiert die Autorin, was in den Betten ihrer Helden vor sich geht. Die Frage nach dem "Who is Who" beinhaltet immer zugleich ein "wer mit wem".

"De Beauvoir und Sartre hatten einen Pakt geschlossen, dass ihre Beziehung essentiell sei, während andere Beziehungen, die sie nebenbei unterhalten mochten, kontingent wären. Ihr gemeinsames und gelegentlich getrenntes Leben war wie das sanfte Kräuseln auf einem immer voller werdenden Pool. Neuzugänge im Zirkel von Beauvoir und Sartre akzeptierten in der Regel die Prämisse des kontingenten Charakters ihrer Beziehung zu ihrem Mentor/Geliebten oder ihrer Mentorin/Geliebten, und auch, nachdem die Leidenschaft erloschen war, verkehrte eine erstaunlich große Zahl von ihnen weiterhin freundschaftlich mit de Beauvoir und Sartre." (Auszug aus "An den Ufern der Seine")

"Das sanfte Kräuseln auf einem immer voller werdenden Pool" – der Wille zur etwas schiefen Poesie ist Poirier nicht gänzlich abzusprechen. Im Großen und Ganzen aber ist "An den Ufern der Seine" eine unterhaltsame Reise in jenes Paris, das wir vor Augen haben, wenn wir alte Fotografien von Cartier-Bresson sehen oder den Namen "Café de Flore" hören. Es spielt aber nicht nur auf der nostalgischen Klaviatur; sondern weckt in unseren intellektuell doch eher stagnierenden Zeiten eine Sehnsucht nach Unbedingtheit, Wagemut und Aufbruch.

Angaben zum Buch: Agnès Poirier: "An den Ufern der Seine. Die magischen Jahre von Paris 1940 – 1950."
Aus dem Englischen von Monika Köpfer
erschienen bei Klett-Cotta
552 Seiten

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. April 2019 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 24. April 2019, 04:00 Uhr

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