Sachbuch Das Berlin der Weimarer Republik als Gesellschaftskrimi

Der Germanist Peter Walther, 1965 in Berlin geboren, wurde 2017 mit einer fulminanten Biografie über den Schriftsteller Hans Fallada bekannt. Jetzt hat Walther ein Buch über die letzten Jahre der Weimarer Republik im Spiegel der Hauptstadt geschrieben: "Fieber. Universum Berlin 1930-1933". Das Buch ist sorgfältig recherchiert und verdichtet den Bericht über die Krise zu einer packenden Erzählung. Nebenbei enthält es neun biografische Porträts bekannter Zeitgenossen wie Hanussen oder Thälmann.

Peter Walther: Fieber. Universum Berlin 1930 - 1933
Bildrechte: Aufbau Verlag

Über das Scheitern der ersten deutschen Demokratie ist viel geforscht und geschrieben worden. Die fehlerhafte Verfassung, problematische Traditionen, Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und Massenelend lassen sich als Gründe anführen. Die bundesrepublikanische Demokratie ist bei weitem stabiler, die Lebensumstände sind ungleich komfortabler. Und doch wird gerade heute häufiger an das Ende der Weimarer Republik erinnert, gibt es doch bei allen Unterschieden einige Parallelen. Auch unsere Gegenwart ist durch einen Rechtsruck und soziale Spaltung geprägt.

Die Krise ist in allen Lebenslagen spürbar

Der Germanist Peter Walther hat ein Buch geschrieben, dass die Krise der Weimarer Republik ganz nah heranzoomt. Er führt auf die Straßen, zu Demonstrationen und blutigen Schlachten zwischen Kommunisten und Nazis, aber auch in Sitzungssäle und Hinterzimmer der Politik.

Hellseher Hanussen
Der Hellseher Hanussen Bildrechte: dpa

Walther schildert die Symptome der Krise dort, wo sie am offenkundigsten war, in Berlin: "Auf dem Ku'damm wird 'Mittagessen auf Teilzahlung' angeboten: 'Leuten, die sich in einer nur vorübergehenden Geldverlegenheit befinden, soll Gelegenheit gegeben werden, ohne großen Kostenaufwand gut und billig Mittag essen zu können', heißt es in der Deutschen Allgemeinen Zeitung: 'Voraussetzung ist nur, dass der Gast sich verpflichtet, mindestens sieben Mahlzeiten innerhalb von zwei Wochen hier einzunehmen, wofür er jedes Mal nur ein Viertel des Preises zu bezahlen braucht. Die restlichen drei Viertel werden in drei Monatsraten abbezahlt'."

Anfang der 30er Jahre gibt es auch ein anderes Hauptstadtleben: die Theater- und Kunstszene blüht, Touristen strömen in die Stadt, die für ihre Freizügigkeit bekannt ist. Ein wenig überraschend fängt der Fallada-Biograf Walther diese anziehende Seite nur knapp ein. Er schreibt: "Berlin ist ein Tummelplatz für Scharlatane und Propheten, Verrückte und Gauner."

Zitat aus "Fieber": "Für Carl Zuckmayer ist die Stadt wie eine 'sehr begehrenswerte Frau': 'Wir nannten sie arrogant, versnobt, parvenuhaft, kulturlos, ordinär. Insgeheim aber sah sie jeder als das Ziel seiner Wünsche: Der eine füllig, mit hohem Busen in Spitzenwäsche, der andere schlank mit Pagenbeinen in schwarzer Seide. Unmäßige sahen beides, und der Ruf ihrer Grausamkeit reizte erst recht zum Angriff'."

Neun Porträts von Protagonisten dieser Zeit

Walther konzentriert sich auf die politische Situation und betrachtet die prekäre Lage aus der Perspektive einzelner, exponierter Persönlichkeiten. Neun Protagonisten der Zeit, deren Wege sich immer wieder kreuzen, porträtiert der Autor. Die Politiker sind in der Überzahl: die drei letzten Reichskanzler vor Hitler, also Brüning, von Schleicher und von Papen, treten ebenso auf wie der Kommunist Thälmann und der Berliner SA-Führer Graf von Helldorf. Zu den schillerndsten Akteuren zählt der jüdische Hellseher Erik Jan Hanussen, der beste Kontakte zur Nazielite unterhält. Die US-amerikanische Journalistin Dorothy Thomson schließlich liefert die Perspektive der professionellen Beobachterin. 1931 interviewt sie Hitler und ist enttäuscht:

Zitat aus "Fieber": "Als sie endlich zu Hitler vorgelassen wird, bemerkt sie schnell, dass mit ihm kein Gespräch zu führen ist: 'Er redet fortwährend so, als spräche er auf einer Massenversammlung'. Ihr Gegenüber macht keinen starken Eindruck auf sie. .... Wenn die amerikanische Journalistin gegen jede Verabredung Zwischenfragen stellt, dann 'starren seine Augen in eine ferne Ecke des Raumes; eine hysterische Note kommt in seine Stimme, die sich manchmal fast zu einem Schrei steigert'."

Spannend wie ein Gesellschaftskrimi

Walthers mit viel Sinn für Atmosphäre und Dramaturgie geschriebenes Buch ist so spannend wie ein Gesellschaftskrimi. Ausgedacht ist jedoch nichts. Peter Walther hat gründlich recherchiert, sein Material klug arrangiert und zu einer packenden Erzählung der Krise verdichtet. Eine Zwangsläufigkeit der Entwicklung lässt sich aus seiner Schilderung nicht ableiten. Im Gegenteil: Er zeigt, dass die Geschehnisse auch eine andere Richtung hätten nehmen können. Die Verteidiger der Republik suchten permanent nach Möglichkeiten, um die Machtergreifung Hitlers abzuwenden. Ganz zuletzt waren alle Wege verbaut.

Informationen zum Buch: Peter Walther: "Fieber. Universum Berlin 1930-1933"
Erschienen im Aufbau Verlag
364 Seiten, 22 Euro
Mit 17 Abbildungen
ISBN: 978-3-351-03479-5

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 26. Februar 2020 | 07:40 Uhr