Nackte Frau
Es gab auch weibliche Casanovas im frühen 19. Jahrhundert. Bildrechte: IMAGO

Biografie einer Verführerin Anne Lister - eine Donna Juan des frühen 19. Jahrhunderts

In Sachen Sex und Abenteuer ist die Wirklichkeit manchmal aufregender als jeder Roman. Das beweist nun die Biografie der englischen Landadligen Anne Lister. Anfang des 19. Jahrhunderts schrieb sie in einem 24-bändigen Tagebuch ihr komplettes Leben als Hausherrin, Unternehmerin, Reisende - aber vor allem als Liebhaberin Dutzender Frauen auf. Die entscheidenden Stellen verschlüsselte sie jedoch in einer Geheimschrift. Vermutlich ahnte sie, dass ihre Zeitgenossen entsetzt gewesen wären über so viel Freizügigkeit und Draufgängertum einer Frau. Autorin Angela Steidele hat Lister anhand dieser Aufzeichnungen porträtiert.

von Bettina Baltschev, MDR KULTUR-Literaturkritikerin

Nackte Frau
Es gab auch weibliche Casanovas im frühen 19. Jahrhundert. Bildrechte: IMAGO

Man verliert bald die Übersicht, bei all den Namen der Frauen, die Anne Lister in ihrem Leben verführt hat. Eliza, Isabella, Mariana, Sibella, Vere und Ann spielen die wichtigsten Rollen und lassen sich umgarnen, bezaubern und betrügen von einer Frau, die genau weiß, was sie tut. Denn Anne Lister, geboren 1791 im englischen Yorkshire, ist nicht nur selbstbewusst, sie ist auch klug, charmant und hat ein so einnehmendes Wesen, dass sie scheinbar jede Frau, die sie haben will, auch bekommt. Wie sie das schafft, darüber schreibt sie in ihrem ausufernden Tagebuch von geschätzt vier Millionen Worten.

Zwei Frauen im Bett - anno 1820 schöpfte niemand Verdacht

Dort hält sie nicht nur alle jugendfreien Erlebnisse ihres bereits recht abwechslungsreichen Alltags als studierende und reisende Frau fest, sondern - in einer Geheimschrift - auch alle Details ihres Liebeslebens: Von der ersten Berührung bis zum handfesten Sex. Der findet zwar hinter verschlossenen Türen statt, aber doch vor aller Augen. Denn weil Frauen im vorviktorianischen England keine eigenständige Sexualität zugestanden wird, ist es kaum verdächtig, wenn zwei Frauen ein Bett teilen.

Manch Vater ist sogar froh, wenn seine Tochter eine Freundin bei sich hat, denn nur ein Mann birgt die Gefahr von ungewollter Schwangerschaft und Erbschleicherei. Und so kann Lister agieren wie ein weiblicher Don Giovanni, kann Liebesschwüre verteilen, ohne sie zu meinen, kann fremdgehen, intrigieren und unzähligen Damen den Kopf verdrehen. Mindestens drei der Frauen fühlen sich schließlich sogar mit Anne Lister "verheiratet", jedenfalls im Herzen.

Reise- und Abenteuerlust - und vor allem: Unabhängigkeit

Buchcover - Angela Steidele: Anne Lister. Eine erotische Biografie
Cover zum Buch: "Anne Lister - eine erotische Biografie" Bildrechte: Matthes & Seitz Verlag Berlin

Doch es ist nicht allein das Liebesleben der Anne Lister, das die Lektüre ihrer Biografie so aufregend macht. Es ist auch ihr Eigensinn, ihr Mut und ihre Abenteuerlust. Denn immer, wenn ihr Leben einmal nicht um eine neue Liebschaft kreist, studiert sie Sprachen und Anatomie, geht auf Reisen, nicht nur in England, sondern auch in Frankreich, Deutschland, in der Schweiz oder in Skandinavien. Ruhelos und bis an die Grenzen der eigenen Kräfte besteigt sie höchste Berge und wagt sich an Unternehmungen, die zu ihrer Zeit Männern vorbehalten sind. So wird sie Hausherrin ihres ererbten Elternhauses, legt Kohleminen an, beteiligt sich an Firmen und Wahlkämpfen und ist immer daran interessiert, sich ein unabhängiges Leben zu organisieren. Und das muss sie auch, ist doch der übliche Weg einer Frau zu dieser Zeit, sich über die Heirat mit einem wohlhabenden Mann den Unterhalt zu sichern. Eine Option, die für die eigensinnige Anne Lister keinesfalls in Frage kommt.

