Dächer von Prag im Smog.
Dächer von Prag im Smog. Bildrechte: imago/CTK Photo

Sachbuchkritik "Austern in Prag": Erinnerungen an die graue Zeit nach dem Prager Frühling

Prag ist eine Stadt, die sich besser erzählen als beschreiben lässt. Beispiele dafür lassen sich in den Reportagen von Egon Erwin Kisch finden oder in Erzählungen von Lenka Reinerová. In diese Reihe kann sich nun auch der schwedische Journalist und Autor Richard Swartz stellen. Er hat in den 70er-Jahren als Student in Prag gelebt und beschreibt diese Zeit in seinem Buch "Austern in Prag". Es ist – passend zum Gastlandauftritt Tschechiens auf der Leipziger Buchmesse – eine Liebeserklärung an die tschechische Hauptstadt.

von Tino Dallmann, MDR KULTUR

Dächer von Prag im Smog.
Dächer von Prag im Smog. Bildrechte: imago/CTK Photo

Richard Swartz schaut auf Prag, als alle anderen wegschauen: Wenige Jahre nach dem Prager Frühling will kaum jemand einen Blick hinter den Eisernen Vorhang werfen. Von neuem scheint die Stadt in vergilbte Fotoalben geklebt oder in ein dickes ungelesenes Buch über den Dreißigjährigen Krieg eingesperrt, schreibt Schwartz, der 1970 als Student nach Prag kam. In seinen Erinnerungen beschwört er eine Zeit herauf, die von Tristesse und Resignation geprägt ist:

"Mir wird klar, dass das, worin ich täglich umherstreune, eine zwar betörend schöne, aber riesige Kulisse ist, deren verfallene Schönheit nur allzu oft an jene erinnert, die nicht mehr hier sind, und daran, warum sie nicht mehr hier sind. Diese Stadt ist, wie eine spätere Zeit es formulieren wird, ethnisch gesäubert, und wie in all diesen Städten werden die Abwesenheiten wichtiger als die Anwesenden, eine Stadt, in der die, die bleiben konnten und nicht zur Flucht gezwungen wurden, sich in einer Art innerem Exil befinden."

Prager Brüger mit der tschechoslowakischen Flagge werfen brennende Fackeln auf einen sowjetischen Panzer.
Die Demokratisierungsbemühungen in Tschechien wurden 1968 von sowjetischen Panzern niedergeschlagen. Bekannt wurde diese Zeit als "Prager Frühling". Bildrechte: dpa

Ein Blick in den Alltag, abseits der Touristenziele

Es ist kein schöngefärbter oder sentimentaler Blick, den Richard Swartz – inzwischen 73 Jahre alt – auf seine Studentenzeit wirft. Touristenattraktionen wie die Karlsbrücke oder die Prager Burg interessieren ihn nur am Rande. Er will vor allem mehr über den Alltag der Prager wissen und sammelt Eindrücke auf langen Spaziergängen durch die Stadt:

Prag scheint für Augen und Nase gemacht. Andere Sinnesorgane kommen hier zu kurz. Die Stadt riecht nach Kohle, nach Schimmel und feuchtem Mauerwerk, zwischen den Häusern der Gassen nach Urin, überall nach schlechtem Benzin und jetzt im Spätherbst nach feuchtem Laub. Die Braunkohle hat einen unangenehm stechenden Geruch, der erst erträglicher wird, wenn er sich mit den anderen Gerüchen der Stadt mischt.

Richard Schartz in "Austern in Prag"
Richard Swartz
Journalist und Autor Richard Swartz erinnert sich in seinem Buch an seine Zeit in Prag Anfang der 70er-Jahre. Bildrechte: Paul Zsolnay Verlag

Das Buch ist ein klassischer Vertreter der Memoiren-Literatur: Einerseits erfährt der Leser viel aus dem Leben von Swartz, der mit dem Umzug nach Prag der Enge eines geordneten Erwachsenenlebens entkommen will. Andererseits, und das nimmt den größten Teil des Buches ein, erfährt er etwas über die Stadt in den frühen 70er-Jahren. Diese Zeit der sogenannten "Normalisierung" war eine Zeit des stillen Ausharrens – auf Seiten der Mächtigen und auf Seiten der einfachen Menschen: "Die [...] Normalisierung bedeutet: Wir, die die Macht haben, versprechen, dass wir euch in Ruhe lassen", schreibt Swartz, "wenn ihr versprecht, uns in Ruhe zu lassen. Wir tun so, als regierten wir, und ihr tut so, als ließet ihr euch regieren. Wir befehlen nicht mehr, und ihr tut so, als gehorchtet ihr unseren Befehlen."

Wenn der Besuch einer Kneipe einem Kirchgang gleicht

Die Bierschenke ist ein Ort, um sich zu entziehen, und die Aufgabe der Kellner besteht darin, die Gäste hier ungestört und in Frieden zu lassen. Dieser Ort gleicht nicht so sehr einem Arbeitsplatz als vielmehr einem Tempel, in dem sich alle zum großen Vergessen bekennen. Eine Zeremonie oder ein Ritual von beinahe heiliger Art.

Richard Schartz in "Austern in Prag"
Buchcover: Austern in Prag von Richard Schwartz
Buchcover: Austern in Prag von Richard Schwartz Bildrechte: Hanser Literaturverlage/Zsolnay

Richard Swartz hat lange als Osteuropa-Korrespondent für eine schwedische Tageszeitung gearbeitet. Außerdem hat er Romane und Essays geschrieben. In seinen Büchern verbinden sich die Beobachtungsgabe des Journalisten mit dem Geschick des Autors: Swartz beschreibt, wie in der damaligen Mangelwirtschaft die Ladenfenster in einer eigenen, abweisenden Schönheit dekoriert wurden. Und wieso der Besuch einer Prager Kneipe einem Gang in die Kirche gleicht.

Richard Swartz ist eine literarische Heraufbeschwörung des alten Prags gelungen: Allerdings lässt er keine goldenen Zeiten wieder lebendig werden, sondern die grauen und bleiernen Jahre nach dem Prager Frühling. Sein Buch ist melancholisch und heiter zugleich – und wird auch deshalb der Stadt gerecht, über die er schreibt.

Infos zum Buch: Richard Swartz: "Austern in Prag. Leben nach dem Frühling"
aus dem Schwedischen übersetzt von Andrea Zederbauer
erschienen im Zsolnay-Verlag
256 Seiten, 22 Euro
ISBN : 978-3-552-05932-0

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. März 2019 | 11:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. März 2019, 04:00 Uhr