Echte Liebe aber blieb Fehlanzeige

Eins wünsche ich mir mehr als alles andere. Ohne dieses eine kann ich auf dieser Welt nicht glücklich sein. Ich bin nicht dafür gemacht, allein zu leben. Ich muss eine Gefährtin um mich haben. Im Lieben und Geliebtwerden würde ich mein Glück finden.

Anne Lister, 1821 in ihrem Tagebuch
La Gimblette, Frau mit Hund im Bett, galanter französischer Kupferstich von Bertony nach einem Gemälde von Fragonard, um 1755
Im frühen 19. Jahrhundert war die Gesellschaft vielleicht viel freizügiger als man dachte Bildrechte: IMAGO

Trotz ihrer vielen Beziehungen und Affären wird sie ihr Leben lang nie die eine, die ganz große Liebe finden. Was vermutlich auch daran liegt, dass sie nur eine Frau wirklich liebt: sich selbst. Doch weil man nicht nur lieben kann, sondern auch leben muss, entscheidet sie sich schließlich für die so junge wie wohlhabende Ann Walker. Mit ihr lebt sie die letzten Jahre ihres Lebens in einem eheähnlichen Verhältnis, mit allen dazugehörigen Höhen und Tiefen. Ann ist es auch, die sie auf ihrer letzten, besonders abenteuerlichen Reise begleitet: Von Yorkshire über Stockholm und Moskau bis in den Kaukasus. Fast auf dem Heimweg, entkräftet und Opfer ihren Selbstüberschätzung, stirbt Anne Lister 1840 auf dieser Reise vermutlich an einer Infektionskrankheit im Alter von 49 Jahren.

Gar nicht so prüde: die englische Gesellschaft

Angela Steidele, deutsche Autorin und Kulturwissenschaftlerin, aufgenommen am 30.10.2015 in Mainz.
Angela Steidele ist Spezialistin für Liebesgeschichten zwischen Gleichgeschlechtlichen auf der Basis historischer Quellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert Bildrechte: dpa

In ihrer erotischen Biografie hat Angela Steidele die Quintessenz des überbordenden Tagebuchs von Anne Lister notiert. Das Buch liest sich übrigens tatsächlich wie ein Roman und führt uns kunstvoll in die englische Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts ein. Eine Gesellschaft, die weit weniger prüde war als gedacht, wie dieses Buch beweist. Eine Gesellschaft auch, in der Frauen durchaus eigene Wege gehen konnten. Dass es fast 200 Jahre dauerte, bis das freizügige Tagebuch der Anne Lister komplett entschlüsselt werden konnte, ist ganz sicher nicht der Verfasserin dieses einzigartigen Dokuments anzulasten.

Obwohl sie selbstverliebt, anmaßend, zuweilen rücksichtslos und ganz sicher nicht fehlerfrei war, führte Lister doch ein beeindruckendes Leben, das einzig und allein ihrem eigenen Willen folgte. Heute, zu einer Zeit, in der Frauen weltweit zu neuem Selbstbewusstsein gelangen, in der sie überholte Opferrollen abschütteln und sich von patriarchalen Strukturen nicht mehr beeindrucken lassen, ist diese wunderbare Biografie eines weiblichen Don Giovanni genau die richtige Lektüre.

Landschaft Yorkshire
Ein adliger Landsitz in Yorkshire war Schauplatz für Anne Listers amouröse Verstrickungen Bildrechte: IMAGO

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 03. Januar 2018 | 07:40 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. Januar 2018, 03:00 Uhr

Buchcover - Angela Steidele: Anne Lister. Eine erotische Biografie
Bildrechte: Matthes & Seitz Verlag Berlin

Informationen zum Buch

Informationen zum Buch

Angela Steidele: "Anne Lister. Eine erotische Biografie"
Erschienen im Verlag Matthes & Seitz Berlin
328 Seiten, 28 Euro
ISBN: 978-3-95757-445-9

